Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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suchen. Hier sei u. a. auf die feinsinnigen Bemerkungen von
Norden S. 268 ff. verwiesen, dass das Symbol wenigstens xard
oovau.iv eine Schöpfung des Urchristentums gewesen ist, und
auf seine Erinnerung an die liturgische Stilisierung von 1 Kor.
15, 1 ff. Unrichtig und irreführend ist es, wenn Goetz S. 21
behauptet, im Orient habe man sich vor dem 4. Jahrhundert
bei der Taufe wahrscheinlich auf das kurze Bekenntnis zu dem
wahren Gott beschränkt. Schon die Anklänge an das Apostolikum
bei Ignatius zeigen, wie es im Orient schon um 110 bis 115
nicht an Bekenntnisformeln gefehlt hat; dass hier „die Be-
kenntnisbildung erst eingesetzt, nachdem vom Abendland her
die altrömische Formel bekannt geworden", ist zwar keine neue
Behauptung, aber schlechterdings nicht erweisbar. Für die ganze
Auffassung des Symbols bei Goetz ist charakteristisch gleich
seine Erklärung der ersten Worte „Ich glaube an Gott den
Vater, den All waltenden", die dartun sollen, wie schon die erste
Christenheit auf das „Niveau der griechisch-römischen Popular-
philosophie" herabgesunken (S. 25). Wenn er „diese Reduzierung
des Evangeliums Jesu" (S. 45) vor allem dem Apostel Paulus,
dessen Hand die Gestalt Jesu zu einer starren Dogmenfigur ge-
macht habe, in Rechnung setzt, so werden die Söhne der Refor-
mation ihre Zusammenordnung mit Paulus nicht störend empfinden;
aber geschichtlieh ist doch vielmehr, dass schon das Urchristen-
tum wesentlich wie Paulus gedacht und gelehrt hat. Und wenn
Goetz das Apostolikum „recht eigentlich ein katholisches Be-
kenntnis" nennt (S. 47), so gehört es doch tatsächlich seinem
Wesen nach der vorkatholisohen Zeit der Kirche an.

Goetz versteht nicht, dass es sich bei dem Festhalten an
dem Apostolikum heute für uns um die Frage handelt, ob
unsere Rettung schlechthin auf der Pereon Jesu, seinem Tod
und seiner Auferstehung beruht, oder ob wir unsere eigenen
Erlöser sind. Darum können wir auch nicht ohne Verleugnung
unserer Glaubensüberzeugung einem fakultativen Gebrauch des
Apostolikums, den er S. 56 befürwortet, grundsätzlich zustimmen.
Wohl aber wäre es dringend zu wünschen, dass die beiden
Religionen, deren Gegensatz in der Frage über Geltung des
Apostolikums nur klar zutage tritt, sich auch äusserlich schieden
in eine Bekenntuiskirche und eine bekenntnislose.

N. Bonwetsch.

Beth., Prof. D. Dr. Karl, Die Entwicklung des Christen-
tums zur Universalreligion. Leipzig 1913, Quelle &
Meyer (VIII, 337 S. gr. 8). 5. 50.
Das Buch erörtert sein Thema nicht in historischer, sondern
in systematischer Weise. Entwickelung ist gemeint im Sinne
von Entwickelungsfähigkeit. Es soll „die Frage nach der Möglich-
keit, dass und wie sich das Christentum zur Universalreligion
entwickeln möge, grundsätzlich behandelt werden". Der not-
wendige Unterbau wird geliefert durch den geschichtlichen
Nachweis, wie das Problem Bich gebildet und bis zur gegen-
wärtigen Situation herangebildet hat. Einzusetzen ist mit der
Aufklärungszeit. Sie hat den Neuprotestantismus und seinen
Sinn für religiösen Fortschritt hervorgebracht. Dagegen ist
unser Zusammenhang mit dem 16. Jahrhundert ein sehr loser,
indem gerade die Absicht der Altprotestanten mit Einschluss
Luthers, durch das Schriftprinzip das Christentum des Ursprungs
zu erneuter und ausschliesslicher Geltung zu bringen, noch
reaktionärer ist als der durch das Traditionsprinzip wandlungs-
fähige Katholizismus. Auf das interessante Stück Wissenschafts-
geschichte, daB Beth bietet, kann hier nicht eingegangen werden.

Den bisher höchsten Punkt bezeichnet Troeltsch. Gegenwärtig
handelt es sich vor allem darum, die autoritäre Würde Jesu
mit Konsequenz der religionsgeschichtlichen Betrachtung zu
unterwerfen. Voraussetzung für die bleibende Geltung des
Christentums ist, dass es sich in die alles Bestehende umfassende
Entwickelung einfügt. Der Entwickelungsgedanke aber ist, wie
Beth in Weiterführung und Erläuterung einer früheren Be-
hauptung (z. B. in seinem Buch: Der Entwickelungsgedanke
und das Christentum, 1909) ausführt, nach dem Befand der
Biologie nicht als Evolution, sondern als Epigenesis zu ver-
stehen, d. h. nicht als folgerichtige nnd nur die Form betreffende
Entfaltnng eines gegebenen nnd sich gleich bleibenden Inhaltes,
sondern als fortwährende Anfügung von neuem und fremdem
Material an den Ausgangspunkt, der keinerlei normative Geltung
zu beanspruchen hat. Natur- und Geisteswissenschaft sind nicht
schroff gegeneinander zu stellen. Gerade die Geschichte ist als
Epigenesis zu betrachten, vorzüglich die der Religion, am vor-
züglichsten die des Christentums: „Dass im historischen Prozess
des Christentums eine von vornherein im Keimprinzip immanente
Zielidee realisiert sei, ist eine unzulässige evolutionistische Ein-
tragung." Vielmehr ist schon die Keimgestalt des Christentums
keine einheitliche. Jesu eigene Anschauung ist nicht eindeutig
und widerspruchslos. Von der Jesusreligion ist trotz aller An-
knüpfungen wesentlich verschieden die Christusreligion des Paulus,
die Beth im engen Anschluss an Weinel, Gunkel, Wrede, ja
mit unverkennbaren Anklängen an Drews religionsgeschichtlich
beschreibt und wertet. Wieder anders und vielfach entgegen-
gesetzt ist die Christusmystik der johanneischen Sohriften. Nur
durch Epigenesis kann das epigenetische Gebilde des Ursprungs
zu geschichtlicher Form gelangen. Massgebend für den Prozess
ist einerseits die Tatsache der Gebundenheit einer Religions-
stufe an eine entsprechende Kulturstufe, andererseits die Di-
vergenz der neutestamentlichen Typen. Durchkreuzt wurde die
Entwickelung durch die Wandlung des Christentums zur Buoh-
religion. Dieser Verirrung abzuhelfen, gehört zu den Aufgaben
der christlichen Religionsentwickelnng. Beseitigt man den Irr-
tum, so erkennt man, „dass die biologischen Verhältnisse des
Christentums nicht mit den Formen erschöpft seien, die auf
den wenigen Blättern des Neuen Testaments zusammengestellt
sind". Wie ans der jüdischen und hellenischen, so muss es
sich aus unserer und jeder Knltnr über die kirchliche Form
hinweg epigenetisch ergänzen. Wohl ist das Christentum die
absolute Religion; aber nicht eine zeitliche Form desselben darf
verabsolutiert werden, sondern nur das eines schrankenlosen
Wachstums fähige Christentum selbst Es muss einen Bund
schliessen mit der fortschreitenden Wissenschaft. Gewiss hat
es einen Kern. Aber es ist unmöglich, ihn, der fort nnd fort
neue Synthesen eingeht, herauszustellen, da niemand „Meta-
historie" treiben kann. Gegenwärtig handelt es sich um die
Annahme der wesentlichen Züge der Moderne: ihres Wirklich-
keitssinnes und ihres Individualismus, vor allem aber um die
Beseitigung dar „Theologie der Heilstatsachen". Die Annahme
und Betonung derselben nennt Beth die exoterisohe Form des
Christentums, indem sie nur mehr offiziell ist und im laien-
haften und wissenschaftlichen Bewusstsein wenig Boden hat.
Es ist nooh das Wesen des universalen Christentums zu be-
schreiben. Beth charakterisiert es als Offenbarungsreligion, nicht
insofern als ob die Offenbarung auf das Christentum oder auf
einen bestimmten Abschnitt der Geschichte zu beschränken
wäre, sondern insofern als „wir unser Sein und Haben zum
Göttlichen erhoben finden durch das Ganze des christlichen
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