Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

10.1889

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tteue ßroünrijtuimcii über ljrbrätlrijf .SprttdjttgriiUjitmltrijkfitfii.

»on gr. Selibfaj.
IX.

Hot fid) ein neueS ©ebanfenmotio in meinem »emußtfem firjrt, fo
Iaffe id) eS in täglidjem unb nädjtliajem finnenben »rüten fid) öerpuppen !
unb attmäßlid) inSgeßeim fid) auSgeftalten unb ausreifen, bis eS bie j
Hütte fprengt, um als Schmetterling zu entfliegen. So entfielen biefe
fleinen Sluffäße, nid)t prächtige ^fjalänen, fonbern SBeißlinge, »läulinge,
©itronenfalter, atteS aber grüßlingSfinber, Sräger neuer ®ebanfen,
obroot innerhalb fieinen engen entlegenen 93ereid)eS, unb alle mit bem
angeborenen Buge nad) bem tpimme(§blumenbeete beS „ttTfeffiaSbudjeS".

SieSmal betrifft ber neue ©cbanfe brei nod) ungefebriebene Kapitel
bebräifeber Spntaj: 1. ein Kapitel über bie SBortftettung im einfachen
97ominal« unb »erbalfaße. ©8 ift roobr, baß im Semitifajen baS »räbifat
feinem Subjeft beliebig OorauSgeßen ober nacbfolgen fann, aber man !
»ürbe irren, roenn man meinte, baß 'n nits „freunblidj ift ber H®tr"
überfebt Werben müffe unb niebt ebenfo riebtig „ber §©rr ift freunblid)" j
überfeßt Werben fönne, jumal ba baS SBort, mag eS am Slnfang ober
am ©nbe beS SaßeS fteben, eine $aupttonftefIe einnimmt. ©tgenfinniger
ift baS §ebräifche im »erbalfaß. 97fan fagt oiitse-b« jnw« i»«-.»., aber
nid)t s>i«n oi^BB-b« laK-a. 9Jlan fagt biibb i-hx *awff>, aber nicht
iib« oiitsB 8»»rW. 9Kan fagt «r« nsn« nsr;-)B, aber niebt nsns r«,
2. ein Kapitel über 9Kaß unb ©renjen ber"gnOerfionSfäßigfeit beS $e*
brüifcben; fo ift j. SB. möglich, baß einem Haut>tfaße mit »s (zuweilen
fortgelegt -oi) quia bie S3egrünbung borauSgefdjidt Wirb, wie in bem
Urtbeilfprucbe über bie Schlange (®en. 3, 14 f.); aber ein Safe: „baß ei
fid) fo Perbält, fönnen wir rübmenb befennen", ift mit biefer SBort-
ftettung im §ebräifcben nicht möglich: ein Sab mit objeftioem regierten
*o quod fann feinem regierenben Skrbum nidjt OorauSgeßen. 3. bie
telatioe gäbigfeit bei $ebräifd)en, 33erioben b. i. gpauptfäbe mit einge«
floebtenen Schalt- unb SRebenfatjen zu bilben. gn 2 Kön. 17, 7 ff. erftredt
fid) bie 33egrünbung mit "6 quia burch 11 SSerfe ßinbureb; erft SS. 18
beginnt ber 9?a<bfaß; aber eine 33eriobe ift baS bod) nidjt, benn bie
Siebe Perläuft obne Umwege in geraber Sinie. Sfber bie brei Stetten
®en. 1 SS. 1—3. 2 SS. 4-7. 5 SS. 1—2 werben nodj immer oon nam«
baften 9luSlegern periobifirenb überfefjt, unb in ber 3)ßat finb Säße mit
foleben ©infdjadjtelungen im §ebräifd)en nidjt unmöglich, wie beifpielS»
Weife gef. 49, 5 f. jeigt. SIber abfolut unmöglid) finb abbängige Per»
flochtene Säße folgenber SBortftettung £uf. 14, 29: bamit nidjt etwa,
Wenn er ben ©runb gelegt bat ((jcij-xoTe fteVcoc; au-zoü . .) atte Bufdjauer
ibn ju Perfpotten beginnen; 1 Kor. 9, 27: bamit idj niebt etwa, inbem
iäj anberen prebige (u.rjTcoT£ efXXoig xrjpuSag), felber oermerflich Werbe;
2 Kor. 8, 11: bamit ihr, gleicbroie (oircuc xaoaTcsp) ifjr SBittigfeit bezeugt
babt, fo aueb bie Sacbe ju ©nbe fübret. Säße oon biefer SBortftettung finb
im tpebräifcpen unmöglid), weil auf jene Konjunftionen bamit, bamit
ni et) t, bamit nidjt etwa (vom 'sab, «b is« ^saV, «bie«, i»k nasa,
)B u. bgl.) immer unmittelbar baS S;erbum folgen muß, opne SJajwifdjen«
tritt irgenbweldjen anberen JRebetbeile) ober Sdjaltfapeö. ®ie grieebifdje
Spradje, weldje mit gröfjter gnnerfionöfreibeit SSörter unb Saatbette
nadj logifdjer Slbwägung ober audj ju ©unften beö rbbtbmifcben SBobllauts'
burdjeinanber würfeln fann, ftettt bem Ueberfetjer bie fajwere Slufgabe,
bie griedjifcben ©mpbafen ber apoftolifdjen Siebe innerbalb ber ©renjen
ber bebräifdjen gnBerfionöfäbigfeit ju ibrem 9Jed)te fommen ju laffen.

Sutber'4 Söerfe für bai ebtiftlidje *>au«. §r«g. oon ffSfr. Sic. Dr.

SSudjwalb, ißrof. Dr. Kawerau, ©onf.'fR. IJSrof. Dr. Köftlin,

S3fr. Sic. Stabe, 33fr. ©w. Scbneiber. 1. golge: Sieformatorifcbe

Sdjriften. SKit einem SSilbnife Dr. 97t. Sutber'ö nach Sufaö Kranad).

1. gpeft: Sermon Oon ben guten SBerfen. 2. ^>eft: ®ie 95 %be\en.

SSom 3Sapfttbum ju Stom. ®er Slrtifel ber donatio ©onftantini.

SSraunfcbweig 1889, ©. 91. Sojwetfcbfe & Sopn (XVI u. S. 1—196, 8).

Sluög. A: 30 9Sf.; 9luög. B: 50 33f.
geber SSerfudj, Sutber'ö Scbriften in weiteren Kreijen unfereö SSolfeS
einzubürgern, ift mit greuben ju begrüßen. Sienn ber SSoben, ben
Sutber befonberö in unferen gebilbeten Kreifen mit ben immer wieber
auögewäblten Sdjriften gefunben, ift niebt gerabe groß. SBie feiten finbet
fid) bodj ber „Klaffifer" Sutber neben ©oettje unb Sd-itter! 3)ie §erauö«
geber unb SSerlcger ber oorliegenben Sluöwabl finb Oon gutem 97tutb
befeett. Sie wagen fogar auf ©tngang bei Katbolifen ju tjoffen, bamit
fie Oornrtbeilöfrei ielbft prüfen fönnen, ob Sutber ein Sobn beö Seufelö
fei ober ein ©otteömann (^orrebe, S. VII). 25ie Stamen ber Heraus-
geber bürgen für gute SluSfübrung ber He>mu29e>b.e- SBaS fie in ben erften
beiben Heften bieten, ift gefajidt auSgemäblt. gpeft 1 gibt ben „Sermon
oon ben guten SBerfen- oom g. 1520, Heft 2 bie 95 Ibefen, bie Sdjrift
„SSom SSapfttbum ju 9?om" unb ben „Slrtifel ber donatio ©onftantini".
%ie große Sdjwierigfeit biefer PoIfStbümlidjen SutberauSgaben liegt in
ber Sacbe felbft. ©inmal bietet Sutber'S Spradje, fo geläufig fie unS in
ber SSibet ift, bodj mandjeS grembartige. ©8 liegt eben bodj eine brei-
bunbertjäbrige ©ntwidelung zwifdjen ipm unb unS. Iber biefe formale
Sdjwierigfeit läßt fidj leidjt überwinben, fobalb man nur einmal eine
Sdjrift Sutber'S grünblidj gelefen. ©rößer ift bie materielle Sdjmierig«

feit, ©ie großen ©egenfätje, um bie fidj ber Kampf ber fHeformatoren
bewegt, finb bem beutfajen SSolf befannt. Ueber bie ©runb^üge ber ©e-
fdjidjte unb Sebre ber Steformation weiß jebeS epangelifdje Kinb SSefdjeib.
SIber baS 93apfttbum Ijatte baS ganje Seben bei- ©briftenbeit bis in bie
feinften SBurjeln unb gafern burdjbrungen. 3)nS ift ein faft unburdj-
bringlidjer Urwalb Oon Sdjlinggewädjfen, burdj bie Sutber ben SBeg
babnen muß. SBer fennt fie alle bie firdjliajen Segenben, SSorfcbriften,
©ebräudje unb Beßren, bie ju Sutber'S $eit jeher fdjlidjte HanbwerfSmnnn
Perftanb? SBir aber ftoßen tjier immer auf neue, unS oöUig unbefannte
®inge. 9Jlit einem SBort, bie S3efanntfdjaft mit Sutber'S Sdjriften fetjt
eine ganje Summe Oon ©injelfenntniffen OorauS. 3)ie Herausgeber
ßaben fid) reblidje SDlütje gegeben, bem Sefer über beibe Sdjwterigfeiten,
bie fpradjlidje unb bie fadjlidje, binwegjubelfen, inbem fie ju jeber ©djrift
furje ©inleitungen unb Slnmerfungeu geben. H'er ftedt oiel gleiß unb
STiütje oerborgen. SBenn id) im Stadjfolgenben einige 33emerfungen gebe,
fo tßue idj eS in berzlidjer greube an ber Sadje unb mit bem SBunfdje,
baß fie einen glüdlidjen gortgang babe.

gn erfter Sinie ift einer oolfstbümlidjen SutberauSgabe mi'gliajfte
Korreftbeit beS 3)rudeS zu Wünfdjen; benn ber in SluSfidjt genom-
mene Sefer bat nidjt bie gäbigfeit gleidj bem ©elebrten, ©rudfeßler
felbft z" Seffern. S. 10 finb bie bebräifdjen SBorte Aven ama
nadj unferem Ijeutigen Spradjgebraudj burdj ein Komma Z" tren-
nen; S. 99, g. 12 0. u. lieS bie ftatt biefe. S. 113 füßrt ©ifen-
Hütte ben Sefer irre, baß er ftatt an Helmc = ©ifenßüte an Sjergmerfe
benft. 173 wirb auf ben fdjwäbifdjen ©ialeft S3ezug genommen, ©ie
Sdjwaben fennen aber feine Ouäften, fonbern Duaften. S. 180 l. Seitus
ftatt Sectus, S. 182 ©apo b'gftria ftatt ©upo. gür mandje Stetten
märe eine furze ©rläuternng münfdjenSwertb, fo S. 10 St. Sirigitten
©ebet. S)ie orationes S. Brigittae waren bamalS ein oft gebrucfteS ©ebet-
budj. Db biefelben aber ber irifojen ober febmebifdjen Brigitta zuzu«
fdjreiben finb, was mir mabrfdjetnlidjer fajeint, fann idj nidjt fietjer be-
ftimmen. S. 42: „SMättlein unb Körnlein äätjlen" märe burdj bie S3er-
Weifung auf S. 52, Slnm. 2 u. 3 Oerftänbliaj geworben. SBaS S. 74 ein
römifdjer ißriefträger ift, bleibt unferem ©efdjleajt, baS ganz anbere
S3riefträger fennt, unbefannt, ebenfo S. 92 gafobSbrüber, S. 101 fano-
nifdje S3ußen, S. 102 bie Segenbe St. SeOerin'S unb SkfdjaliS', S. 173
weiße geajel. Sie fUebenSarten S. 176: „er tßat fäuberliaj mit ber SBraut
auf bem Steinmeg" unb „fünfjetjn 97ceilen SBegS nadj St. ©briftopbel'S Sag"
(Ogl. baS fübbeutfdje: ztfifdjen ©ßlingen unb 33ßngften) bebürfen notb-
menbig einer ©rläuterung, mäßrenb bie oon „utomanift" ftatt S. 116
fajon S. 113 am 35latje märe. ©inigeS bebarf audj ber SRidjtigftetlung
ober fdjärferer S3eftimmung. S. 118 ift Sub nidjt fdjmußiger SBrei,
Subelei, fonbern bie 9JJenge z- 93. 93ier, bie auf einmal gefotten Wirb.
Ser Sinn ift: ber 33apft Witt in jebem Sub, b. b- in allem, was man
beginnt, feine Hanb gaben. S. 119 unb fonft betont Sutßer, baß Slloelb
„ber ßoben Herligen Dbferoanz St. granciSci" angebört. SBenn man baS
bloS mit „Drben ber granciSfaner" erflärt, fo gebt ein feiner ironifdjer
Bug Oerloren. Senn eS liegt ein Stadjel barin. Sie ftrengen Dbfer«
oanten bünfteu fidj beffer als bie granziSfanerfonDentualen. ©benfo
liegt in bem SluSbrud „Bmele" b. b- Hanbtuaj S. 173 eine bittere gronie.
Sie weißen Südjer, auf bie fidj ber 3äapft fetjt, finb barutn bodj niajts
anberS als gemeines Sud), Wie Broelen, mit benen man bie Häube trodnet.
S. 143 wirb ber grrtßum, baß fBauluS oerßeiratbet mar, Sutßer zuge-
fajrieben; aber er bat biefe Slnnaßme Oon ©lemenS oon Slleranbrien unb
©ufebiuS überfommen. S. 182 ©riebe ift nidjt Sped fdjledjtbtn, fonbern
auSgefdjmolzener Spedwürfel, ben man gern anberen Speifen, Salat k
beimifdjt.

Stabern. °h iBofftrt.

IReidjavb, SJiaj, ©ßriftlicbc SebenSbilber. ©üterSloß 1889, SSertelSmann
(VIII, 438 S. gr. 8). 5 97lf.

Ser SSerf., ber gegenwärtig in ber Dftmarf beS SfieidjeS, in 33ofcn,
feines geiftlidjen SlmteS waltet, ftammt auS Straßburg. Her* uub ®c'
finnung finb bei ißm beutfdj wie fein Stame. Slber feinem fdjönen
Heimatlanb, bem ©Ifaß, ift er mit begeifterter Siebe Z"fletban unb für
baS, was wir ben religiös lebenbigen unb religiös angeregten ttjerfönlidj»
feiten granfreidjs' Oerbanfen, ßat er fidj audj nadj bem Umfdjmung beS
gaßreS 1870,71 einen freien 93lid bemaßrt. So greift er benn mit
S3ortiebe für bie Sammlung feiner djriftlidjen SebenSbilber foldje 35er-
fönlidjfeiten ßerauS. in beren ©ntmidelungSgang baS franzöfifdje ©eiftcS-
leben mitbeftimmenb eingewirft bat. Buerft fdjilbert er unS 33laife
93aScal (1623—62), ben geifteSmädjtigen ©cgner ber gefuiten, ben ©in-
fiebler oon 33ort«&toP,al, ben großen SDtatbematifer, ber babei „ein
«tßftifer fo tiefer Slrt ift, baß fein ganjeS 933efen in ber gnnerlidjfeit
beS ©emütßSlebenS aufzugeben fajeint". ©S folgt einer ber bebeutenbften
SSiograpßen HkScal'S: Ullejanber »inet (1797—1847), ber SBaabtlänber,
ber »orfämpfer ber freien Kirdje, meldjen ttteidjarb als ben frömmften
unb berebteften »ertreter beS gnbioibualiSmuS auf religiöfem ©ebiet be-
Zeidjnet, wobei übrigens audj bie »erbienfte »inet'S um bie franzöfifdje
Siteraturgefcßidjte gebüßrenb gewürbigt werben, gßm fdjließen fidj
an: ber Sominifaner »ater Sacorbaire (1802—61), ber gemaltige 3?re-
biger, ber in feinem »Brenäenflofter jugt«* einSütulleßrerleben gelebt ßat
unb OTitglieb ber vlfabemie gewefen ift. ®ann Vlbolf 97lonob (1802—56),
oon ben reformirten tßeologifdjen Sdjriftftettern granfreidjs unter
unS oielleidjt ber gelefenfte unb einflußreidjfte; SouiS 97teuer (1809—67),
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