Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

10.1889

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Söladjt ber gauberfünfte unter roben rote unter geBilbeten Reiben, in bie
furtbtBaren SSerroüftungen, bie ber unfeiige S3ranntroein- unb Dpium-
Ijanbel fid) djriftlidj nennenber Staufleute unter ben beibnifdjen SSöltern
angericfitet baben, ber fann eigentlicti gar nidjt begreifen, Wie bie ©bri-
ftenbeit fo lange bie ifcjr pon it)rem .Raupte fo ernftlidj eingefdjärfte
©amariterpflidjt bergeffen unb ifjre unglüdlicBen SBrüber fo lange im
©lenbe laffen tonnte, ot)ne if)nen beijufpringen. @S ift getnifj einer ber
föfiticbften ©teine in ber Strone ber Sblijfion, bafj fie fid) aucl) in biefem
©tiict als bie SBobltbaterin ber SSölter beroiefen bot, inbem fie ben
Slnftofj jur Slnroenbung ber europäifdjen §eilfunft unter ben Speiben ge-
geben bot unb ba babnbvecbenb Porgegangen ift. SZur roäre eS ein
nerbängnifjooller grrtpum, roenn fie ftatt oon ®otteS SSort Pon biefem
SJZittel menfcblicber §eilfunft ben §aupterfolg in bem SBerfe ber 93e-
Tebruug erroarten roollte. 2)ie ärjtliaje fDZiffion bat nur bann eine S3e-
beutung, roenn fie ficb immer nur als ©ienerin unb ©ebülftn ber
ePangeliftifdjen Sbätigfeit artfiettt. Silo folcbe fann fie atlerbings ©rofjeS
leiften unb bot befonberS in ben ber europäifdjen Stultur fonft Per-
fdiloffenen Sänbern roie Slafdjmir, ©bina tc. fdjon grofjeS geleiftet.
SDlandje fDiiffionen Perbanfen, roie (StjriftlteEt nacbroeift, ber ylrbeit oon
STJZiffionSärjten itjre ©utftebung. gaft alle 93ertd)te finb Pott baoon, mit
»eldjer greube unb ©sanfbarfeit gefdiiclte fDiiffionSärjte bou ben Reiben
aufgenommen unb geebrt roerbett. SSenn man nun bebenft, rote roeit
gerabe in ©eutfdjtanb bie mebtcinifdje SBiffenfdjaft dorgefctjrtttert, unb roie
grofj l)ier ber Ueberflufj an Werkten ift, fo mufj man es tief beflagen,
bafj ©eutfdjlanb fid) biSjefet au biefer SiebeSarbeit fo Wenig Beteiligt
bat. ®ie ®rünbe bafür finb nabeliegenb. „Sie liegen norneljmlid) in
ber §errfdjaft eines naturaliftifdjen ©eifteS innerbalb unferer meDici»
nifdjen gafultäten", innerbalb jener Streife, für bie baS fneiaj ®otteS
ein tobtet begriff ift. gn biefer 4?infidjt fdjeint eS auf ben englifdjen
Uninerfttäten bod) beffer ju fteben als bei unS. Slber fotlte man nidjt
erroarten bürfen, baff, roie in anberen Streifen fo audj unter unferen
ÜDiebicinern bie fDZiffionefadje anregenb unb erroedlid) roirfen fann?
©briftlieb roeifj fdjon oon einigen grüdjten feiner ©djrift unter ben
jungen SUiebitinern ju rebett. ©eSbalb ift berfelben eine redjt roeite
SSerbreitung ju roünfd)en befonberS audj unter ben SDcebicinern.

©er SSerf. ift ein rooblberoanberter gübrer burdj baS ganje ®ebiet
ber arttlidjen SJZiffion. ©r fütjrt unS im erften %i)tit feiner ©tbrift bie
@efd)idjte unb ben Umfang berfelben Por, im jroeiten Sbeil itjr allge-
meines 83ebürfnijj unb ibren großen SSertfj unb im britten ttjrc SDZetbobe
unb bisbettgen ©rfolge. ©in reidjeS SJZaterial roirb bem Siefer ba ge-
boten, mandje ©djilberungen j. 83. über ben (Srfotg ber SJZiffionSärjte
finb fetjr intereffant. Stur eines babcn wir in ber ©arfteüung Bermifjt.
©er SSerf. ftüüt fid; Porroiegenb auf englifaje Quellen, ©ie ©nglänber
finb aber befanntlidj audj in 83ejug auf bie SOtiffion grofj in ber ggno-
riruug fremben SSerbienfteS. ©aS tjätte ber beutfdje SSearbeiter ergänjen
fotlen. Slber baS bat er nur fetjr unOoUftänbig getban. ©S ift nidjt fo,
roie er fagt i@. 9), bafj ber amerifanifcbe Dr. fßarfer ber erfte SDZiffionS-
arjt mar (1834), fonbern fcbon bunbert gabre früber rourben Pon §atle
auS erft Lic. med. ©djlegelmildj unb bann Dr. ©nott als „fDZiffionS-
medici" nadj ©ranfebar gejanbt (1730 unb 1732). 83iS jum Slnfang
biefeS gabrbunbertS traren SDlijftoiiSärjte roie SJZartini, Stlein u. a. in
©runfebar tbätig. @S unterliegt rool feinem groeifel, bafj audj bie
boUänbifdjen fDZiffionen unb bie berrnbuter SDciffion im Porigen gabr»
bunbert, lange et)e eS eine englifaje SOtiffion gab, auf biefem ®ebiete
gearbeitet baben. ©bcnfo foUte bei Slufjäbtung ber vlnftalten für 2luS«
fätjige baS üluSfäßigen-SIftjl ber ©ofjner'fdjen SDciffion in Uobar-©agga
in ©enlral-gnbien nidjt oergeffen fein. SJZodj bemerfen roir, bafj bie
Ueberfefjung beS englifdjen SöorteS: „dispensary" mit „Slpotbefe" trojj
ber ©. 12 beigefügten ©rflärung bodj immer mifioerftänbüdj bleibt.
S3effer fdjiene unS ber SluSbrud: „Slerätlidje ©tation" ober Sßoli-
flinif. Söodj biefe Deinen SluSfteüungen foUen unS nidjt abbalten, unS
bem Sßunfdje beS S3erf. anäufdjliefjen, bafe biefe ©djrift bajit bienen
möge, bafj audj in ®eutfdjlanb fidj mebr Slugen öffnen für bie grofje
SEBidjtigfeit biefer ©adje, unb mebr §er^en unb §änbe jur SDZitarbeit
an biefem gefegneten 3Berfe roillig roerben. — m —

©djncbermann, Lic. Dr. @eorg, ®aS moberne libriftentftum, fein 8tedjt
unb fein Unredjt. ©in Sßortrag, auf ber ®reSbner Sfaftoralconferenj
geljalten unb nadj burdjgüngiger Ueberarbeitung unb ©rroeiterung
in ben ®rucf gegeben. Seipjig 1889, §inridjs (46 ©. gr. 8). 80 SBf.
©ine banfenSroertpe ©abe, bie allen, roelaje ben 83erf. bereits auS feiner
gröfjeren ©djrift: „93on bem 93eftanbe unferer ®emeinfdjaft mit ®ott
burdj gefum ©briftum" fdjäben gelernt baben, roiHfommen fein roirb,
roie fie geroifj benen erroünfdjt fommt, bie biefen SSortrag auf ber ®reS«
bener fßaftoralfonferenj getjört baben. SRadj ben einleitenben Sßorten
über bie befonbere Skranlaffung beffelben fdjilbert ber SSerf. bie ®egen-
roart als eine „UebergangSjeit" roie auf allen ®ebieten beS SJebenS fo
audj auf ben djriftlidj«religiöfen, fobafj man bereits oon einem „mobernen
©briftentbum" rebet im Unterfdjieb Oon ober im ®egenfab ju bem früberer
Seiten, gntoiefern man mit fRedjt ober Unredjt bon einem foldjen ©briften-
tbum fpredje, baS ^u unterfudjen ift eben bie Aufgabe biefer ©djrift. gn
Ilarer unb au innerer jjuftimmung nötbigenber, mit geroiffem §umor Per-

BunbenerSSarftetlung roirb junäajft auSeinanbergefefct, roaS unter „©briften-
tbum" unb roaS unter „mobern" ju Perfteben fei, um bierauS eine ®efi-
nition für „moberneS ©briftentbum" ju geroinnen. SDer SSerf. meint
bamit nidjt etroa eine 33erleugnung ber su allen getten unb für alle
SDJenfdjen gfeidjen ®runbform beS ©briftentbumS, roeldjeS ift „bie ®e-
meinfdjaft ber ®laubenben mit ®ott burdj gefum ©briftum", fonbern
eine burdj bie ©egenroart unb ifjre befonberen SSertjöltntffe bebingte 9lrt ber
93etbätigung berfelben. ©ofern fid) biefe 9Irt Bon ber früberer geiten
unterfdjeibet unb erft in ber Sfeujeit gebilbet bat bej. nodj weiter auSju«
bilben im 83egriffe ftetjt, fann man fie „moberneS" b. i. „neuteitlidjeS"
©briftentbum nennen, unb fofern barin baS eigentlidje SBefen beS ©briften-
tbumS geroabrt bleibt, ift fie ebenfo beredjtigt roie baS ©briftentbum Por-
bergebenber geiten, eS ift eben audj ©briftentbum, „moberneS ©briften-
tbum". SIZidjt beredjtigt aber ift bie einfeitige 83etonung beS einen ober
beS anberen gaftorS Pom „mobernen ©briftentbum", wobei entroeber baS
©briftentbum SlZebenfadje roirb, inbem man bor lauter 83erounberung ber
mobernen ©rrungenfdjaften, namentlidj ber naturroiffenfdjaftlidjen, feinen
Silatj mebr für ben djriftliajen ©tauben bat, roie baS bünfeltjafte 83i(bungS-
pbiliftertbum ber Steujett genugfam jeigt, ober wobei man mit ber
„mobernen", ber „SlZeu"-geit in Stonflift fommt, fie ungereajt bebanbelt,
inbem man atleS nadj ber ©djablone frütjerer galjrbunberte beurtljeilt,
unb Bon ibr nidjt mebr berftanben roirb, oft jum grofjen ©djaben für
baS religiöfe Seben. @S fdjliefjen fidj baran intereffante ©rörterungen
über bie römifcbe gorm beS ©briftentbumS, über DrtboboriSmuS unb
StonfeffionaliSmuS, SläietiSmuS unb SDZetbobiSmuS unb über baS „politifdje
©briftentbum", roeldjeS überaus jutreffenb djarafterifirt ift. ®od) man
lefe felbft! „SIZidjt eine abfdjliefjenbe ober audj nur atlerfeits befriebigenbe
SÄntroort" roitl ber 83erf. geben, unb man fönnte rool über biefen unb
jenen SjSunft mit ibm redjten, aber SFZef. mufj gefteben, bafj er baS ©anje
mit grofjer 93efriebigung gelefen unb baS eingangs gegebene Urttjeil mit
gutem ©runbe gefällt bat: „@ine banfenSroertbe ©abe", Pon ber roir
roünfdjen, bafj nidjt nur redjt Diele Sßaftoren fie grünbtidj ftubiren, fonbern
ganj befonberS audj bie gebilbete Saienroelt fid) bamit befdjäftige. SBie
ber 83erf. mandjem %tieo\og;en auS ber ©eele gefprodjen bat, fo roirb fein
SSortrag geeignet fein, mandjem Haien in bie ©eele ju fpredjen, nämlidj
ibn auf9uforbern, einmal ernfttidj ju prüfen, ob benn nidjt „mobern"
unb „©briftentbum", beibeS redjt Perftanben, fidj febr roobl miteinanber
bertragen, ebe er Bieöeidjt baS letztere Bertoirft unb bamit ben beften .Spalt
unb Stroft feines SJebenS.

©. __. %

SSaltber, Dr. gr., IBiffenfcbaft ober 6b"ff«ntum? SBer benft ftbärfer?

©in Slufruf an bie ©Jenfenben in beiben Sagern. ©tuttgart 1889,

Sfoblbammer (IV, 113 ©. 8). 2 STJZf.
gnbem ber SSerf. ficb üur Sfufgabe fteüt, ben Slnfpruä) berjenigen
SZBiffenfdjaft, roeldje baS ©briftentbum Berroirft, auf reine Dbjeftioität
baburdj ju Befämpfen, bafj er geigt, roie baS ridjtige SBenfen oon einer
möglidjft frütj beginnenben ©rjiebung jum fBenfen abbänge, unb bafj
biefe ©rdeljung lebiglidj baS ©briftentbum ju leiten Oermöge, fetjt er fidj
oiclfadj in 33erübrung mit ben SluSfübrungen berer, roeldje einerfeitS
baS fittlidje unb fubjeftioe SDZoment im SäSiffen befonberS ber SSorauS-
fefeung gegenüber betonen, bafj eS ein Bon allen fubjeftioen ©inflüffen
unberübrteS Süjiffen gebe, anbererfeitS bem SäMterfennen baS SHedjt ab-
ftreiten, eine umfaffenbe SBeltanfdjauung als reines ©rgebnifj biefeS
©rfennenS feftiuftetlen. greilidj, eS banbelt fidj eben audj nur um 83e-
rübrungSpuntte; benn im ganzen ift ber SBeg beS SSerf. bod) ein ganj
eigentbümlidjer. ®er 83egriff beS ©ittlidjen unb 9Zeligiöfen tommt in ber
ganjen ©djrift nidjt bor. ©S ift rool biet Bon perfönlidjem gntereffe bie
Diebe, bem baS ©briftentbum entgegenfomme, unb baS inSbefonbere bei
ben Sinbern fidj rege, aber biefeS Berfönliaje gntereffe roirb bodj in
einer SBeife gefafjt, bei welcber nidjt ertjeUt, bafj baffelbe audj SluSbrud
beS fpecififdjen menfdjlidjen SBertbgefübleS ift allem bloS Singliajen unb
©adjlidjen gegenüber, eines ©efüjleS, obne roeldjeS eben baS ©tttlidje
gar nidjt möglidj roäre. 5)aS ©briftentbum felbft fdjeint feinen Söertb
toefentlidj barin ju baben, bafj eS riajtig benlen lejrte. SCBaS wäre
geworben, ruft ber SSerf. (©. 104) auS, roenn nidjt gefuS pon Slajaretb
Bie griedjifdje SBelt auf bie allein baltbare, beredjtigte unb roabre ©)enf-
roeife bin gejroungen tjätte, bei roeldjer bie ©ebanfen planmäfjig unb
beroufjt auf baS logifdj unentbebrlidje menfdjlidje S3ebürfmfj aufgebaut
roerben? ©eroifj roirb ber SSerf. nidjt gemeint fein, baS SSerbienft beS
©briftentbumS auf biefe Seiftung gerabe befdjränfen ju wollen, obgleidj
er nidjt auSbrüdliaj audj auf anbere b'uroeift, unb eS Würbe fidj ja rool
audj jeigen laffen, bafj bie SBiffenfdjaft, roeldje itjrer ©adjlidjteit fidj
rübmt unb bie ©batfaojen gegen baS ©briftentbum meint ins gelb fübren
ju fönnen, tbatfäajliaj in SSlbbängigfeit oon ajriftlidjen SSorauSfefeungen
ftetjt. SlHein ber SSerf. ift in feinem Sforgeben entfajieben ju ftürmifdj.
Säegriffe Wie SSatergott nnb ©obn ©otteS treten jn unoermittelt auf;
Weber bie SBiffenfdjaft ift ibrem Dbjefte, nodj baS ©briftentbum feinem
SBefen nadj djarafterifirt, unb fo bürfte ber ©rfolg feiner rooblgemeinten
Sfirooofation bodj ein jroeifelbafter fein. SSieKeicbt würbe ber SSerf. für
feinen eigenen fpecieüen ©ebanfengang mebr Sllartjeit geroinnen, roenn
er Porläufig baoon ausginge, bafj neben ber äufjerlidjen ©bat)äd)Iidjfeit,
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