Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

11.1890

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ber ©intheilung eine leicht ju merfenbe fei. Sßit bürfen fagen, bafj bem
in ber .pauptfaejr entfprodjen roorben ift. Serjerfdjöpfenb fteitid) finb
nid)t alle ©ntroürfe. So wirb j. 58. am ©onntage nad) Sleujahr bet
®ert 1 «Retr. 4,12—19 nur halb oerroerthet; fo bleibt in ber «fkebigt
am 6. Sonntag nad) ©pipljaniad über 2 «Betr. 1, Iii - 21 5ß. 20 u. 21 Oöllig
aufjer 93etrad)t; cbenfo in ber Septuagefimä-lßrcbigt über 1 Kor. 9,
24—27 bie aweite §älfte non SB. 24; unb in ber Pom 2. Sonntag nad)
®rin. über 1 3ol). 3,13—18 ber ©ingangdoerd, roie enblid) in ber Pom
13. Sonntag nad) ®rin. über ©al. 3,15-22 bie oielumftrittenen SBerfe
19 unb 20 gar nid)t ertoäl)nt roerben, roomit ed bann äufammentjängt,
bafj ber ben ganjen ®ejt burcbüiebenbe ©egenfatj jroifajen ©efefe unb
SBerjeifjuug nur menig ju feinem Siechte fommt. ®ie ®idpofitionen finb
im ganjen Iura, bünbig, bctjaltfam. Ruroeilen jebod) tonnten bie ®l)e*
mata fejärfer formulirt fein. ®enn roenn j. 58. am 4. vlboentdfonntag
im «nfrolufj an ben ®ejt «Rh». 4, 4-8 als? Xtiema taingefteHt toirb
„®ie Slboentdprebigt, bie ber Slpoftel und l)ä(t", fo tonnte, ba aud) bie
anberen Blboentdfonntage epiftolifdjc ®er.te haben, jeber bcrfelben mit
gteidjem 5Red)te baffelbe SIt)ema tjaben. ©benfo finb ®hemata roie: Bafjt
und beute reben „Pom Seiben bed ©briften", ober „bie Kinbfdjaft ©otted"
fei ©egenftanb unferer 5>lnbad)t; mir reben „Pon ben Sserfudjungen bed
Sebend"; „bad fefte, propbetifebe SBort" fei ©egenftanb unferer S3e»
trad)tung, abgefeben baoon, bafj bad Ueberfdjriften unb feine Shcmata
finb, bod) unbeftritten unbeftimmt unb ju rccit unb gewinnen erft Slöertl),
wenn fie burdj bie SEidpofition auf beftimmte ®enf= unb Sebendgebietc i
befdjräntt werben. SlBenn Übrigend im Slnfajluß an ben SKogate^SEejt,
Saf. 1, 22—27, bie ®idpofition lautet: „bie fJiegeln, bie ber Stpoftet und
gibt über ben redjtcn ©ebraud) bed göttlidjen SBorted. Sie lauten:
1. feib nidjt Pergefjlitbe .pörer, 2. fonbern rerbtfdjaffene ®jäter", fo ift
bad bod; nur eine Siegel. So ift eine logifdje Ungcnauigfeit aud) barin
enthalten, bafj über 9iöm. 12, 7—IG gerebet wirb „Pon ber 58eroäljrung
bed ©laubend", unb bann gefagt Wirb, bafj biefc (Bewährung fid) ju
aeigen habe 1. in ber 58erufderfüHung, 2. im Umgangdlebcn, 3. in ber
Seibendjett; in welcher ®idpofition ber 1. Sbeil, ba bie Sludfübrung
beffelben nidjt Pon bem „SBie", fonbern Pon bem „®afj" ber 58erufd»
erfüüung fjanbelt, nidjt ben anberen entfpridjt, ba er eben barlegt, ber
©taube roerbe beroäljrt babureb, bafj man feinen Scruf erfüllt, roäbrenb
bie beiben anberen SEpeile jeigen, roie im Umgangdlcben unb in ber
Seibendjeit ber ©taube fidj beroäljrt. 3n biefer fßrebigt wirb Übrigend
5B. 16 bed SEejted ganj unbeadjtet gelaffen. SBJenu ferner bie iBrebigt
oon Ouafimobogeniti über 1 3ob. 5, 4 -10 bad ®hema an ber Spitje
trägt: „®ed ©tjriften Sofung: burdj Stampf juni Sieg", unb ba be*
tradjtet roirb: „1. ber ftarfe TJ-einb, 2. bie gute SBaffe", fo gehört bodj
bie Siebe baoon, bafj „bie SBelt und in jjroeifet an ber göttlichen SBaljr*
tjeit gu ftürjen ober mit ihrer Suft ju berüden fudjt" in ben etften
unb nidjt, roie in ber SJjrebigt, in ben jroeiten Sfjeil. Unb roenn in ber
«Brebigt Pom 16. Sonntag nad) ®riu. über ©pt). 3, 13—21 gehanbelt roirb
„Pom Starfroerben am inroenbigen Sölenfchen", fo ift non fotdjem Start*
roerben nur in SS. 16 bie Siebe, unb jroar Pom Starfroerben burdj ben
b,. ©eift, roeldjer lefjtere in ber 9ludfüf)runq AiemUdi unberüdfidjtigt bleibt
roie ed fdjeint, bedpalb roeil ber SSerf. bad Starfroerben Por allem in
bem 58.17 auägefprodjenen „5SBol)nen ©hrifti im .perjen" gegeben fietjt,
road bodj eigentlich ein bereitd ©tarfgeroorbenfein ,ift; benn bad
SBofjnen (xatoixijaa'., Aor.) brüdt einen bleibenben 3uftai'° au§» roäljrcnb
ber SSerf. ed gcrabeju audfpridjt: bad Starfroerben am inroenbigen
«JJienfdjen befteljt in ber ©emeinfdjaft mit ©Ijriflo.. 9lld ©injelned möajten
mir noch bemerfen, bafj bie Bludlegung bon 1 Sfor. 13,13, nach roeldjer
ber in Schauen fid) Perroanbelnbc ©laube unb bie fidj crfütlenbe Hoffnung
„an ber Sdjroelle ber ©roigfeit fidj Pom SJienfdjen berabfdjieben", mit
bem pivci bed ®erted in SDJiberfprndj ftetjt; bafj .pebr. 9, 11 unter ber
Sjütte bodj faum ber Beib ©hrifti ju oerftehen ift; bafj (ju 5Röm. 6,
19—23) „ber SJienfd) nur frei ift in ber Scbenögemeinfajaft mit ©ott,
non beut unb ju bem er gefdjaffen ift", roeil (bad roäre erläuternb hinan«
anfügen geroefen) er nur fo wahrhaft er felbft ift, fid) felbft feiner 5J,bee,
feinem wahren Söefen gcmäfj beftimmenb; unb baß ed fdjeint, ald wolle
ber SSerf. bem SBorte «ßauli 1 Sheff. 4, 15 -17 einen geroiffen ßroeifel
entgegenbringen. 5!lnbered roieber hat und recht erfreuenb angemutet:
fo 5.58. bie feft anfaffenbe jfeitprebigt über 1 SEheff. 4,1—7 am Sonntag
SJeminifcere; bie ergreifenbe (Einleitung ber 3ubicaprebigt über .pebr.
9,11—15; ber originale 5Berglcidj jroifcben bem gefefjedfreien wahren
©hriftenmenfdjeu unb bem eine frembe Sprache oöllig SSehcrrfrhenben
(SSrebigt am 7. Sonntag nadj 5Erin.) :c. Med in allem: bie ©ntroürfe
oerbienen ein cingehenbed ©tubium unb finb fefjr geeignet, ju tieferem
©inbringen in bie ©pifteltcrte ju treiben unb beutlidje gingerjeige über
ben ©ebanfengang unb bie SSerroerthung bcrfelben ju geben. SBir fönnen
fie, ebenfo roie bie nodj im befonberen Slnhange angefügten anbertoeitigen
Slidpofitionen über fämmtlidje Sonn» unb ffefttagdepifteln juPerfidjtlich
smpfeblen. ß

"Roll-, gtv 35jic fcfnft j,aS pjoif über bie Sprache f ©emeinoerftänblidje
'•Beiträge jur 5Beantroortung biefer fftage. Seipjig 1889, SEeubner
(H lö3 ©. 8). 2 TOf.

5ür bie geroifj nicht «eine ©emeinbe unter ben liefern b. S31., beren

lebenbiged Spradigefühl fie ein nidjt minber reged gintereffe für fpracb*
pfhdjologifdje ©rörternngen geroinnen läfjt, für ©eiftlidje unb 2ehrer,
benen ber fortgefeftte IBertehr mit bem SSoITe bie ©mpfinbung für bie
mannigfaltigen ©ebilbe ber nationalen ©pradjfraft, für ihren 5üSortfdjajj,
ihre gormen, 58iegungen unb 5£BanbIungen fajärft, bebarf ed oieHeiajt
nur eined furjen §inroeifed auf bad ebenfo lnftig»Iiebendroürbige roie
fdjarffinnig»gelehrte 58üdjlein «jlolle'd, um bie vlufmcrffamfeit Bieter bem»
felben jujuroenben. ©in heiterer grohmutl) tnetjt burdj biefe Seiten; bie
berbe Üaune bed SJauern, bad ladjenbe 58ef)agen ber SSiehmagb, bie tollen
Spähe bed „©ebilbeten" unb bie ©eiftreidjigteiten bed ©elehrten madjen
ciuanber ben Slang ftreitig unb reijen in ihrer Suftigteit ju immer er«
neutem ©eniefjcn. 5Ead SJudj, in feinem §aupttheile taum 120 Seiten
ftarf, ift nidjt bie flüchtige SSrbeit einiger angeregt geiftreidjer ©tunben;
aud urbehaglidjer Stimmung hcroud ift ed aüerbingd gefdjrieben, aber
gefammelt, gefidjiet, georbnet hat an ihm ber SSerf., bad lehrt ein flüaj»
tiger 58lict, Oiele 3ahre lang. ®afür ift andj ctroad Slpartcd aud ihm
geworben, roenn idj fo fagen barf, ein literarifdjed Slabinetdftüct, bad frei*
liaj nadj bem Sähe: Res severa verum gaudium mit Ijingebenbem 55er»
fenten in feine oft tiefgegrünbeten Ißrobleme genoffen fein roitl. ®enn
bem SSerf. fam ed nidjt auf eine Sammlung non mehr ober weniger
guten SBipen an. 3hm tjat nidjt bie blofe greube am Sadjen bie ffeber
geführt: hinter ben albernen ©päfjen bed Scnedjtcd unb Dem unoernünf«
tigen ©efdjroäh ber ffinbdmagb feljc idj fein ernfted ©cfidjt in fpracb*
philofophifdjcn fijalten, unb er ttjut feinen rool)trebenben SJtunb auf unb
fpridjt: .pinter biefen Singen ftedt etroad; ob man nidjt babinter fomnten
fönnteV SBenn idj ihn recht oerfteje, fo war ed fein, übrigend erfolg*
reidjed, 58emül)en, ben oft Perfdjlungenen 5fSfaben bed Poltdtl)ümlidjen
5Benfend nadjäugehen unb für bie gebantenlofen Starrheiten ben pfhdjo«
logifdjen Untergrunb nadjauroeifen. ®ad ift feine leidjte ©adje; benn
bad 58udj ber Sprache au lefen ift nidjt jebem oergönnt. ®ied Sefen
muh man erft lernen, fojufagen erft bie Sprache lernen, welche bie
Sprache fpridjt. SBaju aber ift eined Por allem nöttjtg: mau mufj, rote
Sutjer in feinem ©enbbrief nom ®oImetfdjen fagt, bie SThttter im §aufe,
bie Stinber auf ben ©äffen, ben gemeinen SJtann auf bem SJtarftc barum
fragen, „ben Seuten aufd SJtaul fchen". ®ad nun Oerfteht SSoUc in treff-
licher SBeife. Slber er fagt und nidjt blod, roie unb road bie Beute reben,
fonbern auaj, warum fie fo reben unb fo reben müffen. ®ad finb bie
gelehrten jpccr'um bed SBudjed, bie an ben Sefer nidjt immer leidjte Sin*
forberungen fteUen; aber bie ©renjen, innerhalb roeldjer fidj bad ©innen
unb ®cnfcn bed ©ebilbeten beroegt, überfdireiten fie niemald. VfSoHe fagt
gerabeau, bafj er fein 58üdjlein in ben .pänbcn ber gebilbeten beutfdjen
fjrau befonberd gern fä£je.

Snbem ber SSerf. bie brei ©runbfähe: 1. nidjt ein aufäUiged, fonbern
ein nothroenbiged SJanb Perbinbet ben Stamen mit bem ©egenftanbe, bet
ihn trägt; 2. aHed, road ift, mufj ai'dj benannt roerben; road nidjt ift,
hat aud) leinen Slnfpriidj auf einen SJamen; 3. mit ber 58enennnng b. %
mit ber ©rfenntnife eined ®inged gewinnt ber SJcenfdj auaj ©etoalt über
baffelbe, in feinfinniger 58egrünbung erörtert, läfjt er feinen 581id über
bad weite, grofjc ©ebiet ber boltdtbümlidjen Spradjgebilbc unb fjformen
fdjroeifen unb aeigt, überall ein in bad SBSefen ber ©adje bringenber unb
aufmerffamer 58eobadjter, in einer ffüHc treffenber 58eifpiele bie 5Bolfd*
anfdjauungen auf, roie fie fidj im Spradjgebraudje offenbaren. ®iefe
fpradjphilofophifdjen ®heoreme mögen bie Säufer bed 5Budjed felbft nadj*
lefen. Sin einigen 5Beifpicleu, bie idj beliebig jeraudgreife, fudjc idj au
eigen, roie «jSollc bie SJöfung feiner intereffauten Slufgabe auffafjt.

®ad SBolt fennt feine frembe Sprache. 3« SSiedbaben antwortet
ein junger SBurfaje, nadj ber 5f5oft gefragt: „©eljen Sie nur hier um bie
©de, ba ftctjtö angefdjrieben: jpotel bed VfSofted" (audgefprodjen nadj beut
58udjftabenrocrthe ald ©enetib Pon „bad SJoft"). ®ad SlSortungehcuer ging
ijm glatter Pon ber 3ulige ob? bie frembe ©praaje. — ©iner, ber einen
anberen berb abfertigt, nimmt ed mit bem eigenen ©(impf nidjt fo genau.
„SBenn idj ein anber mal einen ©fei fdjiden Will, geje idj lieber felber".
3roei fabelten einanber: „58Jenn Sic einen Starren haben roollen", ruft ber
5Beleibigtc, „fo fommen Sie bei mir an ben Siechten". — lieber feine eigenen
©ebanfenlofigfeiten lacht bad 5Bolf felbft nidjt mehr. „®er 5Baum ba
oben", fagt ein Knecht ju IfSoHe, ber einen Sludflug in bie Umgebung
®redbend macht, „heifjt bie ©olberöber Kiefer, ift aber eigentlich bie
5Babidnauer Sdjroarapappel." — ©0 ladjt ber gelehrte SSerf. mit und, nidjt
um au (adjen unb Späfje au madjen. ©r lägt und einen erquidenben
®runf aud bem lauteren 58 om beutfdjen 93olfdthumd thun unb mit cbenfo
beneibendroerther Wie liebendroürbiger ©efdjidlidjfeit täufajt er ben Sefcr
barüber hinweg, bafj roirflidj eine ernft roiffenfdjaftlidje fjrage aur Söfung
ftetjt. ®ie weifen unb „joajmögenben Sperren" Pon ber SJafultät mögen
über biefe SBiffenfdjaft in .pembdärmeln bie Stafe rümpfen; road mich)
betrifft, ich laffe fie mir gefallen, roeil idj ihr erquidlidje ©tunben heiteren
©enuffed perbante. Unb idj bin fidjer, bafj unter ben Sefern b. 581.
mancher biefe ©enufjfäbigfeit mit mir tjeilt. «. ß.

ilcurflc ttjcologtfttje «ttcratuc.

SSl)ilofopl)ic. Rucken, Prof. Rud., Die Lebensauschauuugeu der
grossen Denker. Eine Entwickelnngsgeschichte d. Lebensproblems der
Menschheit v. Plato bis zur Gegenwart. Leipzig, Veit & Co. (VIII,
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