Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

10.1889

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9lnfang t>tS Enbe feft, baß bie Erbe als" ©otteS 93efiß feinet epercltcß-
feit Boll werben unb fiet) in ein SReicß ber ©erecßtigfeit, ber Biete unb
bei- Seligfeit geftatten foH. Sabei ift ©laube, b. i. SSertrauen unb ©e-
ßorfam gegenüber göttlicher Kunbgebung, überall baS Bon ®ott ge<
forberte ©runbBerßalten auf menfcßlicßer Seite, ®laube, ber als ecßt nur
onerfannt wirb, wenn er in ©erecßtigfeitSwerfen fid) funbttfut, fo aber
bie SBeloßnung beS „SebenS" empfängt. Der 9facßWeiS im ©injelnen,
Weimer auf baS SBerßältniß Bon 91. unb 9c. Bon SBauIuS unb
gafobuS, goßanneS unb ben Stwoptifern ftete SRüdficßt nimmt, ift nid)t
als ein ftreng wiffeufcßaftlicber gemeint, nimmt aber baS f^ntereffe um
fo mehr in 9lnfprum, je feltcner tiefe gragen unter foldjem ©efirßtspunft
bei Dßeologen jeßt aur SBerßanblung fommen.

Sie gefmimtlicbe Einaelforfcßung, welche ja Wol als bie 9lufgabe ber
®egenwart betrachtet werben fann, ift immer in ©efnfjr, über ber
SRannicbfaltigfeit ber Erfcßeinungen, welche ju fonberu ihre Pflicht ift,
baS ihnen allen ju ®runbe liegenbe ®emeinfame, worin eben bie Söttet
fich alS ®otteS SäBort bem ®ewiffen erweift, ju Bergeffen ober gar ju
Berbunfeln. Um fo mehr hat bie SDcabnung, Welche bie treffliche Schrift
IRubin'S enthält, 9lnfprudj auf wütiges ©eßör. SBenn bie detail*
fotfrßung nicht letztlich bie Einheit beS ber fUienfcfirjeit offenbarten gött«
liehen SBitlenS unb SBefenS um fo Beutlicher herBortreten läßt, ßat fie
ficßerlid) ißren aum 9lufhou ber Kircße ®otteS gemeinten SBeruf öerfctjlt.

_ Oöuflaf jDalman.

Katzer, Dr. Ernst (Pastor prim. in Löbau), Die Bedeutung der
„Gemeinschaft" in der Theologie A. Ritechl's. Bautzen 1889
(Leipzig, Zangenberg & Himly) (38 S. gr. 4). 1. 20.

gn ißrem Haupttßeil bietet bie Schrift eine gufammenfteüung ber
Wichtigsten 9leußerungen 9iitfchrs über baS SBefen beS SReicßeS ®otteS,
ber Sieche unb baS SBerßältniß ber Einjelnen jur ®emeinfchaft. Die
SufammenfteUung ift mit großer Sorgfalt gemacht, unb bem SRef. ift
fein SBunft bon SBebeutung aufgefallen, ber babei überfeßen worben wäre,
gur Orientirung über biefe Wichtige Seite ber SRitfcßrfcßen Utjeologie er«
fdjeint bie Schrift als feßr geeignet. Der lefete Dßeil enthält eine 9ln«
jaßl fritifcher SBemerfungeu beS im allgemeinen offenbar ben SRitfcßlEcßen
Slnfcßauungen fidj runeigenben SBerf. Dtefelben bejiehen fidj tßeilS auf
bie einfeitige nur ethifdje SBeftimmuug beS SBegrip SReicß ®otteS, tßeilS
auf ben SBegriff ber Kircße in ißrem 93erhältttiß aum ®otteSreicß, fowie
auf ben -Begriff beS Kultus, tßeilS enblicß auf baS SBerßältniß ber ®e-
tueinfehaft unb beS Einjelnen. SGBtr finben auf feinem biefer Sfunfte
Urfacße, ber Kritif 0u wiberfprerßen, wol aber ßätten wir Urfacße, bie«
fette an maneßen SBunften ju Berfcßärfen. ES mag geblattet fein, wenig-
ftenS auf jwei fragen furj ßinjuweifen. SRudj nach ber Ergänzung,
Welche ber SSerf. ber SRitfchrfcßen Definition beS SReicßeS ®otteS 31t geben
für nötßig ßielt, trägt biefer 93egriff ben Stempel einer Ülbftraftion, ber
im SBiberfprucß mit bem Sinne ber Schrift fteßt. H-er erfdjeint baS
^immclreicß fonfret unb gefchicßtlicß beftimmt bureß eine Borangeßenbe
DßenbarungSgefcßirßte. DaS Himmelreich ober ®otteSreicß ift baS
meffianifeße SHeicß, baS oßne Hereinnähme beS ®ebanfenS ber Erlöfung
nießt Berftanben Werben fann.

®egen bie SBeßanblung beS SBegriffS als eines abftraft allgemein
etßifcßen ober religiöfen reflamiren wir ißn für baS ®ebiet biblifeßer Offen«
Barung, aus ber ßerauS allein er reeßt Berftanben werben fann. SffiaS
aber bie am eingeßenbften bom SBerf. beßanbelte grage betrifft, ob bie
Stellung, bie bon SRitfcßl hei ber Heilöanetgnung öem ©inaeinen aur
©emeinbe gegeben Werbe, bie rießtige fei, fo fönnen wir in ben Koncefftonen
an Dtttfcßl nicht fo weit geßen wie ber SSerf. Daß bie ®emeinbe bie
Slufgabe ßabe, bem Einzelnen baS Heil barjubieten, werben Wir gewiß
nicht beftreiten, ebenfo wenig baS anbere, baß EßriftuS Bon 9tnfang an
eine ®emeinbe gewollt; fonbern bie grage ift für uns bie, fann mir bie
®emeinbe eine ißr gewiffermaßen in Depofitum gegebene Sünbenoer-
gebung aus ißren eigenen SRttteln barbieten, ober ift bie SünbenBer«
gebung ein birefter 9lft ©otteS unb Eßrifti, bei bem bie ©emeinbe
Iebiglicß minifterietl betßeiligt ift; befomme icß Sünbenbergebung erft,
Weil unb fofern icß ©lieb ber ©emeinbe bin, ober Werbe icß ©lieb ber
©emeinbe, weil icß, wenn aueß bureß bie Sßrebigt ber ©emeinbe, oon
©Ott um Eßrifti willen gerechtfertigt bin? Habe id> alfo in ber 9tecßt»
fertigung einen SBeftß, ber ein birefteS SSerßältniß jWifcßen mir unb
EßriftuS begrünbet? Die gefliffentlicße Einfcßiebung ber Kircße jwifeßen
EßriftuS unb ben Sünber erweeft ben SSerbadjt, baß nach SRitfcßt'S Dßeo«
logie unfer SSerßältniß au Eßrifto als ein rein ßiftorifcßeS gebaeßt werben
Wolle, Wie benn überhaupt alle SluSfagen SRitfcßl'S über bie Offenbarung
©otteS immer wieber bie Deutung julaffen, baß biefelbe in SBaßrßett
ibentifcß fei mit ber Entbedung einer befriebigenben gbee Bon ©ott unb
SSelt burdj ein religiöfeS ©enie. S33ir glauben alfo, baß eine Kritif,
welcße nießt auf bie ©runbanfeßauungen SRitfcßl'S prüefgeßt, im Einjelnen
feine reeßt burcßfcßlagenbe fein fann, unb infofern Will uns ber äweite
Stßeil ber Kaßer'fcßen 9lrbeit feinen reeßt befriebigenben Einbruct maeßen.

jt). #d)mibt.

Holtbufen, S. (paftor in Gtrofcsottrum), iprebigten über bie Epifteln beS
Kirchenjahres. ©üterSloß 1889, SSertelSmann (119 S. gr. 8). 1. 50.
Seltfame SBrebigten. ©ebanfenreieß unb Boll feßarfer ßSointen, bie

aber manchmal gefueßt jugefpißt finb, fobaß bie fo ßerbortretenbe SRe«
flejion ßin unb ßer eine gewiffe Starre über ben gußalt bringt, welcße
noeß bureß bie juweilen faft fcßablonenarttg, SBrebigt für IBrebigt Ijeroor"
tretenbe gleichmäßige äußerliche gorm gefteigert wirb. ES finb jeßn
SSrebigten, welcße bie gett Bom erften 9lbBente bis wm Epipßanienfefte
umfaffen. Ilm einen Einblid* in bie 9lrt biefer OJrebigten ju eröffnen,
geben wir eine Sfijse Bon ber beS erften Sb3eihnad)tStageS über Sit. 2,
11—14. ®ie Einleitung fcßilbert baS SbSeißnochtSfinb als baS ßerrlicßfte,
benn eS ift baS Sicht ber SDBelt; als baS ooWommenfte, benn eS ift ber
9ReffiaS gfraelS; als baS wunberbarfte, benn eS ift ber Herr in ber
Stabt Saüib'S; als baS ßeiligfte, beim eS ift ber STSeibeSfame ber SSer«
ßeißung, ber 9Renfdjenfoßn oßne Sünbe. ®aS SEßcma ift: gn gefu
Eßriflo ift bie ßcilfame ©nabe ©otteS allen 9Renfdjen erfeßienen.
1. Er jüdjtigt uns als ber Soßn ©otteS. SEie Krippe, bie ©nabenftätte,
ift ein ßänSlicßeS geidjen. gu Häupten ber Krippe fteßt ein Hirtentnabe,
ber nieberwärtS fchaut; ju ben güßen ber Krippe ein tpirtenjüngling,
ber feitwärtS; jur fRedjten ber Krippe 9Raria, bie einwärts; jur üinfen
gofepß, ber aufwärts feßaut. 2. Er erlöft unS als baS Hamm ©otteS.
SEaS Kreuj, ber ©nabenftußl, ift ein religiöfeS geidjen. gur Sinfen
beS KreujeS fteßen bie Horben; 0u Häupim beffelben lefen bie guben
bie gnfeßrift beS Kreu^eS; jur IRecßten fteßen bie Eßriften; öu güßen
beS KreuneS bie He'l'9en- 3- ^r reinigt unS. SEaS ©rab ber 9luf«
erfteßung Eßrifti ift ber 9luSgangS= unb SRittelpunft feines ©nabenreinjeS,
in Welchem er bie Seinen Bon ber Unfittlicßfeit reinigt. 9luf ber erften
Seite feines ©rabeS ift baS grieeßifche SSolf Bertrcten (EßriftuS gemacht
zur S53eiSßeit); auf ber zweiten Seite baS römifche SSolf (EßriftuS ge-
macht zur ©erecßtigfeit); auf ber brüten Seite baS türfiieße SSolf (EßriftuS
zur Heiligung); auf ber Bierten Seite baS beutfrße SSolf (EßriftuS jur
Erlöfung). 4. Er befeligt unS. SDer wieberfommenbe EßriftuS fißt auf
bem ©nabentßron. 9luf ber erften Seite biefeS SEßroneS fteßen bie
Eßerubim, welcße bie Scßrift mit Stieren oergleicßt je, unb bie trium«
pßirenbe ©emeinbe, bei fiebenbige bringt baS ewige Beben; auf ber
zweiten Seite fteßen bie Eßerubim, welche bie Scßrift mit Böwen Ber«
gleicht ?c, unb bie ©emeinbe ber Erftgeborenen, ber griebefürft bringt
bie ewige ffluße; auf ber britten Seite fteßen bie Eßerubim, welcße bie
Scßrift mit SUblern Bergleicßt »c, unb bie ©eifter ber BoHfommcnen ©e«
rechten, ber Selige feßenft bie ewige Seligfeit; auf ber Bierten Seite
fteßen bie Eßerubim, welcße bie Scßrift mit uRenfcßen Bergleicßt JC, unb
bie Beßrer unb eine SbSolfe Bon geugen, ber ^nxüä)e feßenft bie ewige
Herrlicßfeit. gn ähnlicher SBeife finb bie übrigen USrebigten angelegt.
Sie finb tief bureßbaeßt, geßen Bielfad) tiefgrünbenb auf ben lEejt ein,
ftreifen aber ebenfo feßr an ben 9Inftofiftein beS ©efud)t=Driginellen, ja
ßier unb ba an ben ber SSortfpielerei unb ber SBiHfür. So beißt 3- 93-
in ber SBrebigt bom jweiten aBeißnacßtSfeiertage EßriftuS erft ein ftummeS
Kinb, baS ju fpreeßen anfing, als eS fagte: „SLRufj icß nießt fein in bem,
baS meines SSaterS ift?", unb furj barauf ein fcßWarheS Kinb mit
feßwaeßer Stimme. So Wirb in ber Einleitung sur SBrebigt am Sonn-
tage naeß SBeißnacßten bie geit mit einem Sauf-, SRaub-, Sing«, unb
gugoogel Berglicßen tc. Ein lapsus calami ift eS wol, wenn eS in ber
EpipßaniaSprebigt beißt: „ES ift merfwürbig, baß ©olgatßa bie Sdiäbel«
ftätte ßeißt". gür ©ciftlicße ift infonberßeit bie SBrebigt beS britten
SHbnentS über 1 Kor. 4, 1—7 hebeutfam. gür bie ©emeinbe aum Hören
feßeinen unS bie SBrebigten 311m SEßeil wenigftenS 311 feßwer, wenn fie
and) aum öfteren innerlich feft anfaffen; aber am Stubirtifcße läßt fieß
wol manche grueßt barauS gewinnen, fei eS baß bie feßarfe ©lieberung
unb bie ftrenge Slufeinanberbeaogenßeit ber einseinen SRebegruppcn, fei
eS baß bie aufblißenben originalen ©ebanfen unb bie eigentßümlicße 93er-
wertßung beS SXejteS in baS 9luge gefaßt wirb. jö).

©erberbing, ®. $>. (91. 9R.), 55er Heitänxg in ber flutßerifcßen Kircße
für baS SBolf oerfaßt. Ueberfefet Bon g. gentner, SBaftor su SBßi-
lipSburgß, 91. g. 9Rit einem 93ormort oon SBrof. Dr. SR. Späth.
SReabing, Sßa. 1888, SBilger-Sudjßanblung (242 S. gr. 8).
„SBieS 58ürßlein, baS ßier in beutfeßer Sprache bem Eßriftenoolf bar-
geboten wirb, ßabe icß fetnerjeit im englifeßen Original mit ßeralicßer
greube unb ESanf gegen ©ott gelefen. ES ift ein fcßöneS, einfach fcßlicßteS,
aber warmßeraigeS geugniß Bon bem guten, alten, fcßmalen Söege, ber
3um Beben füßrt." SBir ßnben biefeS Urtßeil, mit melcßem Dr. Spätß
baS «orwort einleitet, BoHfommen begrünbet. Hier ift ferngefunbe
lutßerifcße Beßre; Bor allem wirb baS SBerßältniß, in ber 9JBiebergeburt
unb SBefeßrung, 9tecßtfertigung unb Heil'8U"9 aueinanber fteßen, flar
unb feßriftgemäß beftimmt, unb Sffiefen unb SBirfung ber ©nabenmittel
richtig gewürbigt. ©erabe in SBeaug auf biefe Ho-'P-ftüde cßriftlicßer
Beßre finb ja norß immer, auch unter f. g. ©täubigen, fo Biete grrtßümer
im Scßwange, baß man nur wünfeßen fann, ber SBerf. möge Biele Befer
finben, bie fid) ben reeßten 2Beg oon ißm aeigen laffen. Er maeßt eS
feinem 3U feßwer, biefen SBeg 3U ertennen, aber aueß feinem 31t leießt,
ißn 3U geßen. SBenn er aunäcßft amerifanifeße SBerßältniffe oor 9(iigen
ßat unb befonberS gegen bie metßobiftifrße Schablone fämpft, fo ift eS
boeß aueß bem beutfeßen EßriftenBolfe gut, fid) Bor biefem gerrbilb beS
waßren EßriftentßumS, welcßeS bei ©eleßrten unb Ungeleßrten immer
meßr S5ereßrer au finben feßeint, reeßtaeitig warnen au laßen. SBefonberS
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