Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

11.1890

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niept ©priftuS ber altteftamentlicpe gehoüap ift" (bgf. n, 193); ba ©priftuS
ber ©ne eigentliche SBibelgott ift, fo haben „aüe ©rpriften H. unb 9?) %
im roefentftrpeu benfelben Seprbegriff" (I, 51. 450). datier muß auch bie
bibtifeb-tbcDlogifcbe SIBiffenfcpaft eine ftreng einheitliche fein, fo befonberS
„bie S_ffenfcpaft üom tarnen" (1,183); alle ©teDen, in roelrben Sennungen
Wie „Samen ®otteä, geponap je." ootfomtnen, muffen gleid)mäf3ig erflört
roerben (1,130). Unb bieS üerftept ber SSerf. fo, baß biefe ©leicpmäßig«
feit ein ibentifcper ©inn bei 3luSbrucfS als folcpen fein muß, ja baß mir
im Deutfcpen für bie betreffenbe pebräifcpe STBenbung aud) eine ftetS iben«
tifcpe gormel muffen gebrauchen fönnen. 9San ogt. g. 58. I, 132; gu
1 ©am. 20, befonberS SB. 42 roirb gefagt: „Daüib unb gonatfwn hatten
einanber gefchrooren im Samen beS §errn b. p. in ©prifto. 5f8en biefe
©rflärung nicht befriebigt, welche anbere fönnte er bieten? tpatten fie im
Striefen ober auf 58efeht ober im Sußm beS §errn einanber gefcptooren?
Dber peißt eS gar nichts? Damit fönnen mir uns nicht gufrieben geben".
DaS heißt nun ficher gu äußerlich berfahren. ©S fotlte bod) feiner 58e»
merfung bebürfen, baß eine folche Seberoenbung mie „im Samen beS öerrn
etmaS tpun", baS eine mal mit biefem, baS anbere mal mit jenem beut«
fcpen SluSbrucf, ein britteS mal gar nicht mit einer furgen beutfcpen
gormel roiebergegeben merben fann. Der qpauptfinn ift immer: „in ber
©egenmart beS geoffenbarten ©otteS, biefe ertennenb, füplenb, anerfennenb,
befunbenb, oon ber Straft biefeS ©otteS getragen" ic.

DaS angeführte SBeifpiel hat uns auch fd)on in bie eregetifcpe SSethobe
beS vBud)eS bineinblicfen laffen. Diefe fönnen mir beim beften SBiflen
nicht ober nur feiten anerfennen, ja mir fönnen nicht leugnen, bafj bem
SBerf. manchmal gerabegu SBerftöße begegnen, bie ben ©inbruct feiner Dar«
ftelluug fetjr fchroächen. geh Dermeife für bie, melcpe näher nachfehen
motten, g. «. auf folgenbe ©teilen: I, 104. 349. 487. 495; II, 49. 54.
131. 330 ff. 348 f. 463. 469. 408, unb führe nur golgenbeS an: 9Sit bem
(in biefer Slügemeinpeit an fich nicht richtigen) Sag, bafj xcu unb i auch „näm«
lieh" peifien fönne, roerben aüe ober bie meiften ©teüen erflärt, roo „©Ott
unb unfer SBater unb ber £>err gefuS ©hriftuS" u. bgl. nebeneinanber ftehen,
g. 33. 1 Dheff. 3, 11; 2 Dheff. 2, 16; eS fott (II, 131) ber ©inn fein: unfer
SBater, nämlich ber Sjerr gefuS ©priftuS. Unb für bie lebte ©teile „fpielt"
ber SBerf. fogar ben grammatifalifchen „Drumpf auS", baß, roenn hier
gwet , rfonen gemeint roären, baS 33räbifat im SJilural ftehen müffe.
(Eine folche SBetoeiSfüprung geht benn boep gu roeit; ogl. jebe grteepifepe
©rammatif, g. 58. ffrüger, § 63, 4. Die apofalpptifcpe Sobpreifung beffen,
ber auf bem Stuhl figt unb beS SammeS, fott fo Oiel als beS ©otteSfopneS
unb beS fSenfcpen ©opneS fein (II, 49). Sehnlich für gef. 55, 5 f. II, 463;
für Dp. 1, 4 ff. f. H, 390. DaS ftärffte ift rool II, 408, wonach in
Dff. 11, 15 „bie Seiche ber SBelt finb unfereS eperrn unb feines (NB.)
©priftuS geroorben" gang „eüibent" nicht gmei ttjerfonen, fonbern eben ber
©priftuS, unfer tperr, ber gepooap gemeint fein fott. SIBenn aber bod)
baS aüroö nach xaü Xptaxoö, baS fonnenflar auf roö xupiou rjiröjv jurücfgerjt«
nicht beroeift, baß ber xöpios unb ber Xpioxö e gtoei Sflerfonen finb, fo hört
alle ©rammatif auf._______Uobert .übel.

Knudtzon, I. A. (Univorsitätsstipendiat in Christiania), Om det Saakaldte

Perfektum og Imperfektum i Hebraisk. (Ueber das s. g.
Perfektum und Imperfektum im Hebräischen.) Christiania 1889,
H. Aschehoug & Co. (VIII, 152 S. gr. 8).

Die grage nach ber üon ben alten Hebräern mit ipreu SBerbformen
»erbunbenen Slnf.uungSroeife mar trog allem, roaS befonberS Drioer in
biefer Sichtung geleiftet, einer neuen grünblidhen Unterfucpung roertp.
Jtnubgon giebt nun in oorliegenber Schrift ©. 3—84 einen piftorifepen
unb gugleicp fritifchen Ueberblicf über bie bisherigen SBerfuche, ben alt«
teftamentlichen ©ebraud) üon SBerf oft unb gmperfeft gu erflären unb gu
Ilaffiftciren. Dann folgt ©. 85—128 bie Darlegung ber eigenen Sttcei«
nung beS SBerf. oom ©inne jener gormen unb ©. 129-148 auf ©runb
berfelben eine Ueberficpt über fämmtliche 5Köglid)feiten tpreS ©ebraucßeS.

Die legten beiben burch bie Oorangehenbe ffritif früherer Slufftetlungen
oorbereiteten Dheile beS i8udjeS nehmen in erfter fiinie baS gntereffe in 9ln<
fprud). Scan fann roo, fagen, bie gewöhnliche ©rflärung beS SerfeftS
unb gmperfeftS ift gegenwärtig, baß baS erftere bie oottenbete, baS gmeite
bie unoottenbete ^anblung bezeichne. Snubgon erinnert bem gegenüber mit
Secpt an SBöttcher'S SuSfpruch, baß baS ©emitifdje überall nur pofitioe
©egenfäge abbilbe, nicht negatioe, unb fügt hinju, baß ber SttuSbrucf „oott»
enbet" immer ben ©ebanfen an ein fchon eingetretenes Sufhören ber
Shätigfeit nahe lege, toaS bod) für baS SBerfeft beS Hebräers nicht immer
gutreffe, unb baß bei bem gmperfeft ebenfo Wenig baS „Socb nicht ju
©nbe fein" ber Dhätigfeit baS ©hatafteriftifum bilbe. Die cpanblung beS
SBerfeftS fei beffer burdj „gefchehen" (factum) gu beftimmen, bie beS gm«
perfeft burch „gefeßegenb" (fiens). SBeibeS läßt fich in jeber geitftufe
benfen; aber baS Pactum roeift bod) am leidjteften auf bie SBergangenpeit,
baS Fiens auf bie ©egenroart, fobaß eS faft angegeigt fepeinen fönnte, fie
als urfprünglidje roirflidje Tempora (Zeitformen) für SBergangenpeit unb
©egenroart gu betrachten, beren fpäter erweiterter ©ebrauch fefunbärer
Satur Wäre.

gnbeffen fpricht naep Knubgon bie Jperfunft beS SerfeftS beutlicp für
urfprünglicpe 3nbiffereng beffelben in SBegug auf bie geitftufen. ©S
begeidjnet nämlicp in Smirflicpfeit nur baS bem STJlicf, ber ©rfaprung-

bem STJetoußtfein „SBorliegenbe" unb unterfepeibet fich, roenn oon etroaS
in ber ©egenroart Sßorliegenbem gebraucht, oom Sßarticip baburch, baß
eS befagt, ein f)uftanb fomme einem ©egenftanbe in bem in groge ftepen«
ben Slugenblicfe in feiner Sailgemeinpeit gu, roäprenb baS SBarticip ipn
in einer beftimmten Säeußerung ober Offenbarung auffaßt. DaS
Sparafteriftifum beiber ift Supe. gm ©egenfag gu ihnen brüeft nun baS
gmperfeft SBeroegung auS, aber nicht in ber .fianblung felbft, fonbern im
SBerpältniß ber ^anblung gum Sebenben. ©S begeiepnet baS, maS in
einem gegebenen Silugenblicf fiep barftettt, ©inbruef maept, in ber ©rinne«
rung auftaucht, gn t>w ftept ©ott Oor bem ©emütp beS Sebenben a(S
einer, ber fiep groß gegeigt hat; ber SäuSfprucf) ift golge eines oon ©ottcS
©röße empfangenen lebenbigen ©inbructS. Dagegen märe Via eine weniger
lebpaft empfunbene, aber oietteirpt um fo beftimmtere SttuSfage auf ©runbe
längerer SBetradjtung ober ©rfaprung. 8sik befagt, baß ein SBermögen
in einem beftimmten Silugenblicf empfunben roirb, ^b^, baß eS oor«
panben ift. SBon Drioer, meteper eS ja liebt, baS gmperfeft als ben
SSobuS ber „eintretenben" (nascent, ineipient, ingressive) ^anblung gu
begeiepnen, unterfepeibet fiep ßnubgon baburep, baß er, roie foeben bemerft,
niept auf baS ©intreten ber gpanblung an fiep, fonbern auf baS ©intreten
berfelben in baS SBeroußtfein refleftirt.

©S ift bem Sefcrenten eine angenehme lleberrafcpung geroefen, pier
1 in ber ^auptfadje eben bie änfdmuung Oom ©ebraud) ber hebräi«
fcpen SBerbalformen roiffenfcpaftlirb bargeftettt gu fepen, melcpe fiep ihm
fepon feit langem bei ber SBefipüftigung mit bem 31. D. aufgebrängt pat.
DaS . rfeft ift, wie Sef. gefagt haben mürbe, üorgugSroeife ber SDcobuS
ber Seflejion, baS gmperfeft ber SOcobuS ber SBhantafie; jn ia(h ber bem
Sebner eigenen Slbgeflärtpeit ober Sebenbigfeit ber SBorftellung wirb bie
j eine ober anbere gorm angeroanbt. SBon biefer ©runbanfebauung auS
ift bann eine befriebigenbe ©rflärung ber mannirpfaltigen Sttnroenbung ber
' beiben äftobi möglid).

SBeifpielSroeife tpeilen mir bie oon Snubgon aufgeftettten fünf fjaupt'
' arten beS ©ebraucpeS beS gmperfeftS mit. 58egeid)net baffelbe baS, roaS
j einem entgegentritt, fo ftept eS natürlicpertoeife 1. Don folcpcm, maS im
' gegebenen Zeitpunft mirflid) gegenwärtig ift; 2. oon bem, roaS fid) als
gegenwärtig eintretenb betrachten läßt, weil eS infolge feiner ©eroopnpeit
j jeben Slugenblid eintreten fann; 3. oon SBergangenem, maS infolge leb«
i hafter SBetheiligung am SBorgang als gegenwärtig erfepeint, inSbefonbere
| wegen beS malenben ©parafterS beS gmperfeftS oon .fpanblungen, bie gu
i gefchepen pflegten; 4. oon Zufünftigern, baS im Silugenblicfe inS Slluge ge«
| faßt roirb, unb 5. oon göanblungen, beren ©intreten Dom Sebenben felbft
j als möglich ober erroünfcpt gefegt, ober bod) mit eiuer geroiffen Dpeil-
1 napme oerfolgt wirb.

Derartige ©rörterungen finb ficperlid) niept geinpeiten, melcpe nur ben
i ©rammatifer üon gad) angepen, fonbern für jeben pebräifchen Unterricht
unumgängliche SBorauSfegung, opne roelcpe ein roirflidjeS ©icheinleben in
pebräifcpe Sebe- unb Denfroeife unmöglich ift. ©S ift ein Unterfcpieb, ob
man etroa gum gmperfeft mit Vav consecutivum bie SBorftettung mit«
bringt, baS gmperfeft fei SlluSbrucf ber unoollenbeten .jjanblung — roaS
nebenbei ein für bie SBorftellung recht unbequemer (Begriff ift - ober ob
man weiß, baß eS bie bem ©rgäpler gegenwärtig geworbene ftanblung
begeiepnet. Denn im legteren gatt ift flar, baß niept ein fdjleppenbeS
„unb eS gefdjap" eine gutreffenbe SlBiebergabe beS piftorifepen gmperfeftS
ift, fonbern nur ein „ba gefepiept eS", wobei bie fonjunftioe IBartifel,
Wenn aucp in fcpwädjerer SSSeife, biefelbe gunftion ausübt roie in anberen
gälten rc (bamalS). Daß bie SBorftettung oon ber gähigfeit beS f. g.
Vav coDverBiTOm, Zofooft 'n SBergangenpeit unb SBergangenpeit in Zu«
fünft gu oerroanbeln, roittfürlicp ift, barf opnepin als anerfannt gelten,
obmol fie in ber an ©eltfamfeiten reichen ©eprift beS ©inologen gofepp
©bfinS „The Evolution of the Hebrew Language" («onbon 1889), ©. 53 f.
immer noch oertreten roirb. ©S märe guroünfdjcn, baß ber SBerf., oietteiept mit
SKufgabe ber in Oorliegenber ©chrift angeroanbten genetifepen Wetpobe,
bei welcher guroeilen ^roeifel in «Betreff feiner wirtlichen unb beßnitiben
SDceinung entließen, in einer beutfep gefepriebeneu Sttbpanblung beutfcpen
Sefern bie Sefttltate feiner forgfamen Unterfncpungen felbft gugänglid)
maepen wollte. Wuflaf ijalman.

SBefte, gopS. cSuo. u. »poftot prim. ju ©djöpocnftebt), ©>efd)icptt ber braun-
febroeigifepen 2anbc*fird)e oon ber Seformation bis auf unfere Dage.
SBolfenbüttel 1889, Qmi^et (XI, 730 ©. gr. 8). 15 SM.
©ine ausführliche Darftettung ber ©efepirpte einer oerpältnißmüßig fo
fleinen Sanbesrircpe, roie eS bie braunfeproeigifepe ift, fann nur bann auf
baS gntereffe weiterer Streife STlnfprud) maepen, Wenn eine eigentpümlicpe,
auch für baS große ©ange niept bebeutungSlofe ©ntroicfelnng üorliegt.
DaS ift bei ber braunfeproeigifepen SianbeSfircpe ber galt, in welcher
«Sänner roie SSartin ©pemnig, SifolauS ©elnecfer, gopann 9lrub, ©eorg
©alirt, guftuS ©efeniuS, ©eorg Sitfd) (ber foätere ©eneralfuperintenbent
oon ©otpa), SUbt genitalem, STlbrapam Detter, goaepim fjeinrirp ©ampe
gewirft unb ipr gum Dpeil auf lange gapre ben ©tempel ipreS ©eifteS
aufgeprägt paben. ©epon biefe Samen geigen, baß cS eine banfbare unb
intereffante SJlufgabe roar, bie ber SBerf. fid) geftettt pat. Unb er pat fie
in einer folcpen SIBeife gelöft, baß nirpt nur bie tßeologifcße SIBiffenfcpaft
unb bie braunfeproeigifepe flanbeSftrcpe, fonbern aucp baS gebilbete beutfepr
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