Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

10.1889

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Wr. 51. «e.pjtcu ocn 20. Üecember 1889.

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Breis Dürfcljäfrrütf) l 5Dh. 25 Bf.
JJnrerlümBgEbüfjr pr. gEfp. BEfitiEÜE 30 Bf.

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CSxpEbifion:
EBntflsJ.rafje Är. 1».

©einriß SIrnaub unb feine SBiograpben

9!eue saeobaßtunflen über hebräifße SpradjeiflEU«

ibümlißfeiten. SBon Sr. telinfß. IX.
fiutber'S JBerfc für boä ßrifiliße ©aus\
blelßiirb, 9JlaE, ßbriftliße SiebcnäbUbet.

Xümprl, SB , «ffßißte beb ebonaelifßen »irßen= 9imefte tbeofoflifße Siiteratur.

Befonfleä im ©erjoBibum Ofotba. Uniberfitätäfßriften.

(Sbriftoterpe, «Keue. Sin 3abrbuß brüfl bon 9tu= Heitißriften.

bolf ftüflel, fflilp. SBaur unb ffimil grommel. »ierfßiebeneS.

Um uitßcfttuintc Erneuerung M 2llionncmcntö ctfurtjt bie $erlug§I)aublung.

ijcinrid) ärnaut. unb feine ßiogrophrn.

^einrieb, SIrnaub, ber herborragenbfte Wann unter ben SBalbenfern
unb „eine ber großartigften ©rjeßeinungen ber ©efehießte überhaupt", wie
83enber firfi in feiner ffiatbenfergefct)ictite audbrüeft, bat bidjeßt nur jmei
S)arfhtler feined Sehend gefunben. ®er eine ift ein Seutjrber, Vfifr. S.

Stoiber aud SBürtiemberg, ber anbere ber SBalbenfer Dr. ©milio
©omba ju glorenj. (Beibe finb mit ernftem Stubium an bad SBerf ge«
gangen, unb ©omba hat außerbem ben SSorjug, einem längftgefüßlten
(Bebürfniß, wenn mir fo fagen bürfen, abgeholfen ju büßen, inbem er
bem großen gelben enblid) ben fchulbigen ©tonfedjotl feine? «Solfed bar«
brachte. Stur feßmärbt fid) bie Sache leiber baburd) einigermaßen ab,
baß bie roalbenfifche Stritif feiner beiben borjüglicßen Schriften über
SIrnaub bidjeßt feine ©rroäbnung tßat, obgleich fie bor bereits? brei
Wonatcn erfchienen. SBir wollen inbeffen barin nicht atlju (ebnet! ben
oft beroorgehobenen llnbanf ber SBalbenfer gegen ihre tüchtigen Wünner
erblicfrn, fonoern annehmen, baff fie, wie bem beutfdjen (Biographen, fo
auch ber beutfehen Sciiif befeßeiben beu SBorrang in ber Slnerfenuung
Walbenfifcher «Serbienfte laffen wollten. ©t)e BJir in bad ©omba'fcße SBerf
©infießt nehmen, fei es? uns? oergönnt, einen 93licf auf badjenige Stoiber'?
ju werfen.

(Ufr. ff. JHaiber mar ber erfte, ber im 3. 1880 ben reichen
Stoff ju einer vlrnaub.SBiograptjie jufammentrug: „4>nri SIrnaub,
Pfarrer unb ffriegdoberfter ber SBalbenjer. ©in Sebens?hilb. Wit jwölf
noch ungebrueften Urfunben" (Stuttgart 1880, 3. g. Steinfopf [ 180 S.
gr. 8] 2.20). $ad ift junächft fein «erbienft. Sobann hat er biefen
Stoff mit rübmendmertßem gleiße georbnet unb gefichtet. Stur ift
es? ju bebauern, baß ihm babei bie bollänbifeben Scßnftftetler Wartinet
unb Sift entgingen, unb baß er ju roenig SBertß auf bad Stubium ber
§anbfcßriften gelegt hat. Slugenfcheinlicß finb ihm nur biejenigen auS?
feiner Jjjeimat SBürttemberg jngänglich geroefen. ®ie reichen Schöße in
ben jüricher unb bafcler Slrcßiben läßt er unbeachtet, obmot ber ihm be«
fanntc Wörifofer in feiner „©efebioßte ber ebangelifcheit glücbtlinge in
ber Schroeij" auf fie tjirtroeift. SBad bie Storftetiungdmeife Stoiber'? an«
betrifft, fo ift fie entfehiebett gemanbt unb feffelnb. ©r ßat bie ©eftaft
bed gelben anfcbanlia) unb mit warmer Sebenbigfeit auf ben fpinter»
grunb ber großen, gefchichtlichen ©reigniffe bingejeiebnet unb geht liebe«
bot! auf feine ©igenart ein, wenn er auch i)kt unb ba etmad bad
fchroungoone (Berfiänbniß für bie gemaltige (Berfönließfeit bermiffen läßt.
So fdjeint eä und j. 93. üergebliched S3emühen, fflrnaub'd militärifdie
Sehrjeit in tpoQonb in grage ju (teilen unb aud bem tüßnen Stieg?«
helben unb erfahrenen SBeltmann einen nur mit Seih unb Seele feinem
ftitlen «Berufe hingegebenen SBalbenferpfarrer machen ju moDen, mie ed
im jmeiten Sapitel, S. 20, oerfucht mirb. üluch einige Heine geographifche
Srrtbümer laufen unter unb (äffen erfennen, baß ber SSerf. ben fo an«
mutßig gefchilberten Schauplaß feiner ©rjählung niemald mit eigenen
Slugen faß. ^km biefer 3nthümer, nämlich bie gewagte «Behauptung,
baß bie 3)orffd)aften SBianetlle unb Waffel in 91tnaub'd erfter fBfarrftetle
3-4 Stunben ooneinanber entfernt unb „burch l)ot)e, fteile «Berge ge«
trennt" waten, h"' theilmeife menigftend, ju unferem ©rftauuen fogar
auch in bem vluffafe über SIrnaub ©ingang gefunben, welchen Sic. Dr.
P. ©riegern lürjlich jur großen ©ebentfeier ber SBalbenfer im „®aheim"
»erößentlichte.

Um fo roünfchendmerther mar ed benn, baß bie fad)funbige unb
überlegene fjcinb cined „Specialiften" mie !Brof. ©omba eublid) ben
©rißel erfaßte, ©r f)at oag %eben ^xnanVi in italienifcher unb ju
gleicher IJeit in franjöfifcher Sprache gefeßtieben; leßtered mit Wüdßtt)t
auf bie bieten, bed gtalienifchen untunbigen «Bewohner feiner heimifetjert
SChaler. «Beibe »Biographien ergänjen einanber gewiffermaßen. SCie
franjiSfifcße, feßr Wenig umfangreiche unb in oolfdtßümlichem SCone ge-
haltene bringt meßr ald breittnbbreißtg bidßer nießt gefannte «Briefe bed

1 großen Wanned, ein eben folcßed «Bilbniß unb ift mit bieten ßübfcßen
3Huftrationen gejiert. Sie italienifcße ift audfüßrlicßer, unb jugleid)
j bon fo hoher gormbottenbung, baß ©omba fie entfeßieben ald eine feiner
' beften Scßüpfungen betrachten barf.

3n feaßd turjen Sapiteln, welche nicht meßr ald 160 Seiten umfaffen,
entrollt er und bad großartige Sebendbilb bed SBalbenferprebigerd unb
Ipeerfüßrerd, feine 3u8en0" u^\) Stubienjeit, fein erfted SBirfen ald
Pfarrer unb bad erfte §erbortreten feined gelbßerrntalented in ber
j furchtbaren «Serfolgung bed 3- 1686. Wit erfeßütternber SCragit Wirb
| bie SSerbannung in bie Scßweij gefcßilbert, bad Seßnen naeß ber ge«
' raubten Heimat unb bie unerhört füßne SRüdfeßr in biefelbe bid ju ihrer
; Wunberbaren «QJiebereroberung. SCer ©lanj, ber ben gelben borüber«
1 geßenb umgibt, ber feßnöbe Unbanf, mit bem er beloßnt wirb, fein nie
! gebeugter Sebendmutß, ber ißm für fieß unb bie Seinen ein neued .fjeim
I im fernen ®eutfcßlanb grünben läßt, fein frieblicßer Stob am ©nbe bed
j langen, fegenöreiäßen Sehend unb SBirfend: bad atled finb SBilber, bie
; wol bie ©eftaltungdtraft einer Sünftlerßanb befeelen tonnten. Unb bon
i fünftlerifcßer Schönheit ift bie Spracße auf jeber Seile bed «Buche?: warm,
begeiftert unb maßboü jugleid), am Scßluffe ber einjelnen Sapitel fid)
j ju pracßtbollem, bießterifeßen Üluffcßrounge erßebenb. SSud) ift ed inter«
I effant ju feßen, Wie fein ber Scßriftftetler ben Eßarafter jeber ber beiben
Sprachen burdßbrungen ßat, unb wie ber leichte, grajiöfe ißlauberton bed
franjöfifchen 3biomd ißm ebenfo geläußg ift ald bad langfam audflingenbe
«Batßod bed italienifcßen.

®od) wir laufen ©efaßr, über ber gorm ben gnhatt bed «ffierfed ju
bernacßläffigen. ©r bringt berfeßiebened Wißenfcßaftlicß bureßaud 9?eue.
Und finb beim Sefen minbeftend feeßd IBunfte aufgefallen. Qunäcßft ßat
©omba bie abelige ©erfunft Slrnaub'd oon bäterlicßer unb mütterlicher
| Seite naeßgewiefen unb ben Stammbaum ber gamilie 9lrnaub aufge«
jeießnet. ©benfo tritt er für bie Einnahme eined (Aufenthalte? bed jugenb.
ließen vtrnaub in .fjoUanb ein, inbem er fid) babei auf ein 3eu9ni6
| walbenfifcßer Sßfarrcr ftüßt. Sobann ftetlt' er jum erften mal bad SCatum
I ber glorreichen ^eimfeßr in unroiberruflicher 3Beife feft, fobaß bie
SBalbenfer, welcße bidjeßt, ben 16. 9luguft (1689) ald lag bed xludjugS
aud ber Scßweij betrachteten, nun in ber nicht eben angenehmen Sage
finb, auf ißren foeben bei ©elegenßeit bed großen gefted berfertigten
Sienffteinen unb 3nfcßriften, biefe 16 ftreießen unb burd) eine 25 erfeßen
ju müffen.

9ceu ift ferner bad §erborßeben ber Ißatfacße, baß SIrnaub wirtlid)
triegerifcher güßrer feined SBolfed mäßrenb bed großen lebten (Befreiung?«
fampfed mar, nießt aber blod ein eßrgeijiger gelbfaplan, ald Welcßen
ißn ber ©efehichtfeßreiber Wufton betrachtet miffen möcßte. Slud) fein
SBirfen ald Woberator naeß biefem Sampfe ift jum erften mal bon ©omba
gebüßrenb beleuchtet worben.

SBerthooUer noeß ald atled Med muß aber ben SBalbenfern bad SJuf«
ßnben jener breiunbbreißig (Briefe Slruaub'd fein, welcße in fo unmittel«
barer SBeife in ben Eßarafter bed hochbegabten Wanne? einführen unb
fo ergreifenb jeigen, wie aud) auf ben ©rößten ber ©rbe bed Sage? Saft
j unb Wühfal unb bie ((einließe Wißgunft ihrer Witmenfcßen ju laften
pflegt.

I Wöge barum $enri SIrnaub, neben biefem literarifcßen aud) enblid)
| feinen marmornen ®enfftein finben in ben he-mifeßen Ißälern. ®ied
! würbe gewiß feine? 93iograpßen fcßöufter Soßn fein, ber öfter feßon
; ebenfo begeifterungdboU ald bergeblid) feine Sanbdleute aud) an biefe
ßeilige 5>anfedfd)ulb gemahnte.* <m. 9.

* Soeben, inbem mir biefen Slrtilel fößließen, geßt und eine Stummer
bed SBalbenferbfatted „Le Temoin" ju, welcße bie beiben Schriften
I ©omba'd über SIrnaub furj befprießt.
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