Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

11.1890

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£ebr. 1, ©rfur« unb ju «LRattß. 11,10. SSa« gneinanber bon SBater unb
(Soßn fann jefet unter bem SEbpu« be« Valer«, jefct unter bem be«
Soßne« angefcßaut, e« fann baßer ba« eine mal (fo immer im 9t. %.
unb meiften« im SR. %.) ber Vater, ba« anbete mal ber Soßn al« ba«
©ubjeft ber Betreffenben 9lu«fagen aufgefätjrt werben; ba« festere ge«
fcßießt ba, wo ein befonbere« Sntereffe ben neuteftamentlidjen Sd)rift«
fletler Bewegt, bie Vebeutung be« ©ohne« für bie ©efammtoffenbarung
unb bamit, wa« ber Verf. factjltcf) mit Recht Betont, bie ©inßeit ber
ganzen Offenbarung ju marfiren. 9lu« biefem ©runbe Wirb z- 93.
Kol. 1, 13 -20 ber ®oßn ber ©rlöfer fo fetjr aud) al« Vermittler ber
©djöpfung bargeftettt, baß befannttidj bie ©jegefe über bie grage, ob,
refp. wo unb wie Dom Vräertftenten bie Rebe fei, ftreitig ift. 916er Weber
Bier noch goß- 1 noch fonft Wo, wirb ber ©ohn gerabeju ber Schöpfer
genannt. SEer ©ine 93ibelgott ift unb Bteibt ber Vater, aber im ©ohn,
burch ben ©ohn.

©o feßr mir mit bem Verf. in ber ernften, Dollen Vetonung ber
©ottßeit be« Soßne« im firdjlicßen, jefct f. g. metaphhfifchen ©inn nach ber

©chrift übereinftimmen, fo fetjr bebauern wir ihm in feiner 9lrt ber
Monolatria Christi nicht folgen zu fönnen. SOcit ihm Dermerfen wir bie
unitarifcße Verbrängung be« Soßne« burch ben Vater, ber bann in lebter
gnftanz freilich nicht mehr Vater ift 1 goß. 2, 22. 23; 2 goß. 0; aber
ebenfo entfchieben weifen Wir bie ^injenborffcfie Verbrängung be« Vater«
burch ben ©ohn ab. 933ir empfehlen jebem bie unwiberlegbaren unb
föftlichen, tief Bibltfcrjen 9lu«führungen 93engel'« Wiber ginzenborf ju
tefen unb flu beherzigen. SEer ©ohn felbft aber nennt ben Vater ben
Lirivo; dXrjftivri; fl-sri; goß. I7, 3; ©c al« auferftanbener goß. 20, 17, ja
al« jur Rechten ©otte« erhöhter nennt ben Vater feinen ©ott (Offb. 3,17).
SEa« barf bie Kirche unb barf ber ©injelne nie au« bem ©inne laffen.
SEurcß ©ßriftum zum Vater, welch leßterer nicht in unerreichbarer gerne
bleibt, fonbern eben burch ©ßriftum un« al§ Vater nahe fommt, ba«
bleibe unfere ßofung.

Reue« im Vergleich mit ber $auptfcßrift enthält auch faum ber Vor«
trag Don SBfr. Dr. ©. g. Römßelb: „Veweife für bie ©inheit ber
Offenbarung bc« ewigen ©orte«, nebft einer ©rörterung ber grage, ob
„SErabition" ober „©chrift" in ber ebang. Kirche" (Vielefelb 1889, Vel«
ßagen & Ktafing [41 ©. gr. 8] 60 Vf.). SEer Verf. glaubt (©.5), baß
eher bie SBelt ju ©runbe geht, al« feine Veßauptungen unb Vemei««
führungen wiberlegt werben, baß (©. 13) er in ber ©chrift fiöt unb feine
©egner braußen. Ref. ift gewiß fein 91nßänger unb Vertreter be« Dom
Verf. befämpften Strabitionali«mu« unb SEogmati«mu«, ber meint, bie
©jegefe unb biblifcße SEßeologie müffe fich in ben ©renjen ber SEogmatif
halten, ©r glaubt aber gerabe, baß bie Schrift gegen bie 9luffteHungen
be« Verf. zeugt. 3a, ber Verf. ift noch weit mehr SErabitionalift al«
bie Drthobojen; benn für ihn haben (Dgl. ©. 26 ff. unb in ber Jpaupt»
fcßrift befonber« II, 488 ba« Sieb: „gefu« nimmt bie ©ünber an" ift
ein @lauben«befenntniß ber ß. ©emeinbe) bie Kirdjenlieber, unb erft
noch fo, Wie er fie interpretirt (f. ba« Bezeichnenbe angeführte Veifpiel),
bie Vebeutung authentifcher SEeutung be« Schriftmorte«. Von ädern an«
beren abgefeßen, ift ja gwed unb ©harafter eine« Kircßenliebe« DöOig
Derfannt, wenn e« eine bogmatifcße geftfeßung geben ober mehr al« bie
bazu beftimmten ©hmbole begrünbeu fotl. SBir fönnen nur abermal«
bebauern, baß auf großentljeil« richtigen Ifkinzipien unb mit fo frommem
©ifer unb warmem §erzen eine Seßre, bie mir burchau« nicht für fdßrift«
gemäß halten, aufgeteilt unb Dertßeibigt wirb. viobcrt ififibtl.

Krause, Karl Chrn. Frdr., Vorlesungen Uber das System der Philo-
sophie. 2., aus dem handschriftlichen Nachlasse des Verf. verm.
Aufl. Hrsg. von DD. P. Hohlfeld und A. Wünsche. I. Bd.:
Der zur Gewissheit der Gotteserkenntniss als des höchsten Wissen-
schafteprincipes emporleitende Theil der Philosophie. [Titel-Aufl 1869.]
2. Bd.: Der im Lichte der Gotteserkenntniss als des höchsten Wissen-
schaftsprincipes ableitende Theil der Philosophie. Leipzig 1889,
0. Schulze (LI, 440 S. m. 1 Tab. u. XV, 371 S. gr. 8). 18 Mk.
Racß Umfang wie 3nhalt ift ba« groß angelegte, im auffteigenben
erften SEßeil an bie große SLRaffe ber gebilbeten unb berftänbnißöoH
prüfenben ßefer, im abfteigenben zweiten SEbeil nur an pßilofopgifche,
fpractjfunbige, feine ©djwierigfeiten fcßeuenbe gorfcßer fich ricßtenbe
„©hftem ber Vßilofopßie" ba« eigentliche fjauptwerf be« bi« heute um
9lnerfennung unb Vefanntmerben ringenben göttinger Rteifter«. Söenige
gaßre Dor feinem SEobe hatte er bie greube, feine Vorlefungen (1824
zuerft gehalten) auf ©runb ftenographil'cher Racßfcßriften gebrucft zu
feßen (18281. 3n fcßlirbter Klarheit unb 9Bürbe, warm unb ernft, Dor»
ficßtig erwogen unb borbereitet fcßließt ficß ©ebanfe an ©ebanfe, balb
breit wie ber ©ee unb balb wieber lebhaft fortfdjreitenb wie ber ©trom
Dom ©ebirge b>r. „®ie eigene göttliche Schönheit ber 933ar)rr)cit" fotl im
priefterlich reinen ©emanbe, ohne fBrunf unb äußere Kunft auf $erz unb
©emüth Wirten, gwecf be« ©anzen ift, baß ber SRenfcß fid) al« ©inzel»
wefen unb bie Rtenfcßßeit al« Organi«mu« ertenne unb anerfenne al«
Wefenb, feienb unb tebenb in unb unter, burch, mit unb Dereint mit
©Ott. Riebt Vantßei«mu« (zjegel, gioßte), nicßt gefüßlögläubiger SEßei««
mu« (3acobi), fonbern rein fpefulatioer Zpeiärnnä, ber Dielfacß ficß an
ba« biblifcße ©hrff*ent9um anzufchließen fucßt, ift Kraufe'8 ©hftem. TOit

fRacßbrucf leßrt er, gegen Sant unb gacobi, baß aud) bem enblidjett
©eifte wiffenfcßaftliche« ©rfennen ©otte« unb eigentliche« SBiffen Don
©ott möglich fei. gerner gegen ffant, baß ©ebet unb ©ottinnigfeit,
©ottDertrauen unb religiöfer ©laube untrennbar feien Don ber SBiffcn«
feßaft, beren gorfcßen felbft eine priefterlicße ^anblung fein föde. 93e«
bentfam finb feine, Don gröbel erfolgreich in« praftifdje ßeben über»
tragenen Vemüßungen um ibeale grauenemancipation. Veibe ©efchlecßter
gelten ißm al« gleich, fähig unb gleich Würbig, auch gleichermaßen be«
ftimmt unb berufen, an ber ©ößerbilbung be« ©efeUfcßaftöleben« intellef»
tuell unb ethifaVreligiö« zu wirfen. Sßäßrenb ber crfte eroterifcße STtjeil
bie atlgemeinDerftänbliche Sprache rebet, ift ber zweite efoterifcße SEßeil
burd) fReubilbungen Don SSegriffen unb Sprachformen erfchwert, bie zwar
im Söefen ber beutfcßen Sprache wurzeln, aber, Don Sraufe al« wiffen«
fcßaftlicbe Vafilalie, b. i. 3u'unf'?' 'tnö ©emeinfpracße ftarf überfcßäöt.
Bereit« enbgültig Dom ©pradjgeifte abgelehnt fein bürften. Um bie
1828 ff. faft tobtgefchwiegene, Don fterbart befonber« hart Derurtßeitte
gbeenwelt Straufe'8 haben fich bie §erau«geber (ü. Seonßarbi 1869), 4>or)I-
felb unb VJünfcße (1889) reblicß gemüßt. IE.

Kawerau, Prof. D. Gust , De Digamia Episcoporum. Ein Bei-
trag zur Lutherforschung. Kiel 1889, Homann (62 S. gr. 8).
1. 20.

£>ie fleine Schrift bietet ein breifacße« gntereffe. 3" erfter Siuie ift
J e« bem Verfaffer gelungen, eine fleine, aber wichtige ©pifobe in ßuther'8
j Seben in Döllig befriebigenber UBeife aufzuhellen. 3w 3- 1528 iwß
ßutßer 139 SEhefen De digamia Episcoporum erfdjeiuen, in bencn er bie
SBieberDereßelidjung ber ©einließen Dertßeibigte, benn Sutßer waren
28 SEßefen gegen bie zweite ©ße ber ©eiftlicßen au« ber geber eine« Un«
genannten zugefommen. 93i8f)er tjerrfctjte feine Döflige Klarheit über ben
9lnlaß ber ganzen Verßaublung unb ben Urßeber ber 28 SEßefen (Dgl.
Stöftlin, ber noch annehmen fonnte, bie Saaße fteße im |]ufnmmenhang
mit Sutßer'8 Streit gegen tjpier. Scßurf). fRun ift Kawerau ber Sache
auf ben ©runb gegangen, ©r weift nacß, wie bie 9BieberDeref)cIid)iing
be« nürnberger Vrebiger« SEom. Scßleupner große« 9luffehen erregte.
Wie bort bie 28 SEßefen aufgetaucht fein müffen, bie oßne einen Vamen
ZU nennen, Scßleupner auf« he-ft'flfte angreifen, wie bie nürnberger Vre-
biger Dnanber unb ßinf ben SEßefenftetler in eigenen SEßefen heftig be«
fämpfen unb bie Vriefe be« ©ocßläu« an Vtrfb«wer trefflich z" ber ba«
maligen Stimmung unb ben ©egenbemüßungen Vwißeimer'« gegen bie
Angriffe ßutßer'« unb ber Nürnberger paffen. ©8 bat bie böaßfte Süaßr«
fdieinliaßfeit, baß bie nürnberger SEßeologeu ßutßer bie 28 SEßefen mit ber
9lnbeututig feßidten, ber Verfaffer fei Virfßeimer. Noch wertßDotler ift
ba« fließt, ba« au« Kawerau'« SEarfteÜung auf ben ©ßaraftcr unb bie
Stellung Virfßeimer'8 fällt. Vkfbeimer ift neben ©ra«mu« unb .fjutten
Woßl ber bebeutenbfte Vertreter be« £mmani«mu8 im erften 3oßtZch"t
ber ^Reformation, gür ben Kampf gegen Vom ift fein Scßwert fo feßarf
wie nur irgenbeine«. 3Rit feiner allgemeinen Vilbung oerbinbet er eine
Kraft ber Satire, bie ben ©egnern mehrfach gefährlich würbe. Vlber für
bie eDangelifcßen Vrinzipien in ißrer SEiefe unb .ftöße ßat er lein Ver«
ftänbniß. ©erabe bie 28 Ißefen beweifen feine bualiftifrße ©tßif, weldje
bie ©ße auf bie niebere Stufe eine« remedium für bie Sinnlichfeit herab»
brüdt. 3n biefer fRiduung finb ißm flutßer, Sint unb Dfianbcr weit
überlegen, ©anz befonber« intereffant ift, wie Vit'ßeimer feiner Unzu«
friebenßeit mit ben Reformatoren feinen offenen 9lu«brucf zu geben wagt,
fonbern au« bem §interßalt feine feßarfen pfeife feßießt, wie er bie 9lutor«
fcfjaft feiner SEßefen halb zugefteßt unb wieber in 9lbrebe zießt. Nocß
intereffanter ift, wie ißn bie ©mpßublicßfeit über bie erfahrenen 9lngriffe
auf feine SEßefen einem ©ocßläu« näßer bringt, unb wie gierig ©ocßläu«
ftatt be« gebotenen ginger« bie ganze §anb be« berftimmten fwmaniften
ZU ergreifen unb ißn auf ber eingefcßlageuen 93aßn weiter zu treiben fueßt
unb offenbar hofft, in Vk'beimer ein gefcßidteä SBerfzeug gegen ben
i „TOöncß", wie Vkfßeimer flutßer jeßt nennt, gewinnen zu fönnen. ©8
j ift nicßt« geringere« al« ein literarifcßer gelbjug gegen bie eDangelifcßen
I SEßeologeu, ben Virfßeimer plant. 9Ba« Kawerau zur ©ßarafteriftif
I V'idße'tner'8 barbietet, ift ein überau« wertßDofler Veitrag zur üöürbigung
| be« .fjumanigmu« aller geiten. 3u britter flinie Derbient Kawcrau'8
©cßrift Veacßtung; Benn fie bringt zwei wichtige gragen für ba« geift«
ließe 9lmt auf« neue in 9lnregung. SEie erfte grage ift: 3Bic weit ift bie
: 9lmt«wirffamfeit unabhängig Don ber Verfönlicßfeit unb bem Beben be«
t Vrebiger«? 3ft berfelbe nur ba« Sprachrohr ber reinen Beßre, ober hat
fßirfßeimer recht zu fagen: ©in gottlofer ©cßufter fann wol Dorzüglicße
©chuße Derfertigen, aber nimmermeßr fann ein gottlofer Ntenfcß bie ©e«
meinbe ©otte« erbauen? ©8 ift fetjr beßerzigenöwertß, wa« Kawerau bei
Vefprecbung ber SEßefen unb ©egentßefen in biefer Richtung furz bemerft.
SEie anbere grage ift bie: 3ft bie zweite ©ße be« ©eiftlicßen, bie nacß
bem Rtaterialprinzip ber eDangelifcßen Kirche unzweifelhaft berechtigt ift,
wie ba« bie ©egner Virfßeimet'8 flar geigen, aud) feßriftgemäß? 9J3je
fteßt e« mit 1 Jim. 3, 2. 12? gft gier bie fimultane ober bie fucceffioe
Volngamie Derboten? ©ine Vergleicßung mit ben SBitwen nötßigt, wie
bie weiften 9lu«leger anerfennen, nahezu unbebingt an ein Verbot ber
fucceffioen Rolggamie zu benfen. 93ei aller eDangelifcßen greißeit, bie
au« ber Schrift feinen neuen ©efeßegfobej maeßt, wie ba« flutßer mit
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