Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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geschichtlichen Literatur ungebührlich vernachlässigt wird und
als Quelle für die Geschichte des 2. Jahrhunderts noch keines-
wegs genügend ausgebeutet worden ist. Harnack will nun hier
zusammenstellen, was sich aus dieser Schrift an Tatsächlichem
über Judentum und Judenchristentum um die Mitte des 2. Jahr-
hunderts erheben lässt. Er tut dies in sechs Abschnitten:
J. Zur äusseren Geschichte des Judentums; 2. Die Stellung
und Bedeutung der jüdischen Lehrer. Die jüdischen Sekten;
3. Die Sohriftgelehisamkeit und Exegese der jüdischen Lehrer
nebst Feststellung ihrer exegetischen Prinzipien, welche mit
denen Justins wesentlich identisch sind; 4. Die messianischen
Hoffnungen der jüdischen Lehrer; 5. Die Beurteilung der
Christen seitens der jüdischen Lehrer und ihr Kampf gegen
sie; 6. Die Unterschiede unter den Christen, auf weiche die
Juden aufmerksam sind: a. die Gnostiker, b. die Chiliasten,
c. die Judenchristen. In einem Schlussabsobuiit stellt Harnack
fest, dass das von Justin Dargebotene nicht auf willkürlicher
Konstruktion, sondern im allgemeinen auf wirklicher und guter
Kunde beruht und reichhaltige Beiträge zur Kenntnis der Aus-
einandersetzung zwischen Judentum und Christentum liefert,
aber freilich in bezug auf Tiefe der Auffassung den Vergleich
mit den neutestamentlichen Schriften nicht aushält. Anhangs-
weise bietet Harnack eine von ihm selbst im Jahre 1887 ge-
machte Kollation des für die Rezension des Dialogs allein in
Betracht kommenden Manuskripts Paris. Gr. 450. — Wir scheiden
mit Dank von dieser Arbeit, in welcher unseres Erachtens die
Abschnitte 4 und 6 von besonderem Interesse sind.

Karl Schmidt-Goldberg.

Lutgert, D. W. (Prof. in Halle a. S.), Der Börnerbrief als
historisches Problem. (Beiträge zur Förderung christ-
licher Theologie, herausgeg. von Schlatter und Lütgert.
XVII, 2.) Gütersloh 1913, Bertelsmann (112 S. gr. 8). 2 Mk.
Die vorliegende Studie führt frühere Abhandlungen des
Verf. zur Geschichte des apostolischen Zeitalters fort, die zu
dem Ergebnis geführt hatten, dass überall in der in ihnen be-
handelten frühchristlichen Literatur der Kampf gegen den liberti-
nistischen Antinomismus eine hervorragende, unter dem Ein-
fluss der Tübinger Konstruktion des apostolischen Zeitalters
bisher fast ganz übersehene Rolle spiele, und dass erst diese
neue Beobachtung ein wirklich historisches Verständnis ermög-
liche. Hier wird die Untersuchung auf den Römerbrief aus-
gedehnt — und führt zu dem gleichen Ergebnis: der Römer-
brief richtet sich gegen antinomistisches Christentum! Nach der
herrschenden Anschauung ist Paulus hier, wenigstens bis Kap. 11,
irgendwie durch den Gegensatz zum Judaismus bestimmt, ob
dieser nun bereits die lömische Gemeinde bearbeitet, oder ob
Paulus nur verhindern will, dass seine alten Gegner ihm auch
im Westen die Arbeit erschweren oder unmöglich macheu.
Verf. aber will nachweisen, dass bei dieser „Voraussetzung"
eine Anzahl wichtiger Fragen unbeantwortbar bleiben. Warum
ist die Polemik des Paulus hier so viel milder als im Galater-
brief ? Warum würdigt er das Gesetz so ganz anders als dort?
Warum wendet er sich im praktischen Teil gar nicht gegen
die Judaisten? Watum merkt man nichts von ihrer Agitation?
Auch die „Judaisten" seien hier anders gezeichnet als im
Galaterbrief; denn der Vorwurf, die Predigt des Paulus be-
günstige die Sünde, fehle dort. Diese Fragen könnten von der
Tübinger Konstruktion des apostolischen Zeitalters aus nicht
beantwortet werden — oder man mache Paulus zum Ver-

mittelungstheologen und opportunistischen Kirchenpolitiker, dem
die Einheit der Gemeinde höher steht als die Wahrheit. Es
gäbe aber Spuren, die auf eine andere Fährte weisen. Nach
1, 14 ff. mache sich Paulus auf einen ähnlichen Gegensatz zu
den sein Evangelium verachtenden Weisen gefasst wie im
Korintherbrief, wo sie Antinomisten waren. Aus dem Gegen-
satz zu diesen erkläre sich, dass Paulus seiner Gnadenlehre
die Form der Rechtfertigungslehre gibt, die die Gnade dar-
stelle in ihrer Einheit mit dem Gesetz. Deshalb könne auch
Paul. 3, 31 aus den vorhergehenden Erörterungen das Er-
gebnis ziehen: Wir richten das Gesetz auf. Ferner erkläre
sich der Satz 2, 16, das Gericht nach den Werken gehöre zu
Paulus' Evangelium, nur aus dem Gegensatz zu einem anti-
nomistischen jüdischen Evangelium. Auch die Worte über das
Liebesgebot, 13, 8—10, zeigten die positive Stellung zum
Gesetz und den Gegensatz zum stets lieblosen Antinomismus.
„Damit ist bewiesen, dass der Römerbrief sich gegen den Anti-
nomismus richtet." Paulus verteidige hier nicht die Freiheit
vom Gesetz, sondern die Einigkeit von Gesetz und Evangelium
gegen wirkliche Iibertinistische Antinomisten. Diese berufen
sich sogar auf Paulas selbst. Gegen ihre prinzipielle Begründung
heidnischer Sünde dnreh den Hinweis auf die göttliche Gnade
und christliche Freiheit wenden sich 3, 1- 8 und Kap. 6. —
Diese libertinistischen Heiden Christen sind zugleich Antisemiten.
Daher schreibt Paulus Kap. 9—11: Sie haben kein Verständnis
für die Motive, aus denen die judenchristliche Abstinenzbewegung
entsteht. Daher nimmt Kap. 14f. die Judenchristen in Schutz.
Sie sind revolutionär und kommen durch ihre Zuchtlosigkeit
in Konflikt mit der Obrigkeit, daher Kap. 13. Der ganze
Römerbrief und also auch der vielbesprochene Frontwechsel
zwischen ihm und dem Galaterbrief erklärt sich aus dem Gegen-
satz zu antinomistischem Christentum. — Jene frühereu Unter-
suchungen zur Geschichte des apostolischen Zeitalters haben vielfach
eine skeptische Anfnahme gefunden. Ich fürchte, dass auch diese
Untersuchung auf starke Bedenken Stessen wird. Man kann
den Scharfsinn, mit dem die neue Hypothese durchgeführt ist,
lebhaft anerkennen, und darf auch von ihr mannigfache neue
Anregung im einzelnen erwarten, aber als ganzes hat sie mich
nicht von ihrem Recht zu überzeugen vermocht. Wir er-
halten kein in sich klares Bild. Ist der iibertinistische Anti-
nomismus heidnisch oder ist er jüdisch? Letzlich soll er auf
jüdische Kreise zurückgehen, die aber zugleich ein stark ent-
wickeltes jüdisches Selbstbewusstsein haben. (S. 60 f.) Wie
kann dann diese Bewegung antisemitisch werdan? Und zu-
gleich soll Bich doch auch nach Lütgert Paulus Judenchristen
gegenüber gegen den Vorwurf verteidigen, sein Evangelium
begünstige diesen Libertinismus. Das Iibertinistische Judentum,
das sich zugleich auf die Beschneidung etwas einbildet, halte
ich trotz Friedländer und seiner Philostelle für eine Legende.
Vor allem aber: berücksichtigt die Untersuchung nicht zu sehr nur
einzelne Punkte, die zwar die Baursche Auffassung unmöglich
machen, die von Weizsäcker begründete aber nioht ernstlich
drücken. Befürchten nicht bei einer so völligen Umkehr alles Bis-
herigen die Gegeninstanzen eine besonders sorgfältige Erwägung-
Kap. 3, 21 ff. u. 8,1 ff. stehen doch auch im Kömerbrief! Es ist ge-
wiss vollkommen berechtigt und dankenswert, wenn gefordert wird,
dass auch der praktische Teil des Briefes historisch aufgefasst
werde, so dass also Paulus auch hier, einschliesslich Kap. 13,
nicht „zum Fenster hinaus" redet, sondern auf konkrete Ver-
hältnisse sich bezieht. Vollkommen berechtigt ist gewiss auch
der Protest dagegen, dass man sich das ganze apostolische;
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