Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

11.1890

Zitierlink

5

6

!pau? 011? ßebräifcßcn mann ben Porgug. PebcHtjamer ift Kinn» weil
e? ben Sert nicht bloß al? in bie Deffentlicßfeit au?geßenben, fonbem
ol? reoibirten bezeichnet. Vlgaria be Poffi gebracht ii'w inu gerabegu als
Vlufjrbrift für ©orrigenba.

irroßfebammcr, 3aT., Sic pßilofopßic be? Eßoma? oon Vlquino, fritifcß
gciDiivbigt. üeipgig 1839, proefßau? (XXII, 537 S. gr. 8). 10 W.

Plan täufcßt fleh, wenn man meint, bie Sdiolaftif babe nicfjt übet
ba? fPittelalter pinan? fortmäßrenb ihre forgfame Pflege gcfunben.
Peucr ©ifer aderbiug? bat fiel) itjr unb in?befonbere bem Peßrgebäube
be? Sßoma? oon Vlquino feit fffiitte biefe? Qaßrhunbert? aueb in Sieutfd)-
lanb jugerocubet, unb uodenb? beflügelt unb begeiftert nmrbe ba? Stu«
bium be? tßomiftifcßcn Srjftcm? burd) be? Papfte? öeo XIII. ©ucßflifa
Aeterni patris Pom 4. Vluguft 1879. Pon feiten bet ®egncr ber Sdiolaftif
ift bi?jeßt oerßältnißmäßig wenig gefdjeßen, ober e? rourbe, ma? an
fieiftungen in biefet 9tid)tung beroorging, zufolge einet Unterfrßätzung
bet Pebeutung bet Sdiolaftif gleichfad? roenig beaebtet. Punmeßr tritt
mit einet Sritif ber Pßilofopßie be? doctor angelicus ein Plann ber*
»ot, ber früh febon git befien Seßrc in Oppofition getatben ift unb in-
folge baoon mand)e bittere Püdmirfung auf fein eigene? Würfen bot
erfabren müffen. Sein llnternebmen, ba? im? im oben bezeichneten
Werfe üorliegt, ift obne jjmeifel zeitgemäß, unb burd) feine Stubien ift
ber Slutor oor anbereu baju befähigt; zugleich gibt ihm ba? eigene philo«
fopbifcbe Softem, ba? er fid) im Saufe feine? Sehen? unb SBenfen? au?-
gebilbet bot, zum Vingriff einen .fjaltpunft.

55er Vierf. beginnt mit ber ©rfenntnißleßre: er jeigt ba? Unzu-
längliche in ber ©ntgegenfehung Pon fenfitiber unb intedeftioer ©r«
fenntniß, in ber V3eantroortung ber Unioerfalienfrage, in ber Sßftematif,
in ber burd) bie Sdiranfe ber übernatürlichen Wahrheiten beeinträchtigten
Vluffafjung ber ©emißßeit be? ©rfennen?. ©r gebt bann über zur Pe»
urtbeilung be? mittelalterlichen SJerbältniffeS Pon Sßeologie unb Wo<
fopbie, hiermit auch ber Sonberung pon natütlicbeit unb übernatürlichen
Wahrheiten unb anbererfeit? be? Wertße? ber Praeambula fidei unb ber
Motiva credibililatis; er finbet, baß bie Unterorbnung ber Wiffenfchaft
unter Ideologie unb Sirrßc fammt ber Vlu?fcf)[ießung ber Pemunft«
forfebung au? bem ©ebiet ber überoeruünftigen Wahrheiten grunboer»
berblid) fei für Peligion unb Stültur. Ueberzeugt, baß bie ganze frßo-
laftifcbe ©otte?- unb Weltauffaffung burd) bie moberne geiftige ©ntmiefe»
hing illuforifd) geworben, nimmt er toeiterbin bie Pemeife für ba?
Safein ©otte? burd), auch bie Sebre bom Wefen unb bon ben ©igen-
fchaften ©otte? b. ß. bon ©otte? Sein, ©infaeßbeit, Podfommenßeit
SJntedigeng tc, fotoie be? Sßoma? Vlnficbt Pon Schöpfung unb ©rßaltung
ber Welt; in innerem fjufammenbangc hiermit ftebt bie am Scbluffe be?
Werfe? anbangSroeife reprobucirte Vlbbanblung über bie ©migfeit ber
Welt, eine Vlbbanblung, welche ber Vierf. einft in bem bon iljm heraus-
gegebenen „Vltbenäum" 1802 publicirt hatte: er fommt zu bem ©rgebniß,
baß bie betreffrnben Sebren be? Vlguinaten größtentbeil? eine fünftlid)
gemachte abftrafte Scbcinroiffenjcbaft barftetlen, welche burd) bie nähere
©rforfeßung Pon Patur unb ©efd)id)te in ber freien mobernen Wiffen»
fchaft roibeilegt fei. Sarauf unterfueßt er bie tbontiftifd)e Paturpßilo»
fopbie unb ftedt ihrer fDlangelßaftigfeit bie Sefcenbenzlebre entgegen,
legiere nicht al? medjaniftifdje unb materialiftifche SranSmutationStljeorie,
fonbem al? bie ©rfenntniß einer gefeßinäfiigen unb gielooden ©ntmiefe.
lung. Pefonber? cingehenb befprießt er be? Vlquinaten pfucbologie, wo-
bei er bereu llnterfdieibung pon fenfitioer unb intedeftioer Seele urgirt
unb nid)t minber angelegentlich bie Vlnfidjt Pom Urfprung ber Pienfcßen»
feclen unb ben Pemei? Pon ißrer llnfterbltcßfeit unterjucht; unbefriebigt
wenbet er fid) aud) jeßt pon ben bezüglichen ttfoniiftifchcn Siftinftionen
unb Vlrgmnentationeii ab, narßbem er fd)on in feiner auf ben Qnbej
gefomnieiien Sdirift (1854) über ben Urfprung ber menfd)lid)en Seelen
ben ©encratianibniu? oertreten hatte, ©ubltd) erfolgt noch eine ©rmä«
gung ber ©t'gif unb Staatslehre be? SbomaS; fie gibt it)nt erneuten
Vlnlaß, bie Pode, welche ba? Uebernatürliche in bem ganzen Snfteme
fpiflt, zu Oerwerfen.

©ine gewaltige ffüde Pon ©ebanfen wirb in biefem Purße polemifd)
burdigefprorhen. Sie polemif felbft richtet fid) zum einen Shell gegen
bie ünmlänglicßfeit ber ariftotelifd)en Pßilofopßie, weldic bcfanntlicb wie
in ba? Softem ber anberen großen Scßolaflifer fo mit befonberer Weißer-
fdjaft in ba? be? Vlguinaten eingemirtt ift; adein, wie fragmentarifd)
aud) bie ltnterfuajungen be? Vlriftotele? finb, fo reich unb fruchtbar ift
bie SBelefjrung unb Vlnrcgung, welche fie nicht nur ber Scßolaftif fonbem
aud) ber fpätcren Pßilofopßie immerfort gegeben haben: ein Sampf nad)
biefer Seite hin ift alfo nahezu bebeutungSIoS. ffum anberen Shell
richtet fid) bie polemif gegen be? Sßoma? Unternehmen, bie ariftotelifcße
Pßilofopßie in ben Sienft ber Sßeologie unb Sirrhenleßre zu fteden;
jebod) bie pope gefcßicßtlicbe ©rfd)einung, welche ba? tbomiftifebe Sehr«
gebäubc ift, muß Oor adem au? ihrer ,;)eit, au? ber ©ntwicfelung ber
Sirene unb ber firrblirtien Wiffenfchaft, au? bem ©eift be? Wittelalter?
überhaupt perftauben werben: in foldjer &infid)t erweift fid) ba? Sehr-
gebSnbe bei aden Wängeln in einzelnem unb troß adem ©egenfaße ber
Sceuzcit gegen ben mittelalterlichen Stanbpunft oielmehr ber VJewunbe-
iung wertl) al? be? Säbel?. Unb wenn bie fßotemif be? SJerf. fich

weiterhin gegen ben Vlerfud) richtet, eine Seßre au? bem 13. 3ohch«ubert
heutzutage al? philofophifche? SJormalfpftem h'uzufteden, fo ift ,iu be-
werten, baß bie fatholifrfte Sirdje niemal? bie thomiftifchen Softrinen
al? unperbefferlid) betrachtet hat unb heute nod) bie IJJIiilofopl)ie ihre?
doctor angelicus nur al? geineinfatne ©runblage für weitere? fforfchen
in ihren Schulen ftubirt wiffen wid; bazu ift nicht zu leugnen, baß in
Vlnbetradjt fowol ber ariftotelifcßen ©leinente al? aud) ber Vlerwenbung
berfelben bie Sirdje fein tauglichere? Spftem für ihren UroecI hätte
wählen fönnen. 3m leßten ©runbe aber ridjtet fid) bie Vlotemif be?
Vierf. auf ba? VlbbängigfeitSoerhältniß, in weldfem bie 3Jh'lofophie zur
Sbeotogie unb firttiliaien VTutorität, bie f. g. natürtiahe Wahrheit zur
übernatürlichen Befeftigt werben fod: wir unfererfeit? ftimmen h^rin
bem Vierf. infoweit bei, al? e? fid) um mittelalterliche Unterorbnung
unb VJtiSfcrjtießlidifeit hanbelt; mir ftimmen ihm aber nicht bei in ber
Vlnnahme, baß bie tßhilofopfjie fid) überhaupt nicht an ber Sßeologie zu
ergänzen habe.

Wir halten oielmehr baran feft, baß bie VJhilofophie al? Wiffenfchaft
oon ben Prinzipien be? SebenS unb baffer zu oberft Pon ©Ott, um ißrer
felbft widen unb um ben anberen Wiffenfdjaften zu bienen, PDn ber
Sßeologie ebenfo wol zu lernen ßot al? Oon ben ©rgebniffen ber übrigen
SiSciplinen. ©ine Phi'ofopßie, welche bie Sßeologie gleichermaßen ober
nod) meßr unterwerfen unb biitben möchte, al? bie mittelalterliche Sßeo-
logie e? umgefeßrt mit ber Pßilofopßie getßaii, ift nad) unferem Safür-
halten al? Partei nicht zureießenb zur ©ntfeßeibung be? VlerhältniffeS,
fonbem erft eine folrße, welche aud) ein Wiffen au? bem ©tauben fennt
unb Pon ißm gehoben an ber Spiße eine? Organismus ber Wiffenfcßaften
fteljr, wo jebe? ©lieb, aud) bie Sßeologie, bem anberen bient unb feiner-
I feit? Pon ißm geförbert wirb.

Sri an gen. _ f. Sabus.

Döllinger, Ign. v., Beitrüge zur Sektengeschichte des Mittel-
alters. I. Theil: Geschichte der gnostisch-manichäischen Sekten
im früheren Mittelalter. II. Theil: Dokumente vornehmlich zur
Geschichte der Valdesier und Katharer. München 1890, Beck
(VII, 259 u. IX, 736 S. gr. 8). 25 Mk.

©? iß eine ber fdjmierigßen Partien ber mittelallerlicßen ftlrcßen»
gefdjidjte, bie ©efdficßte ber gnoftifeß-manichäifchen Selten, Welche wir im
erften SSanbe biefe? Werfe? Oon befannter Weißerßanb bearbeitet feßen,
Wäßrenb ber ztuc-üc über 700 Seiten faffenbc Panb reiche?, zum großen
Sßeil neue? unb Wertßoode? Ouedenmaterial nießt nur zur ©efdjicßte
ber gnDftifd)«manid)äifd)eu, fonbem auch ber übrigen mittelalterlichen
Selten, inSbefonbcrc zu jener ber Walbefier bringt, bereit ©efdjicßte
gerabe in jeßiger Reit mit erneutem ©ifer burcbforidjt wirb.

lieber bie ©efdjicßte ber SReu-Wanichäer ober Satbarer, welche ben
^auptinßalt be? erften Panbe? bitbet, ßaben mir burd) Vfeauber, ©iefeler,
$aßn unb inSbefonbere burd) Sari Scßmibt in beffen umfaffettbem
Werfe „Histoire des Cathares ou AlbigeoiB" (2 V3be., pari? 1849) eine
ffleiße gefiederter Vluffcßlüffe erßalten, aber ber fontrooerfen Punfte finb
boeß noch gar mand)e übrig geblieben, fobaß bie erneute Sarftedung ber
®efd)id)te biefer Sefte burd) einen Sorfcher, welcher bie Oueden in einem
Umfang wie taum ein anberer beßerrfeßt, unb welcßer zugleich eine
Vlngaßl neuer Oueden gu Perwenben bermoeßte, nur auf? höcßße erwünfeßt
fein fann.

Sa? Sunfel, Welcße? über bem Urfprung ber Satßarer liegt, hat
Scßmibt burd) eine forgfältige Prüfung ber fircßlicßen guftanbc unter
ben Slaoen ber Palfanhalbinfel im 9. unb 10. Saßrßunbert gtt lichten
gefudit; beim bortßin Weifen bie gefd)icßt(idjen Spuren, ©r fommt gu
ber Vlermutßung, baß in ^Bulgarien, wo bie flabifdje SBeüölferung oon
bem Sienfte eine? guten unb böfen ©otte? erft oor fargem gu bem
©ßrißenthum ber grieeßifeßen Sirdje befeßrt Worben mar, Wo femer bie
SBemüßungen Pom? um bie Hccrfdjaft ba? nationale ©efüßt oerleßt, unb
wo manidjäifch-gnoßifrhe Seften fdjon lange ben Pöbelt oorbereitet ßattrn,
oiedeidjt in einem ber Slöftcr Pulgarien? unb etwa im 10. 3oßrbunbert
bie Sefte ber Satßarer eutftanben fein möchte. Södingcr bagegen geßt
auf bie beiben gnoftifdpmanicßäifcßen Seften ber Paulicianer unb Pogo-
milen gurürf, beren Scßicffale unb i'eßren er guerft in eingeßenber Weife
barlegt, ©r finbet, baß bie bualiftifcße Picßtung ber abenblänbifcßen
Satßarer oon ben paulicianem, bie meßr monarrhianifeße Piajtung oon
ben Pogomilen flamme, ©r geigt bie Wege, auf welchen jene beiben
Seften ißre Seßreu nad) Italien Perpßangten. ©ingelne Unterfcßiebe oon
jenen beiben älteren Seften in ber Seßre erflärt er guin Sßeil au? ber
bogmatifeßen PeWeglicßfeit be? pßantafieooden Spftem? be? manicßäifdjen
©noßici?mu?. Socß ift ßier in ber Sarftedung felbft, Wie mir feßeint, ein zeitlich
Perfcßiebener Stanb ber gorfdjung be? Perf. Waßmeßmbar, wie benn ber-
felbe aueß im Porwort bewerft, baß feine Vlrbeit größtentßeil? in eine
früßere SebenSperiobe fade. Päd) S-58 ff. frßeint bie bualiftifcße Picßtung
in Italien bie frühere, nad) S. 116 bie monarrßianifcße. Wir folgen ber
leßteren Vlnficßt. Vlnfang? gab e? in Dberitalieu nur Satßarer, welcße Pon
ben monardjianifd)en Pogomilen abftammten; bann fam um 1167 ber
al? Papft bezeichnete Porfteßer ber bualiftifajen Paulicianer au? Son-
ftantinopel nad) Oberitalien unb Sübfranfreid), unb au? bem Streite
ber beiben Picßtungen bilbeten fieß halb brei Seften ßcrau?: 1. bie bua-
loading ...