Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

10.1889

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be« »Rationati« mu« in furaen SBorten bejetdjnen, fo mürbe idj jagen:
9Rationali«mu« in bem allgemeineren Sinn ift biejenige 9Beltanfd)auung,
roeldje bon einer fpecififdjen SBirffamfeit ©otte« im religiöfen ©ebiet im
Unterfdjieb com allgemeinen SBeltroirfen nicht« roeifj, welche baper ent«
tneber nur Bon einem religiöfen S3ert)atten Des- SJcenfdjen ju ®ott roeifj,
bem fein fpecipjdje« SJerpalten (SotfeS «tm »Jtenfdjen entfpridjt, ober
Welche ba« SSirfen ©otte« auf ben »JRenfdjen nur als 3ngrebien«
be« allgemeinen SJJirfen« ©otte« in ber SBelt anjufepen Bermag. SBer
bie »Ritfdljdje Sltjeotogie genauer beobachtet, fann fidj be« Einbrud«
nicht erwehren, bafj fie gerabe in biefer Sjejiepung einer eigentümlichen
3roeibeutigfeit fiep fdjulbig macht. Sllle Weufjerungen laffen ficfc) fo beuten,
bafj e« ficb immer nur um einen 93erfebr be« Ehriften mit ®ott, nicbt ©otte«
mit bem äTcenfajcn banble, um eine SSeurtrjeilung unb Sluffaffung be«
allgemeinen SBirfen« ©otte« in ber SBelt in einer eigentbümlicben Stich*
tung, unb fo febr bie Offenbarung ©otte« in Efjtifto betont roirb, fo jeigt
bie näpere ©djitberung bodj immer roieber nur foldje 3üge Bon ©fjriflo,
roelcbe fein religiöfe« Sjerpalten, feine Stenrtheilung, feine Slbfid)ten unb
$roetfe jum Slu«brud bringen, im übrigen aber bie SJerfon ©fbrtftt unter
bie leitenbe SJorfepung ©otte8 ftellen, unter ber alle ®inge überhaupt
ftetjen.

9Radj bem au« Saftan Slngefübrten barf tnol Bon biefem Xbeologen
gefagt merben, bafj er biefe ffroeiDeutigfeit entfebieben überrounben unb
ein JRedjt bat, Bon bem 9Serbaajt rationaliftifcber Entleerung be« Pibriften*
glauben« lo«gefproeben ju merben. CS« mag ja altmobifdj flingen, roenn
iaf befenne, bafj mir immer nodj bie SBuitberfrage al« bie entfdjeibenbe
für ba« SBefen be« SRationali«mu« erfdjeint, aber menn ba« SBunber eben
Slu«brucf für ein fpecififdje« SBirfen ®otte« innerbalb ber allgemeinen
SSelterbaltung unb SBettregierung ift, mie ein foldje« für ben ber eigen*
tbümlidjen ®emeinfcbaft mit ®ott bebürftigen religiöfen SJtenfdjen S3e*
bürfnifj ift, fo roirb biefe SBertpung ber SBunbcrfrage bocb bieKeinjt Ber*
ftänblicb fein. Slaftan roeift nun Bon feinem empiriftifcben ©tanbpunfte
au«, auf bem er ben Stegriff be« »Raturgefefee« für eine fubjeftine 9lb«
ftraftion ju erTiaren geneigt ift, bie ffrage in "nc Slnmerfung. 9lflein
inbem er biet" @. 433 fagt, bah, mir an ber Sßirfliäjfeit ber biblifdjen
SBunber ba« gleiche roefentlidje 3ntereffe nehmen mie an bem aufjerorbent«
Itdjen Eparafter ber Dffenbarung«gefdjidjte überhaupt, fo gibt er un«
bamit ba« SRecbt, ibn audj nach bem eben geltenb gemadjten iütafjftab bon
bem ffrei« Bon Sfjeologen abäufdjeiben, bie entroeber bireft biefen aufjer«
orbentlicben (Sbarafter leugnen ober fidj in biefer ©adje fo gerounben
au«fpredjen, bafj man ben Piinbrud bat, al« betrachteten fie ben SBunber«
djarafter be« Ebriftenthum« gemiffermafjen für eine partie honteuse, bie
man nicbt in ben SJorbergrunb rüden bürfe.

93ei biefer allgemeinen un« fpmpatljifdjen Stellung, bie ffaftan ein«
nimmt, ift e« audj natürlidj, bafj bie 2BabrJ)eit«elemente ber SRitfcblRdjen
Xbeologie, roelcbe er geltenb maebt, un« annehmbarer erfdjeinen, al«
mo biefelben in SSerBinbung mit berbädjtigen tbeologifcben SlufftelTnngen
anberer Slrt un« entgegentreten. ®ie fdjarfe SJetonung be« roefentltäjen
Unterfdjiebe« jroifdjen ben SJRitteln tbeologifdjer unb profaner (Srfennt*
nifj mufj al« febr bebeutfam anerfannt merben, menn Sief, aud) gegen
bie Borgefdjlagene fcbtechtbfnige Trennung feine 93ebenfen tmt- »coaj
mehr Berbient Biele« anbere, ma« Raftan nidjt ber ÜErabition ber ©djute
entnommen bat, Bollen SJeifaH. 3°-) roitl j. 93. nur eine« berBorijeben,
ma« id) fcfjort in ber Slnjeige ber erften Sluflagc beröorbob, bie 93e«
urtbeilung ber „mobernen" Sbeologie, mie fie burd) unfere tbeotogifcbe
Sinfe Bertreten roirb, al« eine« SJrobufte« be« religiöfen Scaturtriebe«,
mie ficb berfelbe audj in aufjerdjriftlidjen (Srfdjeinungen geltenb mad)t.
Sin einer febr erbeblicben Slnjabl Bon SSunften mirb ber ben tbeologifcben
©tanbpunft be« SRef. im allgemeinen tbeilenbe Sefer angenehm über*
rafdjt burd) fRefultate, ju heuert ber Sßerf. Bon 9lu«gang«punfteu an«,
bie ben eigenen gegenüber etroa« frembartig erfdjeinen, gelangt, unb bie
fid) bod) mit ben felbftgemonnenen Ueberjeugungen beden; unb aud) ba,
mo man nidjt übereinftimmen fann, feljlt e§ nidjt an bead)ten«roertben
®efidit«punften.

SBenn mir bennodj nidjt nur gegen einjelne SluffteKungen be« S>erf.
unfere 93ebenfen baben, fonbern in gcroiffem ©inne gegen ben ganzen
©tanbpunft, ben er einnimmt, fo möchten mir ba« in ber hier gebotenen
Sfüräe an einzelnen 93eifpieten Begrünben. ®ie ©djrift jerfäHt in jmei
2:be'le, mie fie im Stitel gemiffermafjen febon gegeben finb; fie banbelt
juerft Bon bem SBefen ber Sieligion überhaupt, bann Bon bem (Sbriften»
tbum in«befonbere. Qm erften i.t)äk bemüht fidj ber 93erf. äunürbft um
©rmittelung ber richtigen fDcetbobe für ®eminnung eine« fUeligion««
begriffe«, ber auf alle »Religionen anmenbbar, bodj bie SRöglicbfeit übrig
laffe, ba« fpeeififebe SBefen be« ©tjriftentljumfe. im Unterfdjieb Bon allen
anberen geltenb jn machen. ®r Berfcbmäbt e«, bon einem Borau«ge*
festen SBefen be« SRenfajen ober bon ber pfpcbologifcben (Srfabrung au««
jugeben, fonbern, um ju feinem 3iel ju fommen, roill er bie @r«
fdjeinungen be« religiöfen Seben« befragen, unb fommt babei ju bem
Srgebnil, bafj e« ficb in ber »Religion überall um SQlerttjurtljeile banble,
b. b- nicht um objeftiBe Sluffaffung ber SBelt, fonbern um unfere per«
fönlidje ©tellung ju ber SBelt (©. 46). PS« banbelt fidj in ber »Religion
in erfter Sinte um ®üter unb Uebel, roeldje erftrebt be^ro. geflohen
merben (©.48). ®a« eigentlich CSbarafteriftifdje für eine »Religion ift

ba« ®ut, ba« fie barbietet, fo febr, bafj Slaftan banacb bie PSintbeitung
ber »Religionen madjt. 3)a« nädjfte »JtotiB ber »Religion ift überall bie
allgemein menfdjlicbe Erfahrung, bafj ber in un« entroidelte Slnfprudj
auf Sehen in einem 3Jiifioerbältnifj ju ber Sfefriebigung bleibt, bie mir
felbft ihm ju Berfajaffen im ©tanbe finb (©. 69). danach merben benn
bie »ieligionen cjettjeitt in foldje, roeldje nur innermeltlidje ®üter er«
ftreben, unb in foldje, roeldje Ein büdjfte« übermeltlidje« ®ut fudjen.
®ie erfteren jerfallen roieber in Siaturreligionen unb 93oIf«religionen,
b. b- in foldje, roeldje lebiglidj einjelne inbiBibueüe ®üter erftreben, unb
in foldje, roeldje ein fociale« ®ut fudjen unb ®ott ober bie ©öfter al«
©djütjer biefer allgemeinen fittlidjen Drbnungen fueben. SBie anbere
Maffe tbeilt fidj in bie BoHenbete Bergeiftigte »taturreligion, roeldje in
ber mbftifdjen SJerfenfung in @ott ba« bödjfte Elut fiebt unb bie Offen»
barung«religion, roeldje gemiffermafjen al« Bergeiftigte 9Jolf«religion ein
überroelttittje« ®otte«reiaj fudjt (S. 80. 81).

SBir gefteben nun, bafj roir un« in biefe Sforanftellung be« Qntereffe«
an einem ®ut bei ber »Religion nidjt finben fönnen, ja bafj ber ganje
®ebanfe eine« SRadjroeife« ber Eutftet)ung ber »ieligion un« in gcroiffem
©inne jroeibeutig erfdjeint. Jjerm. Sdjinibt.

ßippert, SBolbemar, 25ie Sierfafferfdjaft ber Eanonen gallifdjer Eoncilien
be« V. unb VI. 3abrbll"bcvt«. (Sonber*Slbbritd an« bem „»teilen
Slrajio für ältere beutfaje ®efajiajt«funbe". 93b. XIV (1888),
©. 10-58.)

®er 93erf., ber bereit« mit feiner 3naugural*®iffertatiou „®efd)iajte
be« roeftfränfifdjen »Rcicbc« unter fiönig »Rubolf" (Seipjig 1885) ba«
®ebiet ber fränfifdjen ®efdjidjte mit ®liid betreten bat, bietet in ber
Bortiegenben Slbljanblung einen roernjBoHcn 93eitrag aur Jlenntiiifi ber
fränfifdjen foncilieu. 93ei ber Sfebeutitng biefer SSerfaminluugen unb
ihrer SCefdjlüffe für bie Berfdjiebenen ©eiten be« firdjlicbeu Sehen«, j. 93.
bie 93ubbi«ciplin unb ba« Seiräjenreajt, mufj bie ffeftftellung ber Ent»
ftebung«jeit unb 93erfafferfdjaft ber un« erhaltenen 93eriajte oon SBidjtig«
feit fein. ®er SJerf. unterfuäjt bie lleberlieferung, bie banbfdjriftlidj
bi« in« 9. Sjabrijunbert jnrüdgebt (©. 17 ff.), unb gibt einen Slbbrud
ber erhaltenen Slufäeidjnungen, Die f. g. Adnotatio de synodis (S. 25 ff.).
®iefe enthalten neben bem Sfamen be« ffoncil« Slngaben über bie Sin»
aabl ber 93ifäjöfe, rool audj ber Sln^aljl ber ^um 93efdjlufj erhobenen
Canones. ®abei ftcTjt ber Starne be« 93erfaffer« mit ber fteljenben ffarmel:
quorum auetor maxime . . extitit. Seiber ergibt bie fritifdje SJrüfung
biefer Slngaben, roie roenig ftidjbaltig fie finb. S5erroiefen fei Ijierju
namentlich auf bie 9lu«fül)rungen ©. 30 ff., roeldje infofern nodj Bon
Jfntereffe finb, al« fie über eine »Reibe gatUfdjer S3ifdjöfe intereffante
fDiittbeifungen enthalten. ®en ©djlufj hüben flroei E;rfurfe: ber eine
(©. 48—50) bietet „93emerfungen über ben ©pradjgebraudj einzelner
fioncilien", roäljrenb ein jmeiter (©. 50—58) „ffur Vita S. Melanii" auf
®runb eine« farl«ruber Eobej bie Entftebungö^eit biefe« Heiligenleben«
im ®egenfafc jur bi«berigen Slnnabme frübeften« in« 9. gjabrbunbert Ber«
legt. _ ©. ^H.

3Rictfdjel, D. ®eo., Sutber unb fein Hau«. SDRit jroei Holjfdjnitten.
(Schriften für ba« beutfaje S3olf, brfg- oon: Slerein für »Reformation««
gefcbidjte.) Habe a. ©. 1888, SRiemeper in Eomm. (58 ©. 8). 20 tBf.
E« mar ein glüdlidjer ©ebanfe be« Sierein« für 3Reformation«gefdjidjte,
auber feinen mehr roiffenfüjaftlidjen SJrbeiten audj „Sdjriften für ba«
beutfaje Siolf" berau«jugeben, unb jroar au einem fo billigen Sireife, bafj
fie für SRaffcnberbreitung unter bem euangelifdjen Siolf geeignet feien.
Unb beffer unb fdjöner b«üen biefe Sieröffeutlidjungen nidjt eröffnet
werben fönnen al« mit oorfteljenbem ©djriftdjcn yRietfajel'«. 3n l)öajft
anfdjaulidjer SBeife merben roir in Sutljcr'« bäu«Iidje« Seben nadj allen
©eiten eingeführt. Sutper felbft roirb einem nur um fo lieber unb
roertper, menn man ipn im Sireife ber ©einigen unb ber ©enoffen unb
greunbe be« Haufe« fiept; unb ift audj Biele«, ma« ba« ©djriftdjen
bringt, nur bereit« SIefannte«, fo lieft man bodj and) ba« 93efanntc nur
mit immer neuer ffreube. SBenn man fiaj aber ben ungemein grofjen
Hau«ftanb mit allen ben ®äften :c. Bergegenroärtigt, ben Sutpcr'« ©ut»
mütpigfeit in feinem grofjen früheren Stlofter füprte, fo befommt man
»Refpeft Bor ber Hau«frauentüajtigfeit uub Slrbeit feiner Stätpe, roeldje
ein fo au«gebepnte« H^u^mefen 0u leiten uub ju oerforgen pattc. ®ie«
alle« ift Bom SJerf. au« feiner genauen Slenntnifs be« Einzelnen peran«
bödjft anfdjaulidj unb anfpredjenb gefdjilbert. »Ref. pat ba« ©djriftdjcn
im Streife ber ©einen mit größter ffreube gelefen unb ift überzeugt, bafj
e« überall mit gleichem SBoplgefaHen gelefen roerben roirb. E« eignet
fidj Bortrcfflidj ^u abenblidjer rfamilienleftüre unb bei ber ungemeinen
SBoplfeilpeit be« Streife« ju roeitefter SJerbreitung in ben ©emeinben. E«
fann unferem SJolfe nur bie fyreube an feinem größten ©opne mepren
unb befeftigen. PJn folajer umfaffenben SJerbreitung fei e« benn aud)
hiermit auf ba« SBärmfte empfohlen. cj. fs.

Oncfcn, Dr. SB. (tßrof. an btt Uni», in «iefien), ßutper'« fortleben in
Staat unb Siolf. SJortrag, gep. auf ber Houptbcrfammlung be«
eßang. 93nnbe« in ®ui«burg am 14. Slug. 1888. SJerlin 1889,
»Reutper (35 ©. gr. 8). 50 Stf.

3n begeifterter »Rebe feiert ber befaunte, für bie SJeftrebungcn be«
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