Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

Zitierlink

15

16

Lebens, das uns ans der Geschichte des Christentums anspricht".
Dies erreicht das Christentum, indem 63 uns im Unterschied
von jeder anderen Weltanschauung praktisch hilft, die Zentral-
frage des Uebels nnd des Leidens dadurch zu lösen, dass wir
durch den Gedanken der Gotteskindersehaft „das Leiden in
Energie verwandeln" können, indem es also Erlösungsreligion
ist oder vielmehr in seiner Epigenesis es geworden ist.

Das geistvolle Buch ISsst an Klarheit der Tendenz nichts
zu wünschen übrig. Es sichert seinem Verf. einen Platz auf
der äussersten Linken der heutigen Theologie. Wie man es
zu beurteilen hat, hängt davon ab, wie man die religions-
gesehichtliche Betrachtung des Christentums bewertet. Fast
alles an dem Buch fordert zur Kritik heraus; darum muss die
Kritik dem Leser überlassen werden. Der Offenbarungstheologe
wird bei der Lektüre ganz deutlich empfinden, dass es zwischen
der neuesten Phase des Liberalismus und dem traditionellen
Christentum kaum mehr ein gegenseitiges Verständnis, geschweige
denn eine Verständigung gibt. Vereinzeltem wird wohl auch
er die Zustimmung nicht versagen, so wenn Beth den (relativen)
Wert der Entwickelung des Christentums zur Buchreligion an-
erkennt oder die bleibende Bedeutung des historischen Jesus
als unseres Urbildes oder die Berechtigung der Kirche als der
Gemeinde der Gleichstrebenden. Aber auf das Ganze gesehen,
ist nicht ersichtlich, wie sich die von Beth angenommene Ent-
wickelung des Christentums prinzipiell unterscheidet von der, die
Drews dem Christentum nahegelegt hat. Nur ein paar Züge
augenscheinlicher Einseitigkeit seien noch hervorgehoben. In
dem von Beth gezeichneten „Monismus" Jesu werden weder
die Christen die unverkürzte Anschauung ihres Herrn wieder-
finden, noch die Monisten einen echten Monismus. Jesum gegen
die „Theologie der Heilstateachen" ins Feld führen kann nur,
wer die in den Evangelien bezeugten Zweckgedanken Jesu
über das Kreuz von vornherein streicht. Sollte Jesus wirklich
„kurzerhand jeden Zusammenhang des Leidens mit der Sünde
als seiner Ursache verneint haben"? Sollte der Gedanke der
„objektiven" Erlösung, der Luthers ganzer Trost war, im Be-
wusstsein des gegenwärtig lebendigen Christentums gar keinen
Platz mehr haben? Um vollends die Unbrauchbarkeit der Kon-
struktion Beths für das praktische Amt einzusehen, erwäge man,
was er über Todesüberwindung schreibt: es scheint weder
christlich noch tröstlich zu sein. Im unversöhnlichen religiösen
und theologischen Gegensatz zu Beth sind wir der Ueberzeugung,
dass gerade die Elemente die tragenden seien, die er als die
partikularistischen ausscheidet. Wenn aus dem Christentum
alles wird, so wird eben damit nichts daraus. Es soll nicht
bleiben, wie es ist, aber bleiben, was es ist.

Lic. Lauerer-Grossgrtindlach (Bayern).

Meyer, W. (Pfarrer in Spielberg), Das apostolische Glaubens-
bekenntnis. In Predigten ausgelegt. Marburg 1913, El wert
(128 S. gr. 8).

Es ist ein Zeichen unserer kirchlichen Lage, dass jetzt
mehrfach apologetische Predigten über das Apostolikum er-
scheinen. Wir erkennen bei der vorliegenden Sammlung das
apologetische Geschick, die religiöse Gründung und die oft
plastische Ausführung (vgl. die Predigt über das jüngste Ge-
richt) an. Aber gegen die sachliche Position dieser Predigten
kommen uns doch schwere Bedenken. Zwar den Umstand will
ich nicht allzu hoch bewerten, dass der Verfasser in falscher
Schätzung der „Tradition" mehrfach aus der späteren Entstehung

einer Formel begründet, dass Widerspruch gegen sie deshalb
weniger Unglaube wäre. Viel mehr fällt die gesamte Wür-
digung des Tatsachenmaterials des Apostolikums inB Gewicht.
Bei seiner „vermittelnden Stellung" (S. 5) hat der Verfasser,
um dem Vorwurf der Unwahrhaftigkeit beim liturgischen Ge-
brauche des Bekenntnisses zu begegnen, „weil Wahrheit und
Wahrhaftigkeit auf dem Spiele stehen" (S. 4), eine Umdeutung
vollzogen und in den 13 Predigten dieser Sammlung die blei-
bende Bedeutung des Bekenntnisses darin gesehen, dass es nicht
eigentlich Zusammenstellung von Tatsachen des neils, sondern
religiös-symbolischer Ausdruck christlicher Glaubenswerte sei.
Die Formel „eingeborner Sohn" z. B. gilt als ein „wahrlich be-
rechtigter" Versuch der „damaligen Zeit", Unaussprechliches zu
sagen, nämlich das3 in Jesu „Gottes Wesen und Wille in die
Erscheinung getreten" ist (S. 39f.). Aehnlich werden den Formeln
„geboren von der Jungfrau", „niedergefahren zur Hölle", „Auf-
erstehung des Fleisches" u. ä. religiöse Werte untergelegt und
dann die Geschichtlichkeit des Ausgesagten preisgegeben. So
bestimmt wir das Apostolikum als Glaubensaussage festhalten,
so müssen wir uns doch gegen diese Verflüchtigung des Glaubens-
inhaltes erklären. J.Meyer-Göttingen.

Lahusen, D. Friedrich (Pfarrer a. d. Dreifaltigkeitskirche zu
Berlin), Das Evangelium des Paulus, des Apostels
Jesu Christi. Predigten. 2. Aufl. Berlin 1913, Martin
Warneck (VIII, 251 S. gr. 8). 3 Mk.
In 28 Predigten, die dem Gang des Kirchenjahres sich an-
schliessen, stellt der Verf. den gesamten Lehrinhalt der pauli-
nisehen Verkündigung dar. Wenn er der Sammlung den Titel
gibt: „Das Evangelium des Paulus, des Apostels Jesu Christi",
so will er schon damit andeuten, daES für ihn kein Gegensatz
zwischen Jesus und Paulus existiert Er sieht vielmehr überall
die Anknüpfungspunkte für Pauli Predigt in Jesu Verkündigung:
nach einem Wort von Ihmels (N. Kirchl. Ztschr. XVII, 6. bis
7. Heft) ist ihm jene nur die durch eine andersartige Situation
bedingte Aufnahme dieser. Die sachliche Identität beider zu
zeigen, ist eine besondere Absicht des Predigers, weil er die
Erfahrung gemacht hat, dass die theologische Auseinander-
setzung hierüber Beunruhigung bis tief in die Gemeinde hinein
getragen hat. Naturgemäss soll das Buch keine gelehrte Lösung
des Problems bringen. Es enthält ja Predigten, und zwar ist
Lahusen streng bestrebt, die Religion des Apostels, nicht seine
Theologie zu predigen. Aber jeder Leser wird den Eindruck
erhalten, dass Paulus in der Tat weiter nichts verkündigt hat
als den gekreuzigten und auferstandenen Christus. Damit ist
zugleich ein Dank ausgesprochen für den Prediger, der mit
seiner klaren, anschaulichen, packenden Art den Umkreis der
paulinischen Heilsgedanken ohne Abzug zum Ausdruck bringt.
Fragen des Glaubens werden zuerst behandelt: Schuld, Er-
lösungssehnsucht, Rechtfertigung, Erlösung von Schuld und
Sünde, das Kreuz, Abendmahl und Taufe, Geistesbesitz, Be-
kenntnis zu Christo. Ueber die Gemeinde folgen drei Predigten.
Das christliche Leben wird dann geschildert: Liebe, Versuchung,
Leid, Gebet, Streben, Entsagung. Die letzten Dinge bilden
dann den Schluss. Die Predigten des ersten Teils sind meist
so gegliedert, dass die religiösen Begriffe des Apostels zunächst
inhaltlich erklärt und dann nach ihrer religiösen und sittlichen
Bedeutung für uns gewürdigt werden. Wenn berühmte Stellen
in den paulinischen Briefen, z. B. Röm. 1, 16 oder 1 Kor. 13
u. 15, nicht ausgelegt sind, so hat das zufällige Gründe: der
loading ...