Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

10.1889

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fid) in Satian'S ©iateffaron, fomeit eS uns burd) ©pfjräm'S Srommentar
unb anbete patrifttfcbe geugniffe mieber gugänglid) gemacht ift, fomie in
ben übrigen 9feften bet bie Soangelientrabition betreffenben fprifchen
Siteratur, gu ber außerfanonifchcn SetbenSgefchichte bet ®ibaScalia burd)«
auS feine Sßaradelen.

3m fpinblid auf bie unleugbare Sbatfaaje, baß neben ber in ber
©efammtfirche entftanbeuen fanonifrben tpauptftrömung in ber fpriichen
SanbeSfirdje eine Sfebenftrömung ber eBangelifcben STrabition bemerfbar
ift, fönnte man Berfucbt fein, etwas 9Iebnlid)eS in Setreff ber ägpptifcben
SanbeSfirche gu ftatuiren unb baS „9legB,pter«EBangetium" als ein
Srgebniß ber bort berrfdjeub geroefenen Soangelientrabition gu betrachten
(ogl. qparnad, „S)aS Bleue leftament um baS gahr 20°"- greiburg
1889, ©. 47). ®em gegenüber habe id) aber in ben einteitenbeu 93e»
merfungen gu bem 9Ieghpter«©Bangetium (©.316-319) auf ben Ibol*
beftaub bingeroiefen, baff außer Siemens 911. feiner ber gahlreidjen ägrjp»
tifcben, begm. alepnbrinifcben rXßeologen oon bem 9legB,pter'Soangelium
©ebraud) gemacht ober aud) nur 92otig genommen bot, unb bafj aud)
Siemens feine wenigen gragmente beS 9legt)pter« SoangeliumS nur in
einigen Kapiteln beS III. 93ud)S feiner ©tromata befpridjt, bagegen in
feinen übrigen umfänglichen Schriften über baS 9legt)pter« Soaugelium
Bödig febmeigt, unb ferner, bafj Siemens aud) ba, wo er biefeS außer«
fanoniftbe Soangelium erwähnt, feine Stenntniß beffelben lebigtid) auf
3uliuS JlaffianuS, baS §aupt ber ägßptifdjen Snfratiten, gurüdführt (Bgt.
Strom. III, 13, 92, p. 553). Saraus habe id) gunächft ben negatioen
©cßluß gegogen, bafj baS 9leghpter« Soangelium feineSfatlS baS Eoan»
gelium ber ägßptifrhen SanbeSfirche geroefen fein fönne. gn pofitioer
gjinfidjt tneifen oielmehr ade 9lngeichen barauf bin, bafj biefe apofrt)pf)e
©Bangelienfdjrift bei Berfa)iebenen innerlich einanber uabeftebeuben
bäretifa)en 9fid)tungen, ben Salentinianern, ben 91aaffenern, ben Dpßiten,
ben Snfratiten unb ben ©abellianern, fomie enblid) bei ber burd) ben
Slegppter BJlarfuS nad) Spanien importirten priScitlianifd)en qgärefe in
©ebraud) unb ©eltung geroefen ift. (Sgl. ©. 384 ff. 391 f. 429. 496.
9tußerbem ift gu oergIeid)en meine Stubie über baS 9Iegt)ptcr«SBangelium
in ber „3eitfd)rift für fird)l. SJMffenfchaft it. firdjl. Sehen" 1888, V,
©.232—241, worin id) ber feit ©rabe üblid)en, aber burd)auS unbe«
grünbeten 9lnnab,me Pon ber gbentität beS 9legt)pter« SoangeliumS unb
ber im gmeiten SlemenSbriefe fliefjenben ©oangelienquetle entgegen«
getreten bin.)

2)aS eingige uns befannte apofrpptnidje Soangelium, Welches, bie
epangelifd)e ®arftedung (wie baS BJfarfuö« unb Bor ibm jebenfallS baS
UreBangelium) mit bem Sluftreten beS SäuferS unb ber SEaufe Sbrifti
beginnenb, bie Sieben unb bie SEljaten Sbrifti-in einem gewiffen $u«
fammenhang fdjtlberte, unb nad) einer 93affionSgefd)id)te mit 9lbenb«
mahlSeinfeßung unb guleßt mit 93erid)ten über mehrere ©rfcbeniunqen
beS 9luferftanbenen abfd)lofj, war baS fbebräer-Eoangelium, beffen
urfprünglid)er, namentlich, bem 9Jtattf)äuSeBangelium oon fölatth. 3, 1 an
parallel laufeuber Üenor aitS ben erhaltenen gragmenteu einigermaßen
erfd)loffen Werben fann. SS finb im gangen 18 gragmente (§. 12: 9lpo«
rrt-pha 1-8. 11. 12. 14. 17. 18. 21. 30. 33. 41. 60), mand)e biefer
gragmente in boppelten unb breifad)en Üjaradelcitaten oertreten, ferner
12 sjartanteu (©. 335—342), pfaiumcn 40 Sitate, in beucn ber Seftanb
beS gpebräer« SoangeliumS unS nod) Borliegt. S3on biefen ftamtncn
33 Sitate auS bem 4. 3al)rt)unbert, begm. bem vlnfang beS 5. gaßr»
hunbertS, nämlid) 3 Bon SufebiuS, 10 Bon SpipfjaniuS, 19 Bon -jpiero»
nßmuS. gerner gehören brei biefer Sitate p ben Slanbbemerfungen
eineS Bon IXifehenborf in ber „Notitia editionis Codicis Sinaitici"
(Seipgig 1860) befd)riebenen Soangeliencober. auS bem 9.—10. gaßr»
hunbert. 91ur brei, bep. Bier ftammen auS ber SBenbe beS 2. unb
3. gahrhunbertS, inbem ein gragment beS .fpebräer« SoangeliumS
Siemens 911., pei gragmente, eineS in boppeltem Sitate, DrigeneS unS
aufbewahrt haben. ®iefer SEßatbeftanb geigt. Wie befchränft baS 93r«
breitungSgebiet beS §ebräer» SoangeliumS in ber Urfira)c gewefen ift.
SiS pr 9Ibfaffung ber $eßergefchichtc beS SpipljaniuS haben nur brei
SdjiiftfteUer (Siemens, CrigeneS, SufebiuS) baS Hebräer«Soangelium
citirt, unb par, wie bie SitationSformeln beutlid) jeigcn unb wie eS
bem Sharafter gerabe biefer brei ©d)riftfteOer entfpricht. nur aus
literarifchem gntereffe, nicht mit fird)lid)er 9lutorität; DrigeneS fagt
auSbrüdlid): non ad auctoritatom (Bgl. ©. 387). 9lde übrigen Sirchen»
fd)riftftetler Bor SpiphaniuS unb tpieroupmuS haben baS foebräer-Soan«
gelium Boüfiänbig ignorirt.* Slamentlid) finben fid) feine ©puren beS»
felben in ben Snangeliencitaten fämmtlicher apoftolifa)en 93äter, feine
Deichen ber Serwanbtfchaft mit ber Soangelieuquetle ber 3)ibaa)e, burd)»
auS feine ©»mptome feiner Sjiftenj in ben fo ph'reidten unb guten
Soangeliencitaten ber (jubend)riftlid)en) clementinijd)en §omilien unb
enblid) auch feine 93erührungen ber bem $>ebräer-Snangelium angehörigen
gragmente mit ben 34o Sitaten, welche in §. 9—11 meines 933erfeS ben
93efunb ber echten 9lgrapha repräfentiren. ®iefeS Botlftünbig negatioe
S3erhalten ber patriftijd)en ©djriftfteDer auS bem 2. unb 3. gahrßunbert
p bem $ebräer»SBangelium (benn aud) Siemens unb DrigeneS nehmen

* Slur $egefippuS fommt nad) einer "totig in Euseb. H. E., IV, 22, 8
nod) in 93etrad)t, oljne baß mir Stäb-ereS erfahren.

nad) ber 9lrt ihrer Sitation in ben 3, 6ep. 4 Sitaten eine negatioe
Stellung p bemfetben ein) fcßeint mir allein hinreicßenb, um ben
ällrjtbuS Bon ber gbentitüt beS EjeBräer'SBangeliumS unb beS UreBan«
geliumS grünblicßft p jerftören. SHäre Wirflid) baS .fjeBraev«SBan«
gelium bie ältefte SBaugeliengueHe ber llrfirdfe gewefen, fo müßten in
ben jahweichen patriftifchen Soangeliencitaten auf Schritt unb Sritt ober,
wenn manchem biefe gorberung p ftreng wäre, WenigftenS ade hunbert
Schritte Spuren biefeS SoangeliumS unS begegnen, unb namentlich
müßten bie guten 9lgrapha in ihren 340 Sitaten bann unb wann als
gragmente beS Hebräer «SoangeliumS citirt fein ober bod) ininbeftenS
öfters inhaltlich eine gewiffe 93ermanbtfchaft mit bemfelben aufzeigen-
93on adebem ift nichts p bemerfen.

Schon hierburch ergab fid) für mid) ein biamctraler ©egenfaß p ber
9lußaffuug, Bon welcher aus .fjanbmann, wie ber Dtebcntitel feiner
Schrift: „Sin Beitrag pr ©efd)id)te unb Sritif beS bebräifcben aTIatthänS"
Bon Bornherein geigt, an bie 93ef)anblung beS ,f5ebräer«SoangeliumS ge«
gangen ift. Sin weiterer ©egeniaß liegt in ber ©tedung gur Soangelien«
fritif überhaupt, .fjaubmann, welcher auf biefem ©ebiete felbftänbige
unb einbringenbere gorfd)ungen nod) nidjt gemacht gu haben fd)eint,
Wanbelt wefentlia) in ben 93ahnen fjilgenfelb'S, beffen eBangelienfiitijd)er
©tanbpunft fd)on Ifingft als antiquirt adfeitig crfannt fein würbe, wenn
.fpilgenfelb nid)t burd) feine Bielfeitigen ©tubien auf bem ©ebiete ber
patriftifchen unb apoFrpphifcben Literatur feiner Soangelicnfritif eine
golie gäbe, welche ben nicht felbftänbig nn ber Soangelienforfchung 9Je«
theiligten imponiren muß. SJagcgen ftedt fid) bie oon mir Bcrtretene
9iid)tung ber Soangelienfritif als eine iffieiterfütirung ber namentlid) pon
Shr. qp. SBeiße, plßmann unb 93. ÜSeiß gebahnten 93fabe bar, welche
aber bei ben genannten gorfdjern bisher wefentlia) nur auf bie inner«
fanonifche ßittif fid) befchränft hatten unb gu einer grünblidjen 9tuSein>
anbeifeßung mtt ber patriftifchen unb apofruphifeßen Siteratur nia)t ge-
langt waren.

©in weiterer Unterfd)ieb ergibt fid) aus ber gangen 9lrt ber 93cl)anb»
lung. 33ei ber monographifdjen 93ehanblung eines ©egenftanbeS, unb
nod) bagu bei einem SrftlingSmerfe, tritt oon felbft eine gewiffe 93orliebe
für baS behanbeltc Dbjeft unb bamit eine natjeliegenbe Ueberfd)äßung
beffelben ein, eine ©efafjr, welcher auch Dcidjolfon, ber leßtc Urheber
einer fDionographie über baS gpebräer-Soangelium Bor fjanbmann, nid)t
entgangen ift. gn ben Bieljährigen gorfrhungeu bagegen, welche meiner»
feitS auf baS ©ange fomol ber innerfanonifchen Soangelienfritif als ber
bamit gufamiuenf)ängenben patriftifchen unb apofipphifdien Siteratur
oermenbet morben finb, bilbet baS ,'pebräer=Suangelium einen bem ge»
ringen Umfang feiner gragmente entfpred)enben untergeorbneten 93eftanb«
theil beS ©angen, womit eine Biel größere Süljle ber 9lufjaffuug Bon
felbft gegeben ift. 2Benn id) gleidjwol nicht Weniger als 70 Seiten ber
Unterfuchung über baS fpebräer-Soangelium gemibmet habe, fo mußte
bod) felbfioerftänblid) innerhalb beS fRahmenS meines 933erfeS ein Eingehen
auf bie bisherige Siteratur in 93etreff beffelben megfaden. .vjier aber
gerabe liegt .fpanbmann'S Stärfe. Seine ©efehiebte ber h'ritif beS
)fpebräer«SoangeliumS (S. 2—25) ift eine fa)öne 9lrbeit Bon burd)fid)tigtl
®arftedung unb objeftioer .fpaltung. 9luf baS Eingclne feiner eigenen
Unterfudjungen eingugeljen, fann ntd)t ber Ifllaß fein. Uber eine
9lnerfennung unb ein 93ebauern auSgufprcd)en möchte id) nirt)t unter»
laffen. SEie 9lnerfennung begießt fid) barauf, baß .fpanbmann im Unter«
fd)ieb Bon ben meiften feiner 93orgänger nur foldie 93eftanbtl)eile in
Unterfuchung gegogen hat, welche als gum .fpehräcr-Soangelium geljörig
burd) auSbrüdliche DfUßniffe gu refoqnofciren finb, baß fonad) mit ber
einer eraften gorfchung bttrchauS miberftreitenben üblen ©ewol)nhcit,
ade möglichen quedenlofen Soangeliencitate ohne ade inneren unb
äußeren ©rünbe bem §ebräer»Soangelium aufgubürben, Bon feiten .fpanb«
mann'S grünblid) gebrochen ift. 9J?ein 93ebauem aber betrifft bie ging«
mente beS qpebräer=SBangeliumS bei SpipfjaniuS, welche ©anbmann Bon
ber Unterfuchung auSgefchloffcn hat- Jroß feiner abfädigen, wie id)
glaube, in feiner SSeife begrünbeten, Jlritif ber jebenfadS auf älteren
Ouedcu ruhenben SpiphaniuS«Sitate (S. 37 ff.), unb gerabe gur
näheren 93egrünbung biefer feiner firitif, hätte £)anbmann eine Unter«
fuchung biefer eingelnen Sitate nicht umgehen foden. gnfolge beffen geigt
feine idfonographie an biefer Stede eine Sürfe, welche id) in § 12 meines
933erfeS burd) oodftänbige SJeßanblung oder gragmente beS -fjebräer«
SoangeliumS, unb gerabe aud) ber Bon SpiphaniuS aufbewahrten, auS«
gefüllt habe.

gm übrigen bitte id) ben, ber fid) für biefen STheif ber gorfchung
intereffirt, meine 9IuSeiuanberfefeungen über ben Uuterfchieb beS .£>ebräer«
SoangeliumS Born Ureoangelium in § 6, S. 40 ff., ferner meine $ar<
legungen über ®efd)id)te, Oueden, Sprache, oerfdiiebenc iüecenfionen,
über bie «Xenbengen unb bie sJ3hn:en in ber ©ntwidelung beS Hebräer«
SoangeliumS i©. 322—333), enblid) namentlich aud) bie Ulnalpfe ber
eingelnen Sitate (©. 333 ff.) felbft nachgulefen, um gu ertennen, baß hier
ein bi.imetraler ©egenfaß gegen bie .f)ilgcnfelb«qpanbmann'fd)e 9luf«
faffung oorliegt, unb baß baS iu weiten Streifen gethcilte abfädige Ur«
theil über biefeS jubend)riftlid)c „TXenbeugcOangclium" hier gum erften
mal burd) eine eingeßenbe 9lnalt)fe feiner gragmente im gufammenhaug
mit einer eoangelicntritifehen ©efammtanfehauung begrünbet morben ift.
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