Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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gezeichnet, dessen Wirksamkeit nicht bloss seinem Vaterlande,
sondern dem evangelischen Deutschland und den Evangelischen
Oesterreichs zum Segen geworden ist. Er bekennt dabei selbst:
„Für eine gross angelegte, umfassende Biographie ist die Zeit
noch nicht gekommen, aber Züge aus seinem reichen Leben,
Erinnerungen an seine unvergleichliche Wirksamkeit konnten
und mussten gesammelt werden." Wir sehen den munteren
Knaben in der Stadt Annaberg im Erzgebirge aufwachsen, wir
beobachten den fleissigen, aber auch lebhaften Schüler der
Fürstenschule, wir begleiten ihn auf die Leipziger Universität,
wo er sich besonders an Brückner anschliesst, wir lernen seine
erste amtliche Tätigkeit als Diakonus in Meeraue und als Ober-
pfarrer in Dohna kennen. Hier veröffentlicht er in dem von
ihm begründeten und geleiteten „Kirchlichen Gemeindeblatt" gegen
die führenden Persönlichkeiten der Landessynode „Römische
Briefe", die wegen ihres scharfen Tons vom Verf. preisgegeben
werden, wie auch Meyer selbst später einen gemässigten Stand-
punkt einnahm. Nachdem seine Wirksamkeit in Chemnitz ge-
schildert, wird zur Darstellung seiner grosszügigen Tätigkeit
als Oberpfarrer und Superintendent in Zwickau, wo er die
Marienkirche mit künstlerischem Sinn wiederherstellte und ver-
schönte, übergegangen. Seine Bedeutung als Prediger und
Seelsorger, als Volksredner und Schriftsteller wird ebenso ge-
würdigt wie seine Arbeit für den Evangelischen Bund und seine
grossen Verdienste um die evangelische Bewegung. Ein Ver-
zeichnis seiner Schriften und Aufsätze ist eine willkommene
Zugabe zu der warmherzigen Darstellung.

Dr. Carl Fey-Wolteritz (Kreis Delitzsch).

18. Kirchlich-sozialer Kongress (6. bis 9. April 1913 in
Barmen-Elberfeld). Stenographisches Protokoll, heraus-
gegeben vom Generalsekretariat der Freien Kirchlich-sozialen
Konferenz Berlin NW. 87. Leipzig 1913, A. Deichert
(Werner Scholl). (150 S. gr. 8.) 1.50. Daraus einzeln:

von Walter (Prof. in Breslau), Alt- und neuprotestantisehe
Stellung zu Christus. (32 S. gr. 8.) 50 Pf.

Seeberg, D. Dr. R. (Prof. in Berlin), Droht Ersohöpfung
unserer Volkskraft? (Der Geburtenrückgang.) (52 S.
gr. 8.) 60 Pf.

Mit erfreulicher Pünktlichkeit erscheint das stenographische
Protokoll der diesjährigen kirchlich-sozialen Konferenz, die unter
Seebergs umsichtiger Leitung wieder sehr anregend verlaufen
ist. Seine Begrüssungsrede und manche Zwischenbemerkung
von persönlicher Färbung zeigen, wie erfolgreich das Erbe
Stoeckers in dieser grossen, von einer starken Organisation
praktisch sozialer Arbeit getragenen Versammlung von ihm ver-
waltet und weitergeführt wird. Man wird zugeben müssen, dass
die beiden Hauptthemata nicht besser gewählt werden konnten.
Es sind augenblicklich die eigentlichen Zeitfragen der Gegen-
wart. Die beiden Vorträge sind einzeln käuflich (s. o.).
v. Walter geht aus von dem Unterschied zwischen Christus-
glauben (S. 29) und Jesusverehrnng, benutzt datin ein Wort
Boussets von den „Erlösungsgedanken einseitiger Art" in dem
paulinischen Altprotestantismus (S. 37) und betont stark den
Wirklichkeitssinn der Alten in ihrer Anthropologie (Sündenlehre).
Viele feinsinnige, kritische und positiv anregende Bemerkungen
sind eingestreut, und zusammenfassend wird (S. 55) gesagt, dass
es sich nicht bloss um einzelne theologische Lehrsätze, sondern
um eine andere Frömmigkeit hier und dort handle, wobei
der ethische Ausgangspunkt der Reformation mehrfach hervor-

gehoben wird. Aus der reichhaltigen Diskussion sind besonders
die Ausführungen E. Webers über den Wirklichkeitssinn der
Modernen (E. Tröltsch) bemerkenswert. Seebergs grosszfigiger
Vortrag verbreitet sich noch einmal in neuer Form über die
bekannten Schäden in unserem Volksleben, die er in seiner
Schrift über den Geburtenrückgang schon ausführlicher be-
handelt hat. Als letzte Ursache der Schäden bezeichnet er hier
(S. 65 und 73) den Geist unserer Grossstädte, im Ansohluss an
K. Oldenberg, und den egoistischen Subjektivismus in der Moral
der modernen Halbbildung. Pfarrer Schneider-Elberfeld, der
das Verdienst für sich in Anspruch nehmen kann, schon vor
zehn Jahren in der wertvollen, viel zu wenig benutzten Statistik
seines kirchlichen Jahrbuches auf das Problem hingewiesen zu
haben, steuert (S. 85ff.) noch einiges weitere Material bei.
Endlich sei wenigstens kurz hingewiesen auf die Referate von
P. Bunke: Wie bereiten wir uns auf eine freie Volkskirche vor?
und von Frl. Luise Döring: Warum brauchen wir Gemeinde-
helferinnen? Ein Jahres- und ein Geschäftsbericht bilden den
Schluss des Protokolls der in jeder Hinsicht wohlgelungenen
Tagung. F. Kropatscheck-Breslau.

Goetz (Pfarrer Lic. theol. in Dortmund), Das apostolische
Glaubensbekenntnis. (ReligionsgeschichtlicheVolksbücher
für die deutsche christliche Gegenwart. IV. Reihe, 17. Heft.
Herausgegeben von D. theol. Friedrich Michael Schiele.)
1.—10. Tausend. Tübingen 1913, J. C. B. Mohr (67 S. 8).
50 Pf.

„Es wird sich vielleicht die Behauptung aufstellen lassen,
dass es über wenige Texte von so geringem Umfange eine
gleich grosse Literatur gibt wie über die apostolische Glaubens-
regel", bemerkt Ed. Norden in seinem Buche „Agnostos Theos"
(S. 263). Gerade jetzt wieder ist diese Literatur im Wachsen.
In einer Auflagestärke von 10000 Exemplaren erscheint die
jenem Bekenntnis gewidmete Schrift von Goetz. Soll eine an
die grosse Menge sich wendende Schrift vor allem mit mög-
lichster Objektivität den Tatbestand feststellen und mit grösster
Besonnenheit nur gesicherte Forschungsergebnisse darbieten, so
ist vielmehr meines Erachtens die Darstellung von Goetz von
fast verblüffender Einseitigkeit und Mangel an Verständnis für
die gegnerische Position. Man braucht, um dies zu erkennen,
sie nur mit der Schrift von F. Kattenbusch, der doch auch Mit-
arbeiter an den „Religionsgeschichtlichen Volksbüchern" ist, über
das Apostolikum („Zur Würdigung des Apostolikums" 1892) zu
vergleichen. Für Goetz beruht der Kampf um das Apostolikum
nur auf dem Gegensatz von Pietät und Wahrheitswertung. Auf
Einzelnes einzugehen hat wenig Zweck. Persönlich interessant
war mir die Bemerkung S. 12, dass erst die religionsgeschicht-
lichen Forschungen der letzten Jahrzehnte gezeigt, wie Taufe
und Abendmahl seit etwa dem Ende des 2. Jahrhunderts durch
heidnische Einflüsse zu Mysterien geworden. Um von Aelteren
zu schweigen, — gehören etwa die Arbeiten von Theodosius
Harnack und dem Referenten, die eben jenes dargetan, den
religionsgeschichtlichen Forschungen der letzten Jahrzehnte au?
Von der Bedeutung des Apostolikums für die ganze religiöse
Unterweisung im Mittelalter erfahren wir bei Goetz nichts. Es
ist auch nicht (so S. 18) die erste uns bekannte Auslegung der
Taufformel Matth. 28, 19. Irreführend ist aber überhaupt die
Charakterisierung des Bekenntnisses als eines spezifisch römischen.
Seine Anfänge, die sich unverkennbar an den Inhalt der ältesten
Missionsprodigt anschliessen, sind sicher nicht in Rom zu
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