Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

Zitierlink

31

32

und muss die christliche Religion im protestantischen Sinn und
in protestantischer Fassung lehren" (37). Dann aber sind ihm
echte Vertreter protestantischer Theologie doch nur die Liberalen,
die seiner Meinung nach unterdrückt werden, wenn es nicht
gelingt, „die öffentliche Meinung mobil zu machen und auf-
zureizen" (88). Nur ihre Existenz rechtfertigt geschichtlich und
prinzipiell das Verbleiben der evangelisch-theologischen Fakul-
täten in den Universitäten: „Unsere liberale Theologie nimmt
den anderen Fakultäten einen Teil dieses Kampfes gegen drohende
Uebergriffe und das Odium ab, dem die wissenschaftliche
Arbeit — man denke an den Streit um den Darwinismus —
von Seiten der Altgläubigen ausgesetzt ist. Hinter ihrer Deckung
kann die übrige Wissenschaft verhältnismässig ruhig und un-
behelligt ihre Arbeit versehen" (30). Die positive Theologie
wird — man kann nur sagen erfreulicherweise — durch diese
rein negativen Leistungen in ihrer akademischen Existenz nicht
gerechtfertigt; ob Bich die liberale hierdurch genügend gerecht-
fertigt fühlt, mag sie mit Ziegler ausmachen.

R. H. Grütz mach er-Erlangen.

Hopf, Wilh., August Vilmar. Ein Lebens- und Zeitbild.
2 Bäude. Marburg 1913, N. G. Elwert (V, 462 S. u.
476 S. gr. 8).

Was in weiten Kreisen lange gewünscht, jetzt aber kaum
noch erwartet wurde, wird uns in dem vorliegenden Buche ge-
boten: eine eingehende Lebensbeschreibung August Vilmars.
Der Veif., ein Neffe Vilroars, der während der letzten Periode
seines LebenB, der Professur in Marburg, in dem Hause des
verehrten Oheims ein- und ausging, war dazu besonders be-
fähigt. Ihm stand die literarische Hinterlassenschaft Vilmars,
insbesondere auch die Korrespondenz mit Familiengliedern, zur
Verfügung. Dazu bekennt er, dass er „alles, was er an innerem
Leben und geistiger Existenz besitzt, nächst Gott und beinern
elterlichen Hause allein diesem seinem väterlichen Freunde zu
danken hat und in Zeit und Ewigkeit danken wird". Er ist
einer der vielen, die in Vilmar ihren geistlichen Vater ver-
ehren. Schloss sich ihm so die Eigenart Vilmars tiefer auf, so
hat er sich doch die Objektivität des Urteils zu wahren ge-
sucht. Vilmar hatte wie wenige die Gabe, das in ihm pulsierende
Leben aus Gott in die Seelen anderer hineinzupflanzen. Die
meisten seiner persönlichen Schüler und Nachfolger sind nicht
mehr unter den Lebenden, aber sein Erbe ist damit nicht ver-
loren gegangen. Wir wissen, zumal in Hessen, dass, was wir
an kirchlichem Leben aus dem vorigen Jahrhundert überkommen
haben, zum guten Teil auf Vilmar zurückgeht, aber auch weit
über die Grenzen Hessens hinaus hat er namentlich auf den
Pastorenstand befruchtend gewirkt. Darum wird es nicht an
solchen fehlen, die das allerdings spät erschienene Bach auch
jetzt noch dankbar begrüssen, das uns Vilmars kaum glaubliche
Arbeitsleistung auf den verschiedensten Gebieten, seine originale
Geisteskraft und seine hervorragende Bedeutung für unser Volk
vor Augen stellt, dabei aber auch die ganze Zeitgeschichte in
kultureller und sozialer, in politischer und kirchlicher Hinsicht
vielfach beleuchtet.

Vilmar ist nicht nur ein Mann der Vergangenheit, sondern
auch für die Gegenwart und, wir dürfen hinzusetzen, ein Mann
auch für die Zukunft, an den man wird anknüpfen müssen,
wenn dia Namen derer, die sein Andenken glauben aualöschen
zu können, längst vergessen sein werden.

Zwar die gebildete Weit kennt Vilmar grossenteils nur ais den

berühmten Literarhistoriker, und zweifellos hat Vilmar das
grosse Verdienst, Liebe und Verständnis für die deutsche
Nationalliteratur in weiten Kreisen überhaupt erst geweckt zu
haben; und es ist von hoher Bedeutung für unser Volk ge-
wesen, dass dieses durch einen solchen Mann geschah, der mit
dem offenen Blick und dem feinsinnigen Verständnis für die
poetischen Schöpfungen unseres Volkes eine so kerndeutsche
Gesinnung und tief christlichen Geist vereinigte.

Andere wissen von Vilmar als hervorragendem Schul-
mann, und er war in der Tat nicht nur ein vortrefflicher
Gymnasialdirektor und ein ausgezeichneter Lehrer, ob er seine
Schüler in das klassische Altertum oder in deutsche Geschichte
und Literatur oder auch in die Botanik einführte, ob er Homer
oder Plato, das Nibelungenlied oder Goethe mit ihnen las oder
die heilige Geschichte des Alten und Neuen Bundes entrollte
oder die Augsburger Konfession aufschloss; er war auch der
Reformator des gesamten Schulwesens in KurheBsen, dem Uni-
versität und Gymnasien, Lehrerseminare und Volksschulen tief-
greifende Verbesserungen verdanken. Seine „Schulreden
über Fragen der Zeit" zeigen, mit welchem Tiefblick in
die GeistesbeweguDgen des Volkes er die Aufgabe insbesondere
der höheren Schulen als der Bildungsai:stalten für die künftigen
Führer des Volkes erfasste und darzulegen wusste.

Trotzdem hat man wiederum in nicht geringen Kreisen von
Vilmar nur das Bild eines finsteren Reaktionärs auf staat-
lichem wie auf kirchlichem Gebiet. In Wahrheit wird
seine nicht geringe Tätigkeit auf politischem Gebiet dadurch
bezeichnet, dass er als eherner Fels der Revolution in jeder
Gestalt gegenüberstand, ohne den Hass zu achten, den er eich
dadurch zuzog. Im Jahre 1848 hat er die Hoffnung auf eine
Einigung Deutschlands und ein neues Deutsches Reich mit Be-
geisterung begrüsst, aber in Wort und Schrift die wilden
Geister der EmpöruDg bekämpft, ja er hat die wüsten Scharen,
die sein Haus stürmten und die Haustür bereits mit Aexten
eingeschlagen hatten, mit der Büchse in der Hand zurück-
getrieben, bis Hilfe kam. Ebenso hat er später als Ministerialrat
im Kampf des Landesherrn mit der von einem kommunistischen
Republikaner geleiteten Ständeversamrnlung und der Beamten-
schaft für die unbedingte Niederwerfung der Revolution auch
in dieser Gestalt seine ganze Kraft eingesetzt. Vor allem aber
war Vilmar ein Mann der Kirche. In dieser sah er nicht
ein menschliches Gebilde, sondern die Heilsanstalt des lebendigen
Gottes, in welcher der Herr Christus selbst gegenwärtig ist,
um durch Wort und Sakrament die Seeleu selig zu machen.
Ihr die Kraft seines Lebens zu widmen, war allezeit die Sehn-
sucht Vilmars, auch als sein Lebensweg ihn auf das Gebiet
der Schule führte. Schon als Gymnasialdirektor hat er seit
1848 die Geistlichen in Konferenzen gesammelt und gelehrt,
das geistliche Amt in seiner Tiefe zu ei fassen. Seine Berufung
an die Spitze der Kusseler Diözese zur Vertretung des General-
superintendenten stellte ihn in ein reiches oberhiriliches Wirken
von ausserordentlicher Fruchtbarkeit. Bei beginnendem Alter
noch auf den akademischen Lehrstuhl berufen, entfaltete er
eine gesegnete Lehrtätigkeit mit immer wachsendem Einfluss
auf den theologischen Nachwuchs. Dabei war er ein schlichter
Prediger in Kindeseinfalt und Geistestiefe, dessen Worten oft
Tausende einfacher Landlente lauschten.

Vilmar stand auf dem festen Grund der kirchlichen Be-
kenninisse. In diesen sah er die Ergebnisse der Erfahrungen
niedergelegt, in denen Christus seiner Kirche das Verständnis
der in ihm geoffenbarten Gnade und Wahrheit durch die Jahr-
loading ...