Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

11.1890

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©trafrecht ift nur baS Ruttel für HerfteBung beS ©eborfamS unb ber
Siebe (©. 143). -

SEieS SBort fpricbt ber Serf. mieber ganj geloffen aus, obne ju fragen,
ob es" nicht Seute geben fönnte, bie eine anbere Anficht Oom ©trafrecht
baben. SBenn alfo ©ott bie Sürgfehaft bot, baß ber ©ünbenfchaben oon
einem ©ünber mieber gut gemaebt wirb burcp Selbftgerid)t unb SBieber«
geburt, fo fann er Oergeben. SEiefe Söürgfctjaft fonn nur oon ©liebern
einer ©emeinfcbaft für anbere ©lieber geleiftet roerben, wenn fie ibre
Jürbitte für bie (enteren mit einer ©elbftbarfteflung ber eigenen ®erea>
tigfeit unb $eiligfeit unter ben SInfecptungen ber ©ünbe unterftüßen.
unb ben ©ifer erjieherifcber feelforgerlifdjer ©inmirfung auf biefe anbereu
©lieber behufs ber SBiebergeburt unb ber SJbficbt, bie fcßließlicp SBiber-
ftrebenben auSjufcpließen, bemeifen. SeSmegen ift (©. 1511 ben ©täubigen
and) eine RUtmirfung bei ber Segnabigung oon ©ünbern oergönnt.
GpriftuS ift nur ber pöcpfte Rlärtprer, unb toenn biefe SInfrbauung in ber
Schrift nidjt weiter entmidett ift, fo ift bieS nur barauS ju erflären, weil
fid) für bie crfte ©eneration ber ©priften biefer ©adjoerpalt oon fetbft
oerftanb, ber unS tpeilmeife barum fo fcfimer |oerftänb(id) ift, weit baS
Riärtprertpum unferer perfönlicpen ©rfabrung ju fern liegt (©. 108).

8113 bewährter Rlärtprer fann atfo ©priftuS, ber eben um fotdier ju
werben unS ähnlich geworben ift, baS ©elbftgerid)t bei unS motioiren,
obgleich eS eine abenteuerliche Uebertreibung ift. ju fagen, baß mir alte
ben KreujeStob Oerbient paben (©. 163), eine Sepauptung, metdje baran
erinnert, baß ber Serf. auch ben Segriff beS SEobeS ju unterfuchcn gänj«
Iid) Oerfäumt f)at. RUt biefer SEarfteflung ber £>ei(igfeit bei ©griftuS ging
nun Hfln0 in tpanb feine priefterlicbc b. h. erjieberifcpe ©inmirfung auf
anbere, um fie fich innerlich ju ocräpnlidjen. fEiefe erjieberifcpe ©in-
mirfung, welche bie SBiebergeburt herbeiführen fofl, inbcm bie ©ewißpeit
beS ewigen SebenS bem ©tauben bie ©rbmungfraft oerleiht, fid) über bie
©rbe unb ihre Süfte, ben Job unb feine ©cbrecfen ju erheben (@. 164),
fann atfo bod) nur auf Sehre unb Sorbilb ©hrifti jurüdgefüprt werben.

Som h- ©eifte ift jmar gelegentlich aud) bie Rebe, allein er fcpeint
©. 163 erft auf bie SBiebergeburt ju folgen, ©iinbenbcrgebung ift nach
bem Serf. eine auf ootler Qugehörigfeit ber ©laubigen ju ©priftuS be«
rnhenbe SorauSjufidjerung beS gjeit« für ben gaü, bafj fid) biefe .fjuge«
hörigfeit im Kampfe mit ben Serfucpungcn beS SebenS auf bie Sänge hin
als bauerhaft bemeift, unb ber RecptSgrunb für biefe $uficberung ift bie
in ©hrifto enthaltene Riöglicpfeit für ben Sünber, auS ber ©ünbe heraus«
jufommen (S. 194. 195).

«Eer SSerf. hat nun baS ©efüht, baü baS nicht fo ganj ju ber Rauli«
nifchen RecptfertignngSlepre ftimmcn Witt, allein wer jwifcpen ben jjeilen
ju tefen Derfteht, fann auch hier nod) einen SluSweg finben. «Der StnS»
brud ,,©ered)tigfeit" ift freilich eigentlich „ju fcpön" für erft werbenbe
©otteSfinber, unb bie anberen SIpoflel haben beSmegen beS SluSbrudS fid)
abfirptlich enthatten (S. 178), aber burd) baS potemifdje Jnterefje red)t«
fertigt fid) biefer „fiipnc SluSbrud" (©. 179). Rur hat fid) SaufuS bie
©ache baburrh bod) etwas erfdjwert. ©eine ©ntmidetung beS Segriffs ber
Rechtfertigung läßt an Klarheit eiuigeS ju münfchen übrig, unb in bie
HeiligungSmapnung fann feine fRebe nur mit einiger R!übe eintenfen,
unb ba er ben fRatl) beS SSerf. noch nicht genießen fonnte, fo fam er aud)
nidjt jur ©infidit, baß SRöm. 7 Oiet beffer jwifd)en 6, 14 unb 15 fid) ein-
füge als hinter bem ganjen fecpStcii Kapitel.

SBenn ber SSerf. ©. 166 fg. ©chleiermadjer unb fRotfje atS Satben
feiner -Epeorie in Slnfprud) nimmt, fo weiß id) nidjt, ob beibe fTRänner
bei Sebjeiten bie ©hre nicht am ©nbe abjuteßnen fid) oeranlaßt gefetjen
hätten, ^ebenfalls würben fie wot ben Saß, baß ©djlciermacber Oon ben
Ricttften ausgegangen fei unb oon ben Rationaliften baS Kritifiren unb
fBhilofophiren gelernt habe, wie fRothc urfprünglid) rationaliftifd), bann
pietiftifd) geworben fei, für eine „neu erfunbene getftreidfe Stntitpefe" er-
flären, aus ber man feine fEpeorie fpinnen barf.

fRef. würbe bie nicht ganj leichte SluSmapl — wer bie 9Bal)( t)at, hat
bie Qual — aus ben fragmürbigen Sfjehauptungen beS SSerf. nicht fo Weit
auSgebehnt Ijaben, wenn er eS nicht für SRicpt halten Würbe, ein fo öötlig
ablepnenbeS SSerbift gegen bie Schrift, wie baS im ©ingang auS«
gefprodjene, nad) äRüglifbfeit ju motioiren. fitrm. Smjinibt.

Slnbreä, %ac. (fianjler ber tun*. lübinnen), Jwanjig Srebigtcn aus ben
3. 1557, 1559 unb 1560, jum 30Ujät)rigen ©ebäd)tnistag feines XobeS
ben 7. Jan. 1890 wieber herausgegeben mit einem furjen SebenS«
abriß Slnbreä'S unb bem Sieridjt feines Kollegen ipeerbranb über
fein ©nbe oon SEefan Schmoll er in fEercnbingcu bei -Tübingen.
©üterSloh 1890, SSertelSmann (VIII, 400 S. g. 8). 5 flRf.
©S ift erfreulid), baß bie öeimat beS Qafob Slnbveä unb feines ©nfelS
iSatentin Slnbreä ben 3(iojährigen -TobeStag beS erfteren nicht ungefeiert
oorbeigehen Iii-1. ©r ift ti auch wahrlid) Werth, ber Reformator mehr
als einer ©tobt, ber treue ifeuge gegen jebe Slenälfdiung ber S5?ahrl)eit,
ber unermüblidie Kämpfer" um bie Wahre Union unb Konforbie, ber
geiftige SSatcr ber Kouforbienformel unb beS KontorbienmerfeS, in feinem
SSatertanbe nicht oergeffen ju werben, bem er namentlich als ffanjler ber
rechtgläubigen Unioe'rfität 28 Jahre lang feine befien Kräfte mibmete.
Jn ©rmanglung einer umfaffenbereu Strbeit finb mir bem Herausgeber
banfbar für bie 9IuSmahl Oon 20 VfSrebigten auS ber fjeit, ba Slnbreä
noch Sefan in ©öppingen war, aber bereits in ganj 9öeutfd)Ianb einen
fRamen hatte. 9(Üe VISrebigten finb bei benfmürbigen htftorifcben 9ln»

lüffen gehalten, fo befonberS bie HflUPtmaffe beS S3ud)S, 16 fßrebigten in
ber Dberpfalj gehalten, jum %t)e\l oor DrbenSteuten über baS ffliönchS«
leben, jum ibeil Kinberprebigten über ben Katechismus. Slnbreä'S alter
fRubm atS einbringlid)er populärer ffSrebiger wirb baburd) beftätigt. 5Jer
Herausgeber will burd) biefe fßroben nachweifen, baß 91nbreä beffer fei
als fein Ruf, baß er nicht etwa tobte Rechtgläubigteit geprebigt habe.
9luch glaubt er, bie flSolemif gegen bie römifche Setjrc fei fo grünblid),
Oerftänblid) unb fcbjagenb, baß man fie jebem Saien in bie Hanb geben
fönne, mäbrenb er bie SJolemif gegen bie reformirtc Sepre nicht mehr
für jeitgemäß hält unb baper feine SSrobe oon ipr geben wollte. SDieS
ift ber ©tanbpunft ber Union ober beS ©oangelifdien S3unbeS, bem aber
baS SSuch, auch fo, wie eS ift, burdjauS nicht eutfpricpt. fEenn in jeher
Kinberprebigt fogar lebt ber ©ifer für reine Sehre, unb Wirb ebcnfo ge-
waltig gegen bie Slbfdiwädjung beS ©aframentSgeheimniffeS wie gegen
bie SSerfälfrbung beffelben gejeugt. SEaS Oorangefcpidie Seben Slnbreä'S
ift jmar furj unb bietet nichts ReueS, eS oermeilt nur bei bem gort-
feiigen ©nbe beS SSefennerS, Welches eS mit ben Söorten feineS SlmtS-
genoffen Heerbranb befepreibt, aber banfenSmertl) nad) bem ©pruch:
©ebenfet an euere Seprer, bie euch baS SBort ©otteS gefagt paben, unb
fepauet auf ipr ©nbe. 9lucp ein «Bilb Slnbreä'S jiert baS SJurp. SEie
S3rebigten finb treu, aber für unferc 'ßeit lesbar miebergegeben. Sluf«
fatlenb ift, baß -Eußenbe falfcper ©itate am fRanbe flehen, j. 93. 2 Kön. 15
ftart 2 ©am. 15; Slpg. 10 ftatt 15 k. Sind) pat ber Herausgeber öfter
! ben SEert nicht oerftanben unb gragejeiepen gefeßt, wo bas SJerftänbniß
niept unmöglich ift. jf. 93. TOettuS SuffetiuS (©. 48) ift ber aus SiüiuS
befannte auf beiben ©eiten pinfenbe Sllbanerfönig, ben Slnbreä als 93ei-
fpiel jweibeutiger Renegaten anführt. 933ir empfehlen baS 93ud), niept
bloS um Slnbreä fennen ju lernen, niept bloS um gefunbe Sepre ju
pflanjen, fonbern aud), weil man für populäre finblicpe Rrebigt, natür-
lich temporum ratioDe habita, Diel barauS lernen fann.

Sachmann, D. Job. (t ftonüftotiaicat u. otb. sitof. Her Jijeoi.), Iteßtt
Srebigten gepalten beim Unioecjitätsgottesbienft in ber ©t. SRarien-
firebe ju Roftod. ©üterSlop 1888, SertelSmann (III, 170 ©.
gr. 8). 2.40.

Srbm, Dr. He,rtr- (i'aftot an St. Ulanen tu SSardjtm), D. JopanneS
Sadimann, f Konfiftorialrat, orbentl. Rfof- ber -Epeol. u. Unioerfi-
täiSprebiger in Roftod. Slätter ju feinem ©ebäcptniS nebft einer
SluSmapl feiner ©ebießte. Roftod 1888, ©tiller in ©omm. (82 u.
83 ©. gr. 8). 1.50.

2)ie beiben Schriften, welcpc beftimmt finb, baS Slnbenfen an ben fei.
Rrof. Sadimann in Roftod ju pflegen nnb fein Silb feftjupalten, ent-
fpreepen ihrem |)medc in popem SRaße. -Eie „leßten Srebigten" jeigen
alle jene Sorjüge feiner Sjrebigtmeife, welche Sepm ©. 6o f. jutreffenb
peroorpebt, unb benen bie bebeutenbe SSirfung bcrfclben jujufcpreiben ift:
gemiffenpafte SEreue in ber Sertbenußung, Klarheit unb -Eurrpfirbtigfeit
in Slnlage unb -Eurdiführung, fraftooBe ©ntfebiebeupeit, feelforgerifcpe
9I5ärme. Sadimann oerfepmäbte bie ©ffettpafeperei beS SirtuofentpnmS,
Welche bie ©efapr einer rebnerifch ftrebjamen ifeit ift; feine -Eorfieflung
ift einfach, fein rebnerißper Scpmud bejdjränft fid) auf eine gewiffe
Ubertät Oon ©nnonpmen in 933orten unb ©äßen, ©r entbeprt freiließ
aud) jener SJnfcßaulidifeit unb unmittelbaren Sebenbigfeit, bie man fiep
in ber Scpule ber großen englifcpen Srebiger aneignet ©S begegnet tpm,
baß er ju bem Silbe oom „Sicpt" burch baS SRittelglieb beS „Kampfes"
überleitet: man fiept, wie feine Slufmerffamfeit ber fpccififcp rebnerijdjen
©eite feiner Slufgabc gar nirpt jugewenbet war. Sind) hierin mödite ich
ein Reichen feines „religiöfen SlbfoluiismuS" fepen, auf welchen Sepm in
Rüdficpt beS SjrebigtinbaltS unp tejnct SEpeologie überhaupt aufmerffam
macht. SEarauS erwächft eine abftraft religiöfe Sfpdjologie, weldje bie
feelifcpen Sebingungen beS HörenS nnb SewegtwerbenS unermogen läßt,
©igenartige Raturen, ganje SJiänner wie Sachmann Wirten troß foleper
I SLRängel, niept burcp fie. ©eine SLRetpobe ift nicht allgemeingültig. SIbcr
fie tritt aud) niept mit biefem Slnfprud) auf. Unb biejenigen, weldje fid)
jahrelang unter feiner Kanjel erbaut paben, werben wie Wir bie ©abe
banfbar annehmen.

-Eie Scacptung weiterer Krcife Wüufcpeii wir ben ©ebenfblättcrn.
®ieS Such war, wie unS fcpeiut, niept nur ein Sebürfniß; eS mar eine
Rotpwenbigfeit, nämlich eine Jorberung ber ©erecpligfeit. Sachmann,
, ber afabemtjcpe Seprer, ber ©cbrififteBer. ber SRann ber praftijdjen firep-
■ liehen Slrbeit, hatte manche auffaflenbe fjüge, fobafi jeber, ber ipm bc«
i gegnete, fcpnell einen ©inbrud gewann unb fiep ein Silb oon ipm machte,
j Slber gewiß paben ihn nur wenige in feinem ganjen Slcrtpe unb im
! heften Kerne feineS 933efenS Oerftanben unb gemürbigt. Sowol feine
! SRitarbeitcr in ber 9Biffenfrhaft als feine Hörer patten Stuhr, Huftimmnng
unb Siiiberf'prurh fo abjuwägen, baß fie felber mit iprer Srhäpiiug ju-
jrieben waren, ©ein Hinidjeiben mochte baS ©efühl, in einem VJJtißoerpält-
| niß ju biefem SRannc ju ftepen, ipm niept gerecht geworben ju fein, in man«
j epem wieber anregen. Run bietet unS fein ©cpmiegerfopn in einer fein«
i finnigen, forgfältig abgewogenen ©fijjc baS „getftige Sanb" für bie
©injelbeobacbtungen, bie unS oft ratploS gelaffen paben. 3l'°e fünftige
Seurtpeilung biefer eigenartigen, in ber medlenburgifrhen Kircpengefcpicpte
! peroorragenben Serfönlirpfeit wirb bie pietätooBen ©rinnerungSblätter ju
! ©runbe ju legen paben. Sluf ©runb bcrfelben wirb fiep burcp einige
fräftigerc Striepe baS Scplußurtpeil feftfteBen laffeu.

SIbcr auep abgefeßeu oon ber behanbelten SerfönlicpTeit ift bie Schrift
lehrreich unb beberjigenSmertp. Sind) in ber -Epeologie unb fircplicheii
SJrargS gleicht feine ©eneration ber uorangepenben, muß baper um ber
SBaprpeit unb Slufricptigfeit willen jebe fpätere mit ber früheren fid)
ouSeinanbrrfcßen. SJie oft nehmen biefe SluSeinanberfeßnngen, bie notp«
wenbig finb, einen heftigen -Eon an, ber Dom Uebel ift unb für beibe
SEpeile eine Quelle ber Serfdiulbung wirb. Jn biefer Siograppie Oer»
binbet fiep bie Sietät, welcpe wir Süngercn benen frpnlben, auf 'beren
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