Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

11.1890

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Kühn behauptet SMajunfe, bie fatholifdßen ©cbriftftelier feien gar nicht
fähig getoefen, baS ihnen zugefdßriebene, angeblich römifaße ©dßanbtibell
ZU berfaffen. „Her ©eift, ber biefe ©d)rift biftirt bat, ift Suttjer'ö eigener
©eift gerneien." SMit gerechter gronie begrüßt Kolbe biefe micbtige ßifto-
rifäße ©ntbecfung, baß Sutßer nicbt obne©eroanbtbeit bie italienifcbe Sprache
ßanbßabte, unb „ba ,fpr. SMajunre tuol nocb anbere italienifcbe Scßriftftücfe
Sutber'S, burcß beren SSergleict) er in bem fraglidßen Sdßriftftücf Sutber'fcbe
©cbilberungen entbertt bat, fennen roirb, fo bürfte eine roeitere SBereiäße»
rung beS QuellenmaterialS beoorfteben". Her eifrige ^Mitarbeiter an ben
Bom SJJapft gefegnetcn „©efcbiaßtslügen", ber fo leicßtfinnig ^Behauptungen
aus ber Suft greift unb alle ßiftorifdßen «Serßältniffe unb ben Karen SBort«
laut ber Quellen außer Saugen läßt, bat biefe Mutbenftreidße roobl Ber«
bient. Mach, ber ©ßarafteriftif SMajunfe'S ftetlt nun Kolbe bie zahlreichen
geugniffe über Sutßer'S Job jufammen. ©S ift BöHig berechtigt, toenn
Kolbe Tagt, baß mir über roenige ©reigniffe fo biete unb bon fo Bielen
glaubroürbigen SJJcrfonen bezeugte Berichte baben, als über bie Einzelheiten
Bon Sutfjer'S frommen Ülbfcbjeiben. SMan möchte nur roünfcben, baß Kolbe
in einer weiteren aufläge alle biefe fjeugniffe nicht nur tbeilmeife in furzen
Slnmerfungen, fonbern in ißrem Bollen SBortlaut roiebergibt, roenn ba«
burcb ber Umfang feiner Srbrift aucb um einen balben SBogen anroädßft.
©erabe ber SBortlaut all ber zahlreichen, aus ber fjeit unmittelbar nacb
Sutßer'S lob abgefaßten ©cbreiben mürbe auf Seute mie SMajunfe erbrüclenb
mirfen müffen. SMajunfe ftellt fid) an, als hätten mir Bon Sutßer'S Hob nur
bie auf ©rforbern beS Kurfürften Bon guftuS gonaS unb SMicbael ©öliuS
SufammengefteHte„$iftorie" ober„SSeridjt nom cbriftlicbenSHbfcljieb Sutber'S"
unb behauptet, bie „fpiftorie" habe biSber fämmtlicben proteftantifchen
Sutberbiographen als einzige ©efdßicbtSquetle gebient. SMan fann eS be-
greifen, roenn Kolbe SMajunfe gerabeju ber Unterfcblagung ber übrigen
S3erid)te befcbulbigt. Hiefer SSorrourf ift nicht ungerecht; benn SMajunfe
rennt Köfttin'S SJBerf, baS geroiffenhaft fämmtliäße übrigen Berichte citirt
unb oerarbeitet. Silber boch roiberftrebt es unS, gerabeju eine Unterfcblagung
anzunehmen. SMajunfe mar offenbar bon ber SBabrbeit ber fatholifdßen
Erzählungen fo BöHig überzeugt, baß es ihm an faltem «Blut fehlte, um
bie übrigen «Berichte nur eines «BlideS zu roürbigen. Statt beroußter «Se»
trug bürfte eS unBerzeißlicher Seicßtfinn fein, maS SMajunfe bie übrigen
»Berichte überfeßen ließ. Hen gleidjAcittgcn -Bericht eines Kathotifen, ber
im roefentliehen bie Erzählung ber |>iftorie beftätigt, ja biefetbe als eine
glaubrcürbige Quelle behanbett, hat SMajunfe rooßl gefannt, aber in feiner
SBebeutung nicht 3u roürbigen Berftanben. Henn ihm ftanb im Boraus feft,
bie qjiftorie fei feine ©efchichtSquetle, fonbern eine giftion. Habon Weiß
SMajunfe nichts, baß biefelbe auf SBeranlaffung beS Kurfürften gefdßrteben
Würbe; ißm fteßt ein für allemal feft, baß bie ©erflehte, welche ©öliuS in
ber Seiebenrebe Bom 20. gebruar ermähnt, als babe man Sutber tobt im '
»Bett gefunbeu, SBabrbeit enthalten; beSroegen müffen gonaS, Slurifaber |
unb ©öliuS fieb Berabrebet haben, einen gefälfchten -Beriebt, roomit fie bie
ganze eBangelifche ©hriftenbeit, ja bie ganze SBelt betrogen, abjufaffen.

SMajunfe fennt bagegen Biel glaubtoürbigere Quellen. gn erfter Sinie
ift eS ber Oratorianer EßomaS SBo^iuS, ber 1593 in feinem polemifdßen
-TBerf „De signis ecxlesiae" Lib. XXIII, cap. III, ©. 1203 ben Safe auf-
teilt: ber lob beroeift, ob jemanb 0ur Kirche ©otteS ober zur Kirche berer
gehört, bie ©ott haßt, unb nun oon ©imon SMaguS an baS entfefetiehe
SebenSenbc fämmtlicher .fjäreiiaraßen, fo auch baS Sutber'S, Defolampab'S
SBufeer'S, ©alBin'S unb jfroingli'S fchilbert. Kolbe bemerft ironifdß, jeber
Kirchenhiftorifer finbe bort bei VBojiuS einen ©chafe neuer Machricbten.
SBojinS roeiß nun Bon Sutber ju berichten: Lutheras, cum vespere laute
coenasset ac laetus somno se dedisset, ea nocte suffocatus interiit.
Audivi haud ita pridem compertum testimonio sui familiaris, qui tum
puer Uli serviebat et superioribus annis ad nostros se reeepit, Lutherum
sibimet ipsi laqueo injecto necem miserrimam attulisse, sed datum pro-
tinus eimctis domesticis rei conseiis ius iurandum, ne factum divulgarent,
ob honorem, adjecerc, Evangelii. SMajunfe unterfcheibet rcidit jroifdjen
bem pofitioen -Bericht (suffocatus inferiit, roaS offenbar auS bem catar-
rhus Buffocativus, b. I). Sungenläßmung, ben man als SEobeSurfache Sutber'S
annahm, entftanben ift) unb bem, roaS er bat fagen hören, unb roaS man
auf einen Konoertiten zurücffübrte, ber als Knabe Sutber gebient habe-
Sitte bie jehönen Erzählungen über ifroingli'S, Defolampab'S, SBufeer'S unb
©aloin'S SebenSenbe übergeht SMajunfe; benn er muß fürchten, bie ©taub«
würbigfeit beS SBericbteS Bon «Sozius über Sutber'S SebenSenbe möchte
barunter leiben. «Sozius felbft hat bie Machriebt über Sutber'S ©elbftmorb
nicht bireft oon bem Konoertiten erhalten, fonbern Bon einem SBritten
oernommen. -Bon einem Knaben, ber Sutber gebient, roeiß bie ©efrhichte
nichts. Her einige SEicner, ben Suther bei fiaß hatte, mar ber ©tubent
MmbrofiuS Mutfelb, ber hier nicht gemeint fein fann. Db etroa ber
SMaunSfelber Seb. glafdß, ber eoangelifcher sjäfarrer geroefen unb mit
grauen tpaaren noch fatholifd) rourbe unb bann in feinen ©djriften allerlei
bübfebe Sachen, bie lebhaft an ©BerS erinnern, preisgab, fich mit einer
berartiqen Offenbarung ein Sänfeben bei feinen neuen ©laubenSgenoffen
geben wollte, roirb einer näheren Unterfuchung roertl) fein. 9ln ißn er-
innert bie angäbe SBojiuS' Bon einem puer; benn glafdß hat eine feiner
Schriften betitelt: „Professio fidei catholicae, ubi Lutheranam haeresin,
in qua natus et a pueris institutus fuerat, libere abjurat". Schon
einen Schritt weiter gebt ber SMinorit .fßeinridß SebnliuS, in leinen

„Praescriptiones adversus haereses" (Antverpiae 1606). ©r will in ber
Seit, ba er in greiburg im SBreiSgau lebte, burcß einen glaubroürbigen
SMann in ben SBefife eines ©djriftftücfeS gelangt fein, baS er „Cubicdarii
cuiusdam Martini Lutheri super eiusdem domini sui Martini morte in-
terrogati ingenua responsio et vera corrfessio" betitelt. Qn biefem ©eferift-
ftücf befennt ber angebliche eubicularius Sutber'S, er habe feinen §errn,
ber mit ben in ©isleben Berfammelten |>errfchaften tüchtig gerecht, gän3»
lieh betrunfen 3u »Bette gebracht. 3lm anberen SMorgen, als er Sutber'S
Kleiber habe orbnen wollen, hebe er biefen neben feinem -Bette hängenb
unb jämmerlich ftrangulirt gefunben. Qn ber «3eftür3ung habe er mit
ben anberen »Dienern (roenigftenS fprießt ber SMann in ber SMebrjabl) ben
fürftlidjen ffeeßgenoffen Sutßer'S fcßrecflicbeS ©nbe mitgetbeilt. SEiefe haben
fie burcß -Bitten unb reiche »Besprechungen beroogen ju feßroeigen, aber
bie unbejroingticbe SOfadjt ber -BSahrßeit habe ben eubicularius 3um ®e-
ftänbniß beroogen. „SEiefeS jeber -Beglaubigung entbeßrenbe, oon einem
Unbefannten einem groeiten Unbefannten ju unbefannter Seit „jur ©ßre
©ßrifti unb 3ur ©rbauung ber ganzen chriftlicßen Kircße" abgelegte SBe-
fenntniß, baS SebuliuS Bon einem gleichfalls nicht genannten SMann
erhalten bat", ift für SMajunfe baS fiebere Sek u.ot noö axüi, oon bem auS
er bie ganje -BJoIfe Bon S611«"- fhr Sutßer'S chriftlicßeS ©nbe in ben
©taub wirft. SMajunfe bemerft meßt, baß SebuliuS jene SBericßte über
höUifdje ©eifter, bie Sutßer'S Seidje begleiten mußten unb beSbalb bie
beim qjeiligtßum ber ß. SEfemna in ©fjeel in SBrabant Berfammelten SBe-
feffenen auf einige Qtit Berließen, roie bie Bon einem Math eines hoßen
gürften (!) bejeugte ©efdjichte oon ben SEeufeln, welche in ber -CobeSnacßt
Sutßer'S auf bem «Brunnenranö unter feinen genftern tanjten, als gleich)
glaubroürbig beßanbelt. ©ßrlid) gefteßen benn aueß unfere ultramontanen
-Blätter: mit einem folchen S">gniß (wie baS beS SBienerS) ift einfad)
nichts anäufangen. SMajunfe aber Weiß etwas bamit anzufangen, ©r
entwirft ein ©emälbe Bon ber ©eetenftimmung Sutßer'S in feinen lefeten
SebenStagen mit foldjen garben, baß eS gar nießt mehr überrafdjen fann,
roenn Sntßer julefet feinem Sehen ein ©nbe machte. „SEaß in ©isleben
fein ganzer ftürmifdjer SebenStauf an feinem im ermatteten Körper be-
reits fehroaeß geworbenen ©eift Borüberzog, baß bie ©eroiffenSbiffe, bie er
in ben lefeten gaßren erlitten, ßier boppelt folternb für ihn Werben
mußten, lag in ber Matur ber -Berßältniffe." Streffenb fragt Kolbe: Db
SMajunfe, ber ja bie Quellen fennt, mol Sutßer'S -Briefe, bie er oon ©is-
leben an feine grau gefdjrieben, gelefen ßat? SMajunfe roeiß nichts Bon
ben ßerrlicßen «Borten, bie Sutßer noch, am 15. gebruar einem SRent-
meifter in feine §auSpofti!le feßrieb. »Dafür roeiß er, baß baS „©inigungS-
roerf", baS Sutßer betrieb, ber -Sergleicß ber ©rafen Bon SMannSfelb feßl-
fcßlug, u. gibt bamit ber ©efeßießte einen gauftfdjlag. ga, er geßt fo weit,
baß er Sutßer im ©efpräcß mit ©öliuS in bie -Blasphemie ausbrechen läßt,
man folte für ©ott zum -Teufel beten. SBer biefe Hinge alle Berfolgt ßat,
ber fann nur mit abfeßeu fich Bon folchen ©rzeugniffen ber römifeßen
©efchicßtSmacber abroenben. SMan fann Kolbe nur bantbar fein, baß er
biefeS ganze roüfte SMadjroerf unbarmherzig in feiner Micßtigfeit unb
gärnmertießfeit aufgezeigt ßat. aber zum Schluß möchten wir fragen,
ob eS nicbt zum ©rfeßreefen ift, baß man im römifeßen Sager 1890 genau
auf bem SfJunft angefommen ift, auf bem bie -Borfämpfer MomS Wenige
gaßre Bor bem -Beginn beS breißigjäbrigen Krieges ftanben. gaft roitl
eS fdjeinen, baß einer ber ärgften tßefeer, ber babifebe Matß SBiftoriuS
ein KonBertit, bie Quelle für SebuliuS bilbet. ©r ift roabrfcßeinlicß jener
quidam magni prineipis consiliarius; er fönnte auch mit SebuliuS, folange
er in greibnrg Weilte, in -Berührung gefommen fein. SEie ©djilberung
beS angeblichen eubicularius weifen auf einen 'llutor, ber an ßöfifeße -Ber-
ßältniffe geroößnt ift. SMan barf fießer fein, baß aud) in ultramontanen
Kreifen. roie roenigftenS einige ßeroorragenbe flerifale -Blätter z«gm, noeß
nießt aller SBabrßeitSfinn erlofdjen ift, fo baß mau erfennt, rooßin ber
ehemalige ,,©ermania".Mebafteur feine ©läubigen füßrt, unb barüber er-
fdjricft. HaS StBort Sutßer'S: Pestis eräm vivens, moriens ero mors tua,
Papa fönnte gerabe burcß SMajunfe unb feine ©efinnungSgenoffen eine
neue SBebeutung erhalten.

Mähern. 05. öo|fert.

Antze, Adf., Die Religion Jesu Christi, in den Formen der
kirchlichen Dogmatik entwickelt und dargestellt. Braunschweig
1889, Schwetschke & Sohn (XII, 335 S. gr. 8). 6 M.
Her bem Mef. roenigftenS noch literarifdj ganz unbefannte SSerf. ßat
burcß feinerlei anbeutung Berratßen, welcher SebenSfteHung ober welchem
SebenSfreife er angehört. Micßt auS gemeiner Meugier bebauern mir
baS, fonbern roeil manches in ber üorliegenben Schrift BieHeicßt ettnaS
oerftänblicßer würbe, roenn baS ©eßeimniß über bie SJJerfon beS SSerf.
gelüftet wäre. Dbtnol etlidje ßebräifcße auSbrüde, roie etliche termini
technici ber Hogmatif fich finben, fo fdjeint ßier boch nießt bie arbeit
eines Hßeologen oorzuliegen, ber boeß ohne Zweifel, roenn nicht meßr
Müdficßtnabme auf bie in unferen Hagen zumeift oerßanbelten Sflrobleme,
fo boch fießer meßr SBenufeung ber Schrift fich) hätte angelegen fein laffen.
©in meßr ober weniger berufsmäßig mit SBßilofopßie (ich befchäftigenber
SMann würbe fid) wo! burd) fcßärfere SBeßanblung be* MroblemS ber ©r«
fenntniß Berratßen ßaben, roäßrenb bie Scßrift einen t,ümlii) auto-
bibaftifeßen ©inbruef maeßt. Hürfte man in einer Saaße, bie ein SBott
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