Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

Zitierlink

5

6

allgemein wissenschaftliche Anerkennung rechnen dürfe, wahrend
es in Wirklichkeit doch bei jedem Theologen durch die eigenen
Ideale aufs stärkste mitbestimmt ist. Nach der positiven Seite
ist besonders bedeutsam, dass man über den Abstand Pauli
von der Urgemeinde wesentlich vorsichtiger urteilen lernte.
Freilich bedeutet der relative Konsensus, der in diesem Punkt
sich herausbildet, keineswegs auch ohne weiteres einen Kon-
sensus in der Auffassung vom Wesen des Christentums; er
dient aber eben dadurch der These unseres Verf.s zur Be-
stätigung, dass die letzten Differenzen nicht auf historischem
Gebiet, sondern auf dem der „Weltanschauung" liegen.

Soviel ich sehe, würde der Verf. zustimmen können, wenn
ich meinerseits dem Kampf vor allem ein dreifaches Resultat
wünschen möchte. Erstlich ein stärkeres allseitiges Bewusstsein
der Schranken, die dem rein wissenschaftlichen Verfahren bei
diesem Stoff nun einmal gezogen sind, innerhalb dieser Schranken
sodann aber auch ein stärkeres Zutrauen zu dem, was wirklich
wissenschaftlich feststellbar ist; endlich aber eine ernstlichere
Besinnung auf die Notwendigkeit, um objektive Normen der
Kritik Bich zu bemühen. — Schliesslich empfehle ich gern die
kleine Schrift zur Orientierung. Ihmels.

Heitmüller, W. (D. u. Prof. der Theologie in Marburg),
Jesus. Tübingen 1913, J. C. B. Mohr (184 S. 8). 2 Mk.
In dieser Schrift hat der Verf. seinen Artikel „Jesus" aus
der „Religion in Geschichte und Gegenwart", aus Anlass eines
Angriffs im Abgeordnetenhause, zusammen mit einem Vortrage:
„Jesus von Nazareth und der Weg zu Gott" besonders heraus-
gegeben. In dem ersteren Artikel will er als Historiker sehreiben
und darum den strengsten Massstab historischer Kritik an die
Ueberlieferung von Jesus anlegen. Diese wohlgemeinte Absicht
verführt ihn zu einer sehr weitgehenden, allerdings noch nicht
völlig schrankenlosen Skepsis. Obwohl er anerkennt, dass für
die Glaubwürdigkeit der Evangelien manche gute Gründe
geltend gemacht werden, hält er sich für berechtigt, gegenüber
dem meisten Stoff, der mit dem Gemeindeglauben in engem
Zusammenhange steht, sich skeptisch zu verhalten. Die Frage,
ob dieser Gemeindeglaube nicht in erster Linie auf Jesu Worte
zurückgeht, ist anscheinend damit erledigt, dass man noch nicht
weiss, wieweit er aus anderen Quellen stammt; auch wird nicht
irgondwie genügend motiviert, wie die durch Jesu Persönlich-
keit Beeinflussten dazu kamen, sein Bild mit Sagen und Mythen
zu schmücken, statt bei der geschichtlichen Wahrheit zu bleiben.
Mit dem, was aus den Trümmern der Evangelien gerettet wird,
kann man die Entstehung des Christentums nicht erklären.
Während den meisten radikalen Einwänden (bis hin zu den
Zweifeln an Jesu Geschichtlichkeit und seiner geistigen Gesund-
heit) Rechnung getragen wird, wird die ganze Forschung
positiver Theologie, werden all die gewichtigen Gründe, die
namhafte Gelehrte wie B. Weiss, Kähler, Zahn, Schlatter,
Ihmels, Feine, Behrmann gegen die geschichtliche Möglichkeit
des angeblich historischen Jesus, dor bei solch radikaler Kritik
übrig bleibt, einfach mit Stillschweigen übergangen. — In dem
zweiten Artikel, der die Bedeutung Jesu für uns nachweisen
will, wird ebenso wie im ersten die religiöse Mittlersehaft Jesu
energisch bestritten. Allerdings wird zugegeben, dass er der
sicherste Weg zu Gott ist, ja weil in seiner Persönlichkeit das

Gotterleben in schlechthiniger Kräftigkeit sich zeigt, Boll sogar
die Formel „Gott war in Christo" sich aufdrängen. Das ganze
Fortwirken Jesu wird aber nur aus dem Eindruck seiner

Persönlichkeit abgeleitet, die dadurch nacherlebt werden soll,
dass man sich in ihr Bild versenkt. Dabei findet der Verf.
warme, erhebende Worte. Man erkennt daraus, dass er mit
dem Herzen ein Christ bleiben will, auch wenn er den Glauben
an Jesus — und damit doch den articulus stantis et cadentis
ecclesiae — ablehnt.

Da der Verf. es für nötig gehalten hat, den Wortlaut des
Angriffes im Abgeordnetenhause den Artikeln beizufügen, ob-
wohl schon in der Tagespresse festgestellt war, dass er selbst
die von ihm auffallend Btark berücksichtigten Zweifel an der
geistigen Gesundheit Jesu nicht für berechtigt hält, kann woln
nicht unerwähnt bleiben, dass man allerdings bezweifeln kann,
ob seine Wertung des Werkes Jesu objektiv noch innerha'b
der Linie liegt, mit der Schleiermacher das der christlichen
Religion Eigentümliche umschrieben hat, so wenig er subjektiv
sich dessen bewusst geworden sein mag, dass er sie verlassen
hat, oder es auch von seinem Standpunkte aus wird zugeben
wollen. — Die Frage, ob der erste Artikel wirklich als Er-
gebnis objektiver Geschichtsforschung gelten kann, ist in dor
„Allg. Ev.-Luth. Kirchenzeitung" vom 24. August v. J. (in dem
Artikel: Der Historiker und die Geschichte Jesu) prinzipiell und
allgemein von mir erörtert. Lic. Schnitzen-Peine.

Harnack, Adolf, Ist die Bede des Paulus in Athen ein
ursprünglicher Bestandteil der Apostelgeschichte? —
Judentum und Juden Christentum in Justins Dialog
mit Trypho. (Texte und Untersuchungen. 39. Band,
Heft 1.) Leipzig 1913, J. C. Hinrichs (98 S. gr. 8). 3 Mk.
Die erste der beiden in diesem Hefte vereinigten Abhand-
lungen wendet sich gegen den von Norden in seinem Werke
„Agnostos Theos" versuchten Nachweis, dass die Areopagrede
des Paulus und überhaupt die Darstellung der Apostelgeschichte
von dem Auftreten des Paulus in Athen in literarischer Ab-
hängigkeit Btehe von der Ueberlieferung über das Auftreten
des Apollonius von Tyana in Athen bzw. von dessen Schrift
irepl 8ooi(üv, und dass daher dieser Abschnitt der Apostel-
geschichte nicht dem ursprünglichen Werke deB Autors ad
Theophilum angehören könne, sondern von dem von Norden
vorausgesetzten Redaktor im 2. Jahrhundert eingeschoben sein
mücee. Dem gegenüber weist Harnack nach, einmal, dass der
atheniensische Abschnitt der Apostelgeschichte aus Gründen der
Komposition sowie sonst aus sachlichen und sprachlichen
Gründen als integrierender Bestandteil des ursprünglichen
lukanischen Werkes gelten muss, und zum anderen, dass die
von Norden behauptete Abhängigkeit von der Apolloniusüber-
lieferung hinfällig ist. — Der letztere Nachweis würde meines
Eraohtens noch wirksamer gewesen sein, wenn Harnack
erkannt hätte, dass die Areopagrede der Apostelgeschichte
keineswegs, wie die herkömmliche Auffassung ist, auf dem
Standpunkt der Konnivenz gegen die heidnische Religiosität
steht, sondern vielmehr die denkbar schärfste Verurteilung des
Heidentums und somit auch den schärfsten Gegensatz gegen
den Standpunkt des Apollonius darstellt. Im übrigen aber
bildet diese Abhandlung Harnaoks eine wertvolle Ergänzung
seiner Arbeiten Uber die Apostelgeschichte und bestätigt, dass
die traditionelle Anschauung vom Ursprung der Apostelgeschichte,
zu welcher sich Harnack erfreulicherweise zurückgefunden hat,
jeder Kritik gegenüber standhält.

Die zweite Abhandlung geht von der Wahrnehmung aus,
dass der Dialogus cum Tryphone in der neueren kirchen-
loading ...