Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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gewesen, und ans ihm sei die Vorlage des Cod. Sang. 914 un-
mittelbar abgeschrieben, genügend begründet sei; 3. dass man
mit Traube den Abt Simplicius von Monteeassino als Urheber
der interpolierten Rezension zu betrachten habe. Butlers Gründe
für den letzten Einwand hat Traube selbst noch als gewichtig
anerkannt (vgl. Plenkers in der 2. Auflage des Traubeschen
Werkes [Münchener SB 1910] S. 3). Umgekehrt hat Butler
seinen ersten Einwand selbst zurückgenommen (Journal of
Theolog. Studies XI, 279—288), während er an dem zweiten
noch festhielt. Mau konnte gespannt sein, wie er sich nun in
seiner eigenen Ausgabe dazu stellen werde. Er hat sich auch
in diesem Punkt Tiaubes Anschauung zu eigen gemacht, hält
aber zugleich an der Tradition von Monteeassino fest, dass
auch der Text des Cod. Casinen. 175 auf den Autograph Benedicts
zurückgehe; freilich muss er zugestehen, dass sich in dieser
Handschrift Lesarten finden, die mit dem späteren „Textus
Receptus" übereinstimmen.

Auch in der Textgestaltung weicht Butler daher hier und
da von Traubes Vorsehlägen ab. Die Lesarten der Hand-
schriften eind jedoch sorgfältig zusammengestellt in den „Lee-
tiones selectae". Der Hauptvorzug der Ausgabe besteht in der
Anführung aller Stellen der Schrift und der Kirchenväter, die
für die Regel benutzt wurden. Vortreffliche Iudices Locorum,
Verborum und Rerum erhöhen die Brauchbarkeit der handlichen
kleinen Ausgabe auch für wissenschaftliche Zwecke.

Gerhard Bonwetsch-Berlin-Steglitz.

Hönde, D. Eduard (ord. Prof. an der Univ. Upsala), Schwe-
dische Kirchenkunde, übersetzt von stud. theol. Rudolf
Muuss. (Kirchenkunde des evangelischen Auslandes IV,
zugleich Heft 2, Band 6 der Studien zur praktischen
Theologie VL 2 von B. Karl, Eger.) Giessen 1913, Töpel-
mann (81 S. gr. 8). 3 Mk.
Die „Kirch enkunde" hat in ihren drei ersten Heften sich
mit der reformierten Schweiz, mit Norwegen und mit Schott-
land beschäftigt. Eine genauere Unterweisung über die kirch-
liche Lage in Schweden wird namentlich in lutherischen Kreisen
Deutschlands zurzeit hochwillkommen sein. Das Buch zerfällt
in 5 Kapitel: 1. Verfassung und Organisation; 2. Gottesdienst
und Gemeindeleben; 3. Voreinsleben, äussere Mission; 4. Kirche
und Schule; 5. Die theologische und kirchliche Lage. Fast
möchte man wünschen, der Verf. hätte Kapitel 5 vorangesetzt,
weil man manches in den ersten mehr deskriptiven Kapiteln
ohne einen Einblick in die geschichtlich gewordene Gesamtlage
schwer versteht. So ist wiederholt von der „freikirchlichen Be-
wegung" die Rede gewesen, aber erst auf S. 76 wird genauer
gesagt, wie diese geworden ist und was sie jetzt bedeutet. Die
Gründe der unruhigen, oft beängstigenden Erregung, weiche
zurzeit durch Schwedens Kirche geht, macht der Verf. gut klar
in folgenden Sätzen: „Schweden hat lange Zeit eine Bauern-
kultur als bestimmenden Faktor gehabt. Lange hat das Volks-
leben in weitem Umfange, nicht die gebildeten Kreise, isoliert
gelebt. Plötzlich haben sich in der letzten Hälfte des verflossenen
Jahrhunderts alle Türen den fremden Eiuflüssen geöffnet. Und
gerade wegen dieser vorhergehenden Isolierung hat mau dem
Neuen gegenüber nicht in wünschenswertem Grade an der von
den Vätern ererbten Sitte festhalten können." Wenn er nun
zeigt, wie stark die schwedische Theologie von der deutschen,
namentlich soweit sie auf Ritsehl und Wellhausen zurückgeht,
und weiter auch von der englischen beeinflusst ist, so scheint

er doch nicht genügend das starke altlutherische Element,
namentlich im Nordlande in Rechnung gezogen zu haben. Dies
weit zerstreut und daher einsam lebende Volk liebt seinen
Luther („Läsare"), seinen Arnd und die alten Württeorberger,
es ist daneben vom Methodismus und vom Pietismus nicht ganz
unbeeinflusst geblieben (Rosenius), aber von modern theologischom
Wesen wird sich da schwerlich etwas finden. Der Verf. ais
moderner Universitätstheologe scheint doch zu einseitig inter-
essiert zu sein. — Bei den kirchlichen Kämpfen macht er darauf
aufmerksam, daBS ein Streit gegen die katholische Kirche in
Schweden kaum erforderlich sei. Vielleicht hätte auch hinzu-
gefügt werden können, dass man in Schweden wenig Verständ-
nis für unsern Kampf gegen die Union hat. Man versteht unseren
Gegensatz gegen die preussische uuierte Landeskirche dort gar
nicht, weil man in keiner Weise von einem solchen berührt
wird. Noch auf manches könnte man bei diesem Bache hin-
weisen, aber wir lassen das beiseite. Hauptsächlich freuen wir
uns, weil wir jetzt in die Lage gesetzt sind, uns über die kirch-
lioheu Verhältnisse des uns befreundeten Schweden genauer zu
unterrichten. D. Pentzlin-Hagenow (Mecklenburg).

Ziegler, Theobald, Ueber Universitäten und Universitäts-
studium. Sechs Vorträge. (Aus Natur und Geisteswelt 411.)
Leipzig 1913, Teubner (V, 116 S. kl. 8). Geb. 1.25.
Der bekannte Philosoph T. Ziegler, früher in Strassburg,
der jetzt in Frankfurt a. M. im Ruhestande lebt, bietet hier
den Abdruck von Vorträgen, die er zunächst in Salzburg und
dann in Frankfurt gehalten hat Die Spuren des lebendigen
Vortrages sind nicht verwischt, so dass die Ausführungen recht
beweglich und anschaulich, wenn auch nicht immer erschöpfend
und in die Tiefe gehend sind. Nach einem historischem Ueber-
blick über Entstehung und Entwickelung der deutschen Uni-
versitäten wird ihre Aufgabe und ihr Zweck zu bestimmen ge-
sucht. Abschnitt III handelt vom Professor und seiner Lehr-
freiheit, IV vom Studenten mit seiner Lebens- und Lernfreiheit.
Vortrag V spricht vom akademischen Studium, und VI behandelt
unter dem Titel „Allerlei aktuelle Probleme" die Kolleggeld-
frage, die Universitätsferien, allerlei Examina, Universitätsaus-
dehnung. Trotz einer Reihe — zum Teil wohlbegiündeter —
Reformvorschläge im einzelnen ist die Gesamthaltung des po-
litisch wie religiös liberalen Verfassers gegenüber den Uni-
versitäten eine recht konservative, entsprechend seiner Bemer-
kung im Vorwort: „Unsere Universitäten sind konservative In-
stitutionen und sollen, wenigstens für absehbare Zeit, in allem
Wesentlichen bleiben, was sie sind und wie sie sind." Infolgedessen
wendet sich Ziegler — mit Recht — auch gegen die hauptsäch-
lichste Neuerung bei der Frankfurter Universitätsgründung, die
Einrichtung eines besonderen Kuratoriums als Zwisoheninstanz
zwischen Staatsregierung und Professoreukollegium. Für uns
ist besonders Zieglers Stellung zu den theologischen Fakultäten
von Interesse. Er nimmt für sich in Anspruch, als einer der ersten
für ihre Beibehaltung eingetreten zu sein gegenüber ihrer beab-
sichtigten Fonlassung bei den neueren Universitätsgründungen.
Die katholischen Fakultäten erscheinen ihm, sonderlich seit dem
Modernisteneid, als entschiedene „Fremdkörper", die aber aus
praktisch-nationalen Gründen zunächst noch fortbestehen könuen.
In bezug auf die evangelisch-theologischen Fakultäten konstatiert
Ziegler durchaus richtig: „Ganz vorausseizungslos sind auch
die protestantisch-theologischen Fakultäten nicht. .. Also musä
der protestantische Theologieprofessor Christ und Protestant sein
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