Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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gesagt, dass alle Wörter dieser Form (vielleicht überhaupt alle
Wörter im Semitischen), auch die scheinbar konkretesten,
ursprünglich nichts anderes sind als abstrakte Infinitive, die
ohne Beziehung auf ein bestimmtes Subjekt die Eigenschaften
(oder Tätigkeiten) in verstärktem Masse (als „Plural") zum Aus-
druck bringen". Aus dem Hebräischen stellt er hierher „Wörter
(Substantive für unser Empfinden) wie schalöm usw., wahr-
scheinlich auch die bisher schon zu dieser Klasse gezählten
Adjektive gadol usw." (S. 6).

Aber wer denn hat sohon bisher überhaupt geleugnet, dass
die da aufgezählten Wörter ihrer Entstehung nach Aus-
prägungen ebenderselben Grundform oder des gleichen Nominal-
typus sind? Im Gegenteil ist das von uns neueren Grammatikern
allgemein gelehrt worden. Aber der Vorgang der sog. deri-
vatio ist etwas anderes, als die Funktion der Wortgebilde, und
eine vollständige Sprachlehre ist nicht bloss dazu da, die Ab-
leitung der Worte einer Sprache darzustellen. Sie hat auch
die Verteilung der Worte nach ihrer Verwendung im sprach-
lichen Ausdruck zu zeigen, und schon dies führt zur Unter-
scheidung der Kategorien, die in der allgemein menschlichen
Logik die Wortklassen genannt werden. Dass dann weiter bei
der Flexion wesentlich dieselben Mittel zur Bildung des Plurals
beim Verb und beim Nomen verwendet worden sind, ist auch
sohon bisher gelehrt worden. Endlich wird es für das Ver-
ständnis der lautlichen Wortveränderungen im wesentlichen bei
dem bleiben müssen, was in meiner programmatischen Arbeit
„Gedanke, Laut und Akzent als die drei Faktoren der Sprach-
bildung" dargelegt worden ist. Also die bisherige Grammatik
des Semitischen hat auch schon einen Begriff vom organischen
Zusammenhange der Wortformen und vom Leben der Sprache
besessen. Dies ist in dem neuen Versuche mit Unrecht Über-
sehen worden. Ein weiteres Eingehen auf diesen Versuch ist
aber an dieser Stelle nicht möglich. Ed. König.

Herford, K. Trav., Das pharisäische Judentum in seinen
Wegen und Zielen dargestellt. Autor. Uebers. aus dem
Englischen v. Ros. Perles. Mit einer Einleitung von Felix
Perles. Leipzig 1913, Gustav Engel (XVI, 275 S. gr. 8).
Auf Grund der rabbinischen Quellen gibt der Verf. eine
Darstellung vom Wesen des Pharisäismus. So sehr ich den
Wert dieser Quelleu für die Erforschung des Spätjudentums zu
schätzen weiss, so sehr möchte doch vor einer Ueberschätzung,
die die neutestamentlichen Schriften herabdrüekt, gewarnt
werden. Gerade die vorliegende Untersuchung nötigt mich zu
dieser Bemerkung. — Den Pharisäismus, dessen Ursprung der
Verf. bis in Esras Zeit zurückdatiert, charakterisiert er zu-
treffend als das Element, das am eifrigsten für die Religion
der Thora wirkte und am peinlichsten in ihrer Anwendung
verfuhr. So sehr ich dieser Wesensbestimmung beipflichte, so
wenig vermag ich die Bewertung der pharisäischen Frömmig-
keit zu teilen, in der der Verf. nicht Erstarrung und Erstickung
religiösen Lebens sieht, sondern eine lebendige Weiterentwickelung
der prophetischen Religion, der Rabbinismus habe das Erbe der
Propheten angetreten (S. 55). Die religiöse und sittliche Energie
der pharisäischen Frömmigkeit wird gern anerkannt werden;
aber eine Weiterbildung der Religion in prophetischem Geiste
im Pharisäismus zu verehren kann dem nicht leicht werden,
der der berechtigten Forderung des Verf. folgend ihn aus seinem
eigenen Schrifttum zu studieren sioh müht. Wie dies Wert-
urteil inuss ich auch die Charakteristik der Tradition ablehnen,

auf der der Pharisäismus beruht. Sie wollte, so lautet der
Anspruch, nicht rein menschlicher Zusatz zur Thora sein,
sondern Herausschälung dessen, was von Anfang an in der
Thora verborgen war (S. 76). Indes in Wirklichkeit ist sie
doch alles andere als eine nichts Neues in die Thora hinein-
legende „Auslegung" gewesen. — Mit Recht betont der Verf.
die prinzipielle Differenz, die Jesus von den Pharisäern trennte:
Thora und Jesus konnten nicht in Harmonie bleiben (S. 118 u. Ö.L
Die scharfe Betonung des grundsätzlichen Gegensatzes halte ich
für ein Verdienst der Arbeit, wenn ich auch die von Jesus an
den Pharisäern geübte Kritik wesentlich anders beurteile als
der Verf., der Jesus die Fähigkeit abspricht, seine Gegner über-
haupt zu verstehen (S. 137). Um so mehr befremdet mich die
Behauptung, die Bergpredigt sei für die ersten Zuhörer nicht
etwas ganz Fremdes gewesen (S. 96). Gerade in der Berg-
predigt kommt doch der Gegensatz Jesu zur pharisäischen
Frömmigkeit trotz mancher gemeinsamen Züge deutlich genug
zum Ausdruck. Daher der Eindruck Matth. 7, 28 f.

Die von Paulus gegebene Charakteristik der Pharisäer lehnt
der Verf. als Verzerrung oder Erdichtung ab (S. 154). Indes hat er
weder mit dem Hinweis auf 2. Kor. 5, 17 (Paulus habe sich
also das Alte nicht mehr genau vergegenwärtigen können!) den
harten Vorwurf der Vergesslichkeit begründet, noch mit den
aus der pharisäischen Theologie und Frömmigkeit angeführten
Beispielen die schwere Anklage der Ungerechtigkeit bewiesen.
Gewiss war die religiöse Erfahrung der unter der Thora
lebenden Pharisäer zumoist nicht die des Paulus, aber damit
ist nicht die Unrichtigkeit der paulinischen Aeusserungen über
den Pharisäismus und sein religiöses Leben bewiesen, sondern
nur die Verschiedenheit des religiösen Empfindens und Fühlens
des Paulus und der Pharisäer konstatiert.

P. Krüger-Leipzig.

Holl, Karl, Der Kampf um die Geschichtlichkeit Jesu
und sein Ertrag für die theologische Wissenschaft wie für
das religiöse Leben der Gemeinde. Gütersloh 1913, C.
Bertelsmann (87 S.). 1. 80.
Nachdem im Kampf um die Geschichtlichkeit Jesu ein ge-
wisser Rnhepunkt eiugetreten ist, ist es gewiss ein verdienst-
licher Versuch, einmal zu registrieren, was denn als Ertrag des
bisherigen Kampfes gelten dürfe. Der Verf. Bucht das unter
einem dreifachen Gesichtspunkt nachzuweisen: er handelt 1. von
den Methoden der theologischen Wissenschaft, mit denen man
Bich im Kampf gegenüberstand; 2. von den verschiedenen Auf-
fassungen des Christentums, seiner Entstehung im Zusammen-
hang mit der Person Jesu, seinem Wesen und seiner Wertung,
wie sie im Kampf zutage traten; 3. von den Weltanschauungen,
die bewusst oder unbewusst als Motiv für die Führung des
Kampfes bestimmend waren. Naoh diesen drei Seiten ist ein
reicher Stoff dargeboten, der eine sorgfältige Vertrautheit des
Verf.s mit der neueron Literatur erkennen lässt. Freilich trägt
bei der Fülle des verarbeiteten Stoffes manches etwas den
Charakter des Notizenartigen; aber insofern ist gerade das zur
Einführung erwünscht, als es dem Leser ein eigenes Urteil er-
möglicht.

Sachlich vermöchte ich mir die Urteile des Verf.s weithin
anzueignen. Iubssoodere sieht er mit Recht darin einen wesent-
lichen Ertrag des Kampfes, dass die fast naive Zuversicht stark
erschüttert ist, mit der man mittelst der „historisch-kritischen
Methode" ein Jesusbild sich herauszuarbeiten getraute, das auf
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