Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

11.1890

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über ber focialen grage" tfjre wohlthuenbe unb anfpredjenbe Kraft ge«
geben tjat. „SBir haben ba« ©nangclium unb feine nie alternbe Kraft."
„gefjt ift bie Siebe ba, unb wo bie gerftörenben unb ouflöfenben Kräfte
arbeiten, ba arbeitet fie aud) al« bie eigentlich erfjaltenbe unb bauenbe
Kraft." $a« finb bie Söne, in benen fein SBerf auSflingt.

Sind) in biefem Stanbe gietjt un« guerft ba« magnolle, ruhige, tief«
gegrünbete Urtheil Uhlhorn'« an. 933ie geigt fid) ba« fo fdjön in ber
Stefpredjuug be« Stauernfricg«, in ber Steurtfjeiluug Suther'« unb be«
Eutherthum«, ber Maria, bie gu gefu güfjcn fiht, ber reformirten Kirche
unb ihrer Martha gleichen ©efcbäftigfeit, in ber ©eredjtigfeit, bie er
auch ber fatholifdjen Kirche, befonber« Stinceng be Staulo (fo fcfjreibt
Uh'horn ftatt Sjaula) unb ben barmfjergigcn Sehrt)eftern gutheil werben
Iäfjt! ©erabe bie Scfjilberung jene« ©elben auf bem ©ebiet ber fatho-
lifchen Siebe«thätigfeit gehört gu ben fchönften Slbfdjnitten be« StudjeS.
Sorgfam wirb Sicht unb Schatten öerttjeitt, fobafj jeber Didjtung ein
Spiegel Borgcljalten wirb. Sclbft ber geit bec Slufflärung weih Uhlhorn
noch eine Seite abgugewinnen, bafj auch fie gur gortentwicfelung ber
chriftlichen Siebe«tl)ätigfeit bienen muh. 3)er Storgug, ben ba« Söuch
nach ber Seite be« Urtheil« hat, ift ba« ©rgebnifj ber mühfamften Stu-
bien, bie bi« nach Spanien unb Italien reichen nnb ebenfo bie grohen
©eftalten, welche bie SBeltbüfjne beherrfehen, einen sJiapoleon L, wie ba«
fleine Sorf Siebleben beriieffichtigen. ©in Stlicf in bie Slnmerrungen
lägt un« ahnen, welcher Diefenfleifj (ich hinter ben 520 S. be« Studjc«
Perbirgt. einem Steiftet ber Sarftellung wie Uhlhorn fonnte e« gelingen,
biefen Stoff fo gu beherrfehen, bah ber Sefer, ftatt gu ermüben, immer
Wieber auf« neue gum weiteren Stubium angeregt wirb. gft ba« SBucfj
ein Sehrbuch für bie fünftigen Siener ber Kirche, Welche perftanben
haben, bah bie Slrmen bie Schabe ber Kirche finb, fo barf man auch
hoffen, bah auch auf biefem ©ebiete bie ©efebichte fich al« eine Sehr-
meifterin für aüe bie fich ermeift, welche entmeber ben Steruf ober bie
greubigfeit haben, fich mit ben focialen gragen gu befdjäftigen. Sa«
Stuch muh in biefer Dichtung befruchtenb wirfen bi« in bie regiereuben
unb gefengebenben Streife. Slber auch nach einer anbeten Seite hin muh
e« befruchtenb wirfen. So reich ber Stoff ift, ben Uhlhorn Porfaub,
man fann fich nicht Perbergeu, bie fflefrbicbte ber chriftlichen Siebe«tl)ätig«
feit feit ber Deformation hat nod) Surfen. Sie gufammenfaffenbe Sar-
ftellung Uhlhorn'« bringt un« befonber« auf feiten ber lutherifchen Kirche
ba« Sterfäumnijj gum SteWufjtfein. Sltlgu wenig hat man bie grage bis-
her erforfetjt: wa« hat unfere Kirdje im fleinen Streife im Sienft ber
Siebe geleiftet'r1 ©S genügt nicht mehr, bie non ber lutherifchen Kirdje
gefdjaffenett Orbnungen, Kirdjenorbnungen unb Kaftenorbnungen unb
beren ©rgebniffe in ben grofjen Stäbten in Stetradjt gu gtetjen. SBir
muffen bie lofale gorfdjnng gu ©ülfe rufen. Sa wirb fid) benn geigen,
Wie fid) bie ©änbe aufgetljan g. 93. für bie Dotl) ber ©laubenSbrübcr
bi« in« ferne Defterrcidj unb Söhnten hinein, unb ba« por 300 galjren.
gn ben „Stlättcrn für württembergifchc .Kirdjengefdjichtc" habe idj bafür
einige Stelegc au« alten Kirchenrechnungen gegeben, aber ba« Material,
ba« mir gu ©ebot ftanb, ift eben befdjränft. ©benfo wichtig ift bie
grage, ob nicht bodj, Wenigften« in SSürttemberg, ber IBietiSmuS eine
nadjljaltigere SBirfung in Stegug auf bie Siebe«thätigfeit gehabt, al«
Uhlhorn ihm gugefteljt. 0{ti einer Stubie über bie ©efeijichte be« fjicfigen
Slrmenfaften« („Schwab. Merfur", Dr. 270), bie im gufammenhang mit
ber Pom ©efrfe geforberten Dcuorbnung ber Kirdjcngemeinbe fteht, habe
ich nadjgemiefcn, baß hier mit ber geit, ba ber BietiSmu« auf SBürttem-
berg einwirft, bie Stiftungen für bie Slrmen, Strotftiftungen, beren ©r«
trag in ber Kirche nadj bem ©ottcSbienft au«getheilt Wirb, begonnen
unb in faft ununterbrochener Deibje bi« auf bie geit ber Stlütfje be«
DationaliSmu«, ber geit be« neuen ©efangbudje« in SBürttemberg, fort-
gehen unb bann mit ber Deubelebung ber grömmigfeit wieber beginnen.

Scan barf wo! barin reine lofale ©rfdjeinung fegen, aber c« ift notfj-
Wenbig, noch weitere Stubien in biefer Dichtung gu machen. Slud) auf
bie fleineren DeligiouSparteicn wirb man einen St lief werfen muffen,
g. St. auf bm Slnabaptiften, bie Pon Slnfang an eine S3üdjfe für bie
Slrmen in ihren Sterfammluugen aufftetltcn unb, wie e« frbeint, wenig-
ften« in Mäljrcn bie gürforge für bie Slrmen unb Kranfcn oon feiten
ber ©emeinbe pflegten, gu SJegug auf bie SIrmcnorbnungen wirb man
bie grage näher in« Äuge faffen muffen, wie weit fie auf frühere lofale
Orbnungen gurüefgreifen. So ift ba« Stcrfjältnifj ber ftuttgarter Stettel-
orbnung Pon 1501 gur Stettelorbuung Pon 1531 unb miebentm ba« Ster-
hältnifj biefer Pon ber fatholifdjen Sanbe«rcgierung gcrbinanb'3 Pon
Oefterreicfa erlaffenen Drbnung gur Kaftenorbnung Pon 1530 einer Wei»
teren Unterfudjung Werth-

Sltle« ba« finb ©egenftänbe, gu beren ©rforfdjung ber greunb ber
Ort«firrhengefd)idjte burd) Uhlhorn'« SBert angeregt wirb. Decht er-
freulich ift bie SJenufjung ber glugfdjriftcn Pon gofj. ©berlin'« unb an-
beren. Man wirb aber bie glugfchriftenlitcratur für bie geit ber ®ä-
rung nod) genauer burdjfcljen müffen. So ift e« hodjintereffant, wie in
ben frifdjen, Keinen Schriften Sebaftian Softer'«, be« fpäteren Stauern-
Witjler«, ber jebenfafl« bebeutenben SIntheil an ber ©ntftehung ber gwölf
Slrtitcl hat (pgl. bie Untcrfuchungen Bon Staumann, Dablfofer unb mir),
bie gürforge für bie Slrmen immer eine Dolle fpielt. geh barf bafür
auf bie fdjöne Slrbeit uou Stogt über Seb. Softer in ber „gcitfajrift für

firdjl. SBiffenfdjaft" unb meine «bbanblung in ben „9318ttern für württem*
bergifdje Kirdjengefchichte" 1887 oermeifen (g. 93. S. 29 bie rechte SBruber«
fajaft, S. 36 Pom SSudjer, S. 43 oon ben rechten ©eiligen, b. h- ben
armen ©Ijriften, benen man treulich) helfen foU; S. 45: gef. 66, 1 meint
ber Drophet, ben Slrmen helfen fei ba« rechte Sempelbauen; S. 51 unb
52: Dotftwenbigfeit einer neuen ©emeinbePerfaffung mit freiwilliger ©üter»
gemeinfeftaft). ©ine fräftige Slnfaffung ber Slufgabe, bie 8iebe«thätigfeit
ber eingelnen Kirchen unb chriftlichen Kreife an ber ©anb non 93iogro-
phien, StifitationSaften, Kirdjenrechnungen unb firdjlicher Drbnungen nodj
Weiter gu nerfolgen, wäre ber fdjönfte Sanf, ber Bon firdjlicher Seite
au« bem 93erf. entgegengebracht werben fönnte.

Stabern. _ 05. #o|Trrt. .

©cflin, ©. Stb. gr. (beutldjer qjfatrer in vtcudjatel), Ser ©eilSWert be«
lobe« 3«f«, nodf ber Sdjrift unb begrifflicher Dotwenbigfeit, neu er«
forfdjt unb erwogen. Stafel 1888. ©ütcrSiotj, S3ertel«mann in ©omm.
(VII, 232 S. gr. 8). 2 Mf.

Sie Borliegenbe Schrift ift ein merfwürbige« ©emifdj Bon oft faft
naioer Sdjriftgläubigfeit unb bobenlofem fubjeftiPem Dationali«mu«.
Sie beftreitet bie Setjre Pon,;ber ftetlBertretcnben Strafgenugthuung be«
Sobe« gefu ober, wie fid) ber Sterf. au«brüdt, bie fubftitutionifttfdj)
eEpiatorifdje SJerföhnnngStljeorie gu ©unften einer folibariftifd) repara«
torifdjen. ©« fei gum Borau« auSgefprodjen, bafj, wenn wir ba« ©r«
gebnifj be« Sterf. für ein burdjau« ungureidjenbe« erflären müffen, auch
bie Methobe al« eine fo Perfeljrte, ba« toiffenfdjaftliche 93ewei«material
al« ein fo unnotlftänbigc« fich barftetlt, bafj ber Sefer, ber nicht ben
Stanbpunft be« Sterf. tgeilt, audj benjenigen ©emiuu oon ber Sdjrift
faum haben wirb, ben flare energifdje Singriffe auf ben eigenen Stanb-
punft eintragen fönnen. Schon bie unförmliche Verlegung in fiebert
Stubien mufjte gu einer Deilje Pon SBieberbolungen führen unb nimmt
ben Deig, ben eine innerlich gufammcnljängenbe flar fortfdjreitenbe Sar
legung au«guüben pflegt. Sie Pon bem Sierf. angegriffene Sehre fommt
nirgenb« in ihrem inneren gufammenljang gum 933ort, fonberu mufs fid)
gefallen laffen, in einer gum Sljeil fetjr faritirten 93Jeife beftritten gn
werben, ohne bafj biefe 93eftrcitung irgenbwic wefentlid) über bie fociani-
nifdjen ©rünbe Ijinau«fäme. Sdjon inbem ber Sterf. ben ©egenfafc non
Subftitution uub Solibarität in ben Mittelpunft ftetlt, begeht er ein Un-
recht an ber Pon iljm befämpften Slnfdjauuug; benn niemal« hat bie firch-
lidj orthoboge Seljre eine Steüoertretung, abgefchen oon ber Solibarität
©Ijrifti mit ber Menfdjheit behauptet.

SEBie ungureichenb bie SJorftetlung be« SJerf. in biefer ©infidjt ift,
bürfte fofort einlcudjten, wenn idj fage, bafj bie Siegriffe fjorn ®0tte«
Sdjulb, Süube gar nicht erörtert Werben, ber 93egriff ber ©eredjtigfeit
auf einer eingigen Seite 82 abgefjanbelt wirb, wobei ber Sterf. gu |bem
wunberlidjen ©rgebnifj fommt, bafj ba« SBort: ©eredjtigfeit feine«Weg« eine
rüdfid)t«lofcS?ergeltung«ftrenge gegenüber bem Sünber wie ba«beutfd)e9Bort,
ba« mit ber Sl'urgel Dadjc (!) mit rechnen unb richten gufammenbänge,
bebeute, fonbern einen burdj bäterlidjc Sterföbntidjfeit gemilberten Straf-
ernft. Dach biblifrbem Sprachgebrauch bebeute ©eredjtigfeit biejenige
ridjterlidje ©igenfrhaft ©otte«, wonadj er Weber gu ftreng noch i" milb,
fonbern eben redjt ift.

Siefe letjtere Seiftung geigt un« gugleich, bah ber Sterf. e« wol al«
©inbernifj bei feinen „neuen ©rwägungen" angefehen hätte, würbe er fid)
burdj ben Särm, ber feit anbcrtljalb gahrgehnten in ber beutfdjen Sheo-
logic burdj ben Kampf um beriet gragen ergeugt werben ift, haben ftören
laffen. @r entwicfelt ebenfo eine Dpfertljeorie auf eigene gauft, ohne
ba« SBort nudj nur gu erwähnen ober angubeuten, bafj man

über ben Stegriff be« fXdox*otlai audi Berfdjiebener Slnfidjt fein fönnte.
STuf ejegetifdjem Stoben bewegt fich überhaupt ber Sterf. mit einer Un-
befangenheit, al« ob er ber erfte ©ntbeder wäre, unb niemals Por ihm
ein gufj bie« ©ebiet betreten hätte. Sie SBorte Marf. 10, 46 unb bie
©infeBnngSWorte be« l). SlbenbmaljlS finb ©leidjnijjreben, auf bie fia)
nidjt aügu Biel bauen lägt. SBorte wie ©al. 3, 13 unb 2 Kor. 5, 21 finb
gufäüigc geiftreidje Slntitljefen be« Slpoftel«, in benen er feine beftimmte
Sfjcoric geben wollte. Unb jebenfaH« ift e« gerathener, bem Slpoftel einen
fleinen Sterftof) gegen bie logifdje Shmmetrie gitgufdjreiben al« einen groben
unb argen Sterftofj gegen ben gefunbeu Menfdjenoerftanb unb bie ©efe|e
ber fittiidien Slteltorbnung (S. 18).

SIm efjeflen finbet ber Sterf. nod) eine „rationelle" SferföhnungStheorie
im ©ebräerbrief. „grcilidj and) biefem Striefe ift e« nidjt eigentlich um
eine Sljeorie gu tljun gewefen", e« fehlt nidjt an feltfamen Stehauptungen,
weldje feine bleibenbe ©eltung beanfprudjen fönnen (S. 100). Sin einigen
Stunften hätte ber Sterfaffer be« Striefe« feine Sadje entfdjieben beffer
madjen fönnen, wie g. 93. ba« Mittleramt be« Mofe ein Biel geeignetere«
Storbilb gewefen märe al« ba« be« Meldjifebef (S. 129 f.). Sagu hat er
audj bie altteftamentlidje ©ebanfengewöhnung nodj nidjt grünblidj genug
überwunben unb Ijat e« mit bem geringen Sterftänbnifjgrab jübifajer
Sefer gu ttjun (S. 117). SUIein unfer Sterf. will immerhin bem be«
©ebräerbrief« einige llnflarljeiten gugute halten (S. 121); Berftefjt er felbft
bodj gwifdjen ben geilen ba« Dichtige gu lefen (S. 136). Unb wa« ift
benn nun bie« DiajtigeV ©in weifer unb liebeootlcr Stater bergeirjt
feinem Kinbe gern, wenn SluSficht ift auf Stefferung (S. 141). Sa«
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