Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Zeitalter nach Baurs Weise durch den Kampf zwischen Paulus !
und den Judaisten ausgefüllt denkt. Aber liegt hier nicht die
entgegengesetzte Einseitigkeit vor? Wird nicht Baurs metho-
discher Fehler, nur in anderer Weise, wiederholt, wenn nun
alles auf das Prokrustesbett des Ubertinismus gespannt wird?
Wird sich nicht schliesslich auch der Galaterbrief gegen liber-
tinistischen Antinomismus richten, da auch er ja die Recht
fertigengslehre enthält und vor Missbrauch der Freiheit warnt? —
Nach alledem muss ich bekennen, dass mir die Ueberzeugung
nicht erschüttert worden ist, dass die von Weizsäcker be-
gründete Auffassung der geschichtlichen Verhältnisse des Römer-
briefes, ob sie auch hinsichtlich des praktischen Teils der Er-
gänzungen bedarf, übrigens die Probleme am besten löst und
in allem Wesentlichen richtig ist. Die wertvollen Hinweise,
die namentlich die Studie über die Schwarmgeister in Korinth
enthält, bleiben durch dieses Urteil über die neue Auffassung
d68 RCmerbriefes natürlich unberührt. Strathmann-Bonn.

Scheel, Prof. D. Otto (in Tübingen), Die Kirche im Ur-
christentum. Mit Durchbücken auf die Gegenwart.
(Rel. Volksb. IV. Reihe, 20. Heft) Tübingen 1912,
J. C. B. Mohr (56 S. 8). 50 Pf.
Die Frage nach der Kirche im Urchristentum, nach dem
Verhältnis der werdenden Kirche zum urchristlichen Evangelium,
beschäftigt die Forschung der Gegenwart wieder sehr lebhaft.
Sohras berühmte These aus seinem Kirchenrecht I (1892) von
dem ausschliessenden Gegensätze des Evangeliums Christi und
des kirchlichen Rechts kommt nicht zur Ruhe. Sie ist letzthin
von Sohm in glänzender Weise wieder vertreten worden in
„Wesen und Ursprung des Katholizismus" 1912 2. Auch 0. Scheel
hat sich in einem beachtenswerten Aufsätze „Zum urchristliohen
Kirchen- und Verfassungsproblem" in „Theologische Studien
und Kritiken", 1912, 8. 403—457, zu der Antithese zwischen
Harnack und Sohm geäussert und legt nun einem weiteren
Kreise einen Versuch einer positiven Darstellung der christ-
lichen Auffassung von der Kirche vor, mit der ausgesprochenen
Absicht, damit einen Beitrag znr Lösung des Problems in der
Gegenwart zu bieten. Scheel entrollt zunächst das Problem,
behandelt dann die jüdischen und antiken Gemeinschaften, die
möglicherweise Einfluss auf die Bildung des urchristlichen
Kirchenbegriffes gewonnen haben, und schildert dann die ur-
christliche Kirche als „die Heilsveranstaltung Gottes für die
Menschheit". „Als die Kirche für die Welt war schon die
Urkirche eine katholische Kirche. Aber sie war nicht die
spätere katholische Kirche." Hier setzt nun das eigentlich
Wichtige, Positive ein: Urkirche und Katholizismus sind doch
Gegensätze. Für ein göttliches Kirchenrecht ist in der Ur-
kirche kein Raum. Es handelt sich im Urchristentum um den
Versuch, ein menschliches Gemeinleben ohne Rechtsformen zu
verwirklichen. „Die Urkirche bleibt eine geistliche rechtlose
Grösse." Luther aber reicht mit seiner Auffassung über den
Katholizismus hinweg dem Urchristentum die Hand. Wer in
der Gegenwart wieder zum geistlichen Recht in der Kirche
zurückkehrt, hat den Weg betreten, der nach Rom führt.
Scheel möchte nicht die tief in unserer Geschichte verankerte
Organisation der Kirche zerbrechen, aber sie zu einer Gemein-
schaft umgestalten, in der geistliches und charismatisches Leben
nach Massgabe der Urkirche wirklich werden kann.

Scheel hat hier im Verfolg Sohmscher Gedanken z. T. richtige
Gesichtspunkte herausgehoben, aber die Behauptung dar Recht-

losigkeit der Urkirche bleibt doch trotz aller Einschränkungen,
die er macht, eine Einseitigkeit und Uebertreibung. Recht in
der Kirche ist erst dann katholisch, wenn das Recht gegen-
über dem Geist der normgebende Faktor ist. Umgekehrt
ist es in der ganzen urchristlichen Entwickeleg. Für die
Gegenwart aber ergibt das sofort eine andere Nuance. Und dann
wird besonders zu beachten sein, dass das Geistliche nicht
eine lediglich subjektive oder gemeindliche Grösse ist, sondern
auch zugleich eine objektive religiös-geschichtliche Grösse und
ohne dies Moment nicht zu denken. Diese objektive Grösse ist
an sich noch keineswegs eine rechtliche Norm, aber sie bietet
die feste Grandlage und den Rahmen. Sie ist an Bich geist-
lich und wirkt als eine geistliche Norm, aber sie wird in dem
Momente rechtlich, wo ihre Tatsächlichkeit geleugnet wird.

Der Ton des „Volksbuches" scheint mir von Scheel nicht
recht getroffen. Lange Sätze, falsche Ausdrücke, wie z. B.
„runde Gegensätze", finden Bich häufig; vieles hätte knappt
und klarer ausgedrückt werden können (vgl. z. B. S. 28 Zeile 3 ff.
und öfter). Hermann Jordan-Erlangen.

Hollweg, Dr. W. (Pfarrer in Gildehaus, Hannover), Johannes
Schumacher genannt Badius, ein wahrer Reformator
am Niederrhein. (Theol. Arbeiten aus dem rhein. wissensch.
Prediger-Verein. N. F., 14. Heft.) Tübingen 1913, J. C.
B. Mohr (Siebeck) (60 S. gr. 8). 1. 60.
Johannes Schumacher, gräzisiert Badius (1548[9?]—1597),
ein calvinischer Reformator in Niederdeutschland (Cöln, Aachen
u. a.), erhält in der vorliegenden Schrift seine erste ausführliche
biographische Würdigung. Der Verf. trägt sorgfältig zusammen,
was über ihn in Quelle und Darstellung zu finden war — am
Schlüsse auch in Wiedergabe interessanter Aktenstücke —, und
verbindet das Einzelne, soweit das bei der Lückenhaftigkeit
der Ueberlieferung angeht, mit Umsicht und Kritik zu einem
Gesamtbilde. Dass er sich dabei für seinen Helden erwärmt,
ist sein gutes Recht; nur geht er im Vergleich zu seiner Ent-
rüstung über den grimmigen Eifer der feindlichen Lutheraner
doch zu rasch über dieselbe Erscheinung auf der Seite Schu-
machers hinweg (z. B. S. 40!) und findet kein Wort des Tadels
für die Unaufrichtigkeit des Calvin'sten, der, wie auch sonst
vielfach geschehen ist, nur mit Zweideutigkeit den Augsburger
Religionsflieden für sich beanspruchen konnte — Hollweg leitet
den Namen Badius von dem Stamme ßao — schreiten, gehen
ab und zieht von da die Verbindungslinie zu „Schumacher".
Das ist jedoch, selbst in Anbetracht sonstiger humanistischer
Kunststücke, zu kühn. Ich glaube, die richtige Deutung ge-
funden zu haben: Du Cange notiert nämlich sub voce Bagus:
>badius = equus spadix<; spadix aber (Synonym zu cpoivi^)
bedeutet ein rotbraunes Pferd (= phoeniceus = purpurrot).
Nun stammt Schumacher aus Rödlingen; Badius ist also
Heimatsname. Dass für die Wahl dieser Umnamsung der
Glanz der Humanistenfamilie Badius mitbestimmend gewesen ist,
behauptet der Verf. sicher mit Recht.

Hans Preuss-Leipzig.

Blanckmeister, Franz, Friedrioh Meyer. Ein Leben im
Dienste der Kirche. Leipzig, Arwed Strauch (235 S. gr. 8).
Geb. 4 Mk.

Der bekannte Verfasser der „Sächsischen Kirchen geschiente"
I hat hier mit Liebe und Verständnis das Lebensbild eines Mannes
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