Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Christentums auferlegt werden, kann man sich denken. Zum
Beweis für den samaritanischen Ausgangspunkt Jesu will er
wieder, wie neuerdings andere, sich darauf berufen, dass Jesus
die Samaritaner in zwei Gleichnissen als gute Menschen charak-
terisiert hat. Nun, dann war er wohl auch ein früherer Zöllner,
weil er einen solchen im Gleichnis einem Pharisäer vorgezogen
hat? Schon genug über solche gewaltsame Verzerrungen der
Geschichte! Im übrigen sind al!e neueren Versuche, dem Kassen-
gegensatz eine Bolle in der biblischen Geschichte zuzuweisen,
in meinem soeben erschienenen Schriftchen „Das antisemitische
Hauptdogma" nach alleu Seiten hin beleuchtet worden.

Ed. König.

Dobschütz, Ernst v., Das Decrotum Gelasianum de
libris reeipiendis et non reeipiendis in kritischem
Text herausgegeben und untersucht. (Texte u. Unter-
suchungen, hrsg. von A. Harnack und C. Schmidt, 38, 4.)
Leipzig 1912, J. C. Hinrichs (VIII, 362 S. gr. 8). 13. 50.
Der offiziell durch das tridentinische Konzil eingeführte
Index librorum prohibitorum hat seine Vorgeschichte, die nicht
bloss rein geistiger Art ist, insofern, als man entwickeln bann,
wie die Prinzipien des Katholizismus zu der Scheidung von
erlaubten und unerlaubten Schriften führen mussten, sondern
auch seine literarische Vorgeschichte, die, wie man das Schrift-
stück auch auffassen will, schliesslich einmal zum sog. „Decretum
Gelasianum" zurückführt. Das ideine, etwa zehn Druckseiten
umfassende Dekret hat nun v. Dobschütz einer sehr gründ-
lichen, umfassenden Untersuchung unterzogen, die ihr Augen-
merk auf Textherstellung, Sacherklärung und historische Ein-
ordnung richtet.

Der Toxtherstellung hat v. Dobhchfitz den Haupteifer und
seine ganze peinliche und exakte Genauigkeit gewidmet. Man
könnte nicht jeden altchristlichen Text von zehn Seiten in
dieser Weise mit Angabe sämtlicher Varianten, auch derer, die
für die Textstellung von keiner Bedeutung sind, herausgeben,
aber die Bedeutung des kleinen Sohiriftatücks rechtfertigt
doch wohl das Verfahren, das dem Leser die Möglichkeit ge-
nauester Kontrolle des hergestellten Textes gibt. v. Dobschütz
hat sich hinsichtlich des Sachens nach den Handschriften, ihres
Vergleichens usw. die grösate Mühe gegeben, und er wird wohl
darin recht haben, das3 neu auftauchende Handschriften an der
Textfestatellung nichts mehr ändern werden. Sehr sorgfältig
hat er auch die äussere Form der verschiedenen Texte hin-
sichtlich Zahlzeichen, Kürzungen, Orthographischem und Phone-
tischem usw. zur Darstellung gebracht, Dinge, die vermutlich
für den Philologen von Interesse sein werden, wenn auch für
den Text selbst nicht gerade viel dabei herauskommt. Alles,
was diese Seite der Arbeit: Text, Handschriften usw. an-
betrifft, ist geeignet, als Paradigma dafür zu dienen, was alles
im einzelnen bei Herauegabe eines Textes zu berücksichtigen
ist, womit sich der Herausgeber jedenfalls im einzelnen genau
auseinanderzusetzen hat, ohne dass es gerade möglich und
notwendig ist, dass eine Ausgabe das alles in extenso bietet
Die eigentliche Untersuchung umfasst drei Kapitel, nämlich
1. die Ueberlieferung, die von den Handschriften bis zur vor-
liegenden Ausgabe eine sorgfältige Geschichte des ganzen
Dekretes bietet, wichtig sowohl für die Lesarten wie vor allem
für den Uebergang des Stückes in die kanonistischen Samm-
lungen. Es folgt dann 2. „zur Sackerklärung", ein Kommentar
zu dem Stück, und endlich 3. wird die Untersuchung gekrönt

durch die Besprechung des Ursprungs. Das Ergebnis ist hier,
dass kein Grund vorhanden sei, an der ursprünglichen Ein-
heitlichkeit des Stückes zu zweifeln, daBs aber dann die Be-
nutzung Augustins, die Verbindung des Stückes mit Damasus
unmöglich mache, dass auch der Gelasiustitel wegfallen müsse,
indem es sich hier um eine private Gelehrtenarbeit handelt. So
weist v. Dobschütz das Stück in das 6. Jahrhundert und viel-
leicht nach Italien, ohne dass an römisch-päpstliche Herkunft
zu denken ist.

v. Dobschütz gibt also schliesslich keine positive Antwort
hinsichtlich der Bestimmung des Autors und seines Wohnortes,
und sie ist bei dem Stande der Frage auch kaum zu geben.
Wichtig ist zweifellos die Auf Weisung der Entlehnung aus
Augustin, denn ich glaube, dass v. Dobschütz tatsächlich recht
hat, wenn er (S. 245) es für ausgeschlossen hält, dass um-
gekehrt Augustin der Entlehnende sei. Aber trotzdem muss
ich v. Dobschütz' Optimismus hinsichtlich seiner These von der
Notwendigkeit der Streichung des Damasus aus der ganzen
Ueberlieferung des Decretums etwas enttäuschen, indem ich
gestehe, dass so eindrucksvoll das Argument mit Augustin ist,
der Beweis der Einheitlichkeit des ganzen Stückes (S. 352/5)
mir nicht so stark imponiert hat, dass ich nicht eine vor der
gegenwärtigen, tatsächlich einheitlich redigierten Form liegende
frühere Form für möglich halten kann. Die „gelehrte Privat-
arbeit" — könnten wir nicht besser sagen „ungelehrte Privat-
arbeit"? — ist doch auch nach v. Dobschütz stark kompila-
torisch. Alte Listen werden benutzt, geändert und geformt, die
Listen z. B. der allegorischen Namen Christi beruhen auf ganz
alter Tradition. An ganz Eigenem hat der letzte Redaktor
vermutlieh ganz wenig hinzugetan, wenn er es auch verstanden
hat, das Ganze ein wenig zusammenzuschweissen, so dass man
vielleicht wirklich mit Dobschütz sagen kann: „Geist und Stil
sind doch durch das ganze Schriftstück die gleichen" mit der
Einschränkung, dass von „Geist" eigentlich doch nicht viel zu
spüren ist. Diese ganze Literatur von Listen und Zusammen-
stellungen ist wie die Agenden, Liturgien und Katenen „Traditions-
literatur", wo ein alter Name sehr wohl mindestens den ersten
geschichtlichen Anstoss richtig wiedergebeu kann; dass das
auch hier bei Damasus der Fall sein kann, diese Möglichkeit
scheint mir durch v. Dobschütz' Beweisführung nicht evident
beseitigt zu sein.

Es hat mir Freude gemacht, der methodisch feinen und mit
Versenkung in das Einzelne geschriebenen Untersuchung zu
folgen. Hermann Jordan-Erlangen.

Butler, D. Cuthbertus (abbas monasterii s. Gregorii Magni
de Downside), Sancti Benedict! regula monaohorum,
Editionem critico-practicam. Friburgi Brisgoviae 1912,
Herder (XVI, 211 S. kl. 8). 3. 20.
Der gelehrte Abt von Downside in Irland ist eine bekannte
Autorität auf dem Gebiet der Forschung zur Geschichte seiner
Ordensregel. Als im Jahre 1898 Ludwig Traube mit seiner
für alle Zeit grundlegenden Abhandlung über die „Textgeschichte
der Regula S. Benedict!" hervortrat (Münchener Sitzungsber.
1898), war Butler der einzige, der mit wissenschaftlichen
Gründen eine Anzahl Aufstellungen Traubes bekämpfte (Downside
Review 1899 Dec). Er bestritt 1. dasB Traube bewiesen habe,
der Vulgatatext der Regula sei eine spätere, interpolierte
Rezension; 2. dass Traubes Behauptung, der Autograph Benedicts
sei in Montecassino bis zum Endo des 9. Jahrhunderts vorhauden
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