Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

10.1889

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Ht, 12, tt\m, *** 22. Jlarj 1889,

PrEt« BiErfElfäßrlinj 1 Mh. 25 Jg)f. «,.r,*.„i™« t,.*,m «**m»m ft— I CExpEiiifton:

JnrErRDnagEbüf,rpr.0Elp.)E.Efif?EUE3opr. -* <&X*tW l**tn Zxttttf * llnl*»*««* »r. 13.

Hut IHeligionäBBdolotrtjie unb SlBotogrtif. I. I XttÖf, SEI|., Seo XIII. unti fein 3ttbiläum.
SJIDBcrt. SB., SDte aSerfafferfcfjnft ber Ballonen gan. «rüget, Dr. D., Ue6erfitf)t bet Sitctjeiifjefctjitfjtc.

Eoncilien be« v. unb VI. gafjtfjimbett*. Mvrtiilimiiv. j}., 9iciijaf)täarüfir au« ©ottcS SBort.

91ici|d)el, D. ©ico., fiutbet unb fein paus. püblet, Dr. 89., Sie rritgiofe Brjirtjuttg b. ffinbet

Encfrn, Dr. SB., üutbcr'S gortleben in Staat unb aub gemifditen (Stjen.

Sßoir. Sinuc 18., SKSaä ift bas ©lütt beb Sebenb?

SScber, Lio., 33ie fociale Dtganifatiott b. römifcfien

Matliollcibmub in 3Seutftt)tanb.
Sfieuefte tticologtictic Siitetatut.
Unibetfitätbfcijtiften.
fteitftiitiften.
SBetfdficbeneS.

Um ungefaumte Erneuerung be§ 2lüouucmcut8 erfüllt btc $crl(tgäf)imblung.

3ur Ucltgtonspljilofopljic unb Apologetik.

i.

8» Den, fragen, welche btircii bie SRttfcRrfcRe SHrt ber SEbeologie wieber
neu in SBeweguug gefotnmen finb, gehört aud) bie naef) bem SIBefen ber
SReligion, bie ja einft für bie ©djleiermadierjcbe SEßeotogie fo bebeutjam
geworben mar. 2Iud) fjier fud)te fRitfdjl eine neue Sluffaffung zu begrünben-
5$ieUeid)t bie bebeutfamfte Eon fRitfdjPd ©runbgebanfen audgeßenbe SBe»
oibeitung biejer ft-rage bütfte bie in zweiter Slnflage Botliegenbe ©djrift Bon
¥tof. D. Qul. ffaftan fein: „$ad Sffiefen ber diriftiid)en Religion"
(Safe! 1888, ©etloff [VI, 490 ©. gr. 8] 8 SJlf.).

SEie erfte vluflagc biefer ©ajrift tjat SRef- nad) itjrem ©rfdjeinen an biefer
Stelle angejeiejr. SEa nun ber ©ianbpunft bed SSerf. bei biefer zweiten
Auflage fid) ebenfo g(eid) geblieben ift wie im roefentlidjen bie SRefultate,
?u benen er fommt, fo Wäre ed bem SRef. BieUeidjt geftattet, fid) auf biefe
frühere Sfnjeige in Stürze zu belieben. SHUein nidjt nur mürbe biefe Se-
banblung bod) faum ber SBebeutung entfpred)en, welche ber ©cßrift ju»
fommt, jofern fie, obgleich nad) ber Slnlage bed ttjeoTogtfcfjen ©rjftemd bed
»Berj. bie SEogmatif erft ein britter %t)eil märe, bod) fdjon alle roefent'
lidjen bogmatifcheu fßuntte jur ©pradje bringt, unb jmar in einer unleug«
bar fc()r anregenben unb oiclfad) originellen Sßeife. SRodj mehr muß zu
etmad eingehenber Sleußcrmig bie Stellung 2(nlaß geben, rceldje ber SBerf.
in beut bogiuotifehen Stampf ber ©rgetiwart einnimmt, unb bie erft in ben
SBerhanblungen ber legten 3"aßre bei ihrer ©igentbümliajfcit beutlid)er
jum SBcwußtfein fam. ffaftan roirb allgemein ber SHitfdjPfajen ©djule
ZUgereajnet unb hat meined SBiffend gegen biefe guredjnung nje fßroteft
eingelegt; aber bennodj unterfajeibet er fid) Pon ber Sluffaffung ber SBog»
matifer, bie mir ald bie intimeren Sßertreter ber ©djule anjufehen ge«
rcohnt finb, in fehr roid)tigen fünften, bie und anberen an biefer neuen
SEßeoIogie ganz befonberd bebeuflidj erfdjeinen.

SEer giifammcnbang ber RitfdjPfajen ©ajule tritt und bei ffaftan bor
allem in methobifdjer .jjtnfidjt entgegen, in ber SJlbwetfung aller philo»
fophifrhen SBoraudfeßungen unb bem SBerfudj, einen rein empirifdien 2lud-
gangdpnntt ju gewinnen, in ber fchroffen ©cheibung jroifd)en ber natür«
Htfjen 3l!cltbetrad)tnng unb ber religiöfen, 0roifdjen ber faufalen unb teleo-
logifdjen, ben ©eindurttjeilen unb 2Bertl)iirtheilen, in bem fBeftreben, bie
bogmatifd)e 9Irbeit bor allem burdj 2Ibmeifung Bon fragen ju erleichtern,
bie bem unmittelbaren religiöfen ^ntereffe nicht entfpred)en. ®iefer for»
mellen SSermanbtfchaft entfpricht ed, bafe aud) ffaftan im »Begriff ber
fÄeligion ald bad roefentlidiftc fücoment bod perfönlidje ^ntereffe herBor--
hebt, baß er bei fBefdjreibung bed materiellen SBefend bed PXhrtftenthumd
ben begriff bed fReiched ©otted poranfteHt unb benfelben bem ber ©r»
löfnng unb S3erföl)nung überorbnet, ben legieren felbft aber mit fRitfdjl
ald Ronfequenj ber fRechtfertigung anfiegt; baß er auf dfriftologifchem
©ebicte bie Qbee ber SOcenfchmcrbitng befämpft unb bie fßräeriftens für
gleichgültig angefeßen miffen roiU, ebenfo in ber trinitarifchen ©pefulation
Iebiglid) frembattige, anßerdjriftlirbe ©tanbpunfte roirfiam fießt, im SEobe
Eßrifü bor allem eben nur bie Offenbarung ber Bergebenben Siebe ©otted
Ettennt. 33efonberd erinnert an ben 8ufantmenßang mit fRitfcßl ber leb»
hafte tßroteft gegen mßftifdje Kontemplation unb falfdje üldtefe, in welchen
cformen bed religiöfen Sehend er Bor allem ben ©influß ber fRaturreligion
erfennt. 9(udj fein Urtßeil über bie fReformation, bie in ben SRitteln,
m't benen fie bie ©rneuerung bed ©hriftentßumd herbeizuführen Berfucht
habe, noeß im fBanne fatßolifdjer Sdjolaftif fteden geblieben fei, meift

2ludfage über einen fEßatbeftanb mit entfdjiebenem vlnfprud) auf objeftiüe
©eltung, Wenn bie SRittel, burdj welche biefed Urtßeil erreicht ift, aud)
anbere finb ald bie, Welche, auf bem ©ebiet ber äußeren ©rfaßrung an«
geroenbet, fdjließlidj ben anberen zur Slnerfcnnung eined Urtßeild zwingen
fönnen. 3n gufammenßang bamit fudjt er ber ©efaßr eined Slualidmud
Bon pßilofopßifdjer uno tßeologifcßer SBahrßeit baburdj Borzubeugeu, baß
er ber erfteren beftimmter, ald ed im allgemeinen z« gefajeßen pflegt, ißr
ainrcajt an eigentßümliaje SBeßanblung ber ber religiöfen »Betrachtung
Bovbeßaltenen ©ebiete beftreitet unb, inbem er bie teleologijdje »Betrachtung,
ald bie ber SBernunft, ber faufalen ald ber bed blofen »Berftanbed ent«
gegenfteKt, unb ber SBernunft aud) bie Söfung Oon -Problemen, bie ber
»Berfianb fteHt, wie bed auf mcnfdjlidje fjreißeit, ben Urfprung bed SBöfen
bezüglichen zuweift. fRocß bebeutfamer finb bie 9tbmeid)ungen in materieller
SBezießung. ©cßon baß bie Grntfteßung ber fReligion nießt aud bem 93e»
bürfniß nach, Jreißeit ber SBelt gegenüber abgeleitet wirb, fonbern aud
bem pofitiBen SBebürfniß nadj Sehen, ift feinedmegd offne SBebeutung. ®ad
religiöfe SBerßältniß erfdjeint fo nidjt in bem SDlaße, Wie bied bei fRitfdjl
ber ffaU ift, bon Pornßerein immer burdj bie SJBeltbezießung bebingt unb
nur ald SEJctttef für Drbnung ber letzteren. ®amit hängt bie reinlichere
©eßeibung ztBifcßen bem religiöfen unb fittlidjen Qbeal zufammen unb
weiterhin bie fotgenreießfte Slbweicßung |oon ber SRitfcßt'fchen Süuffaffnng,
bie SBeftimmung bed SBegriffed bed fReidjed ©otted. Qcß ßabe au anberer
©teüe („Ifeitfcßrift für firdjt. Sffiiffenfdjaft", ffaßrg. 1884, ©. 493) auf bie
SBebeutung ber ©letchfeguug bed ©nted unb bed ©uten bei fRitfdjl hin»
gewiefen. ffaftan madjt mit allem IRaajbrucf biefen Unterfäjieb bezüglich
bed SReicßed ©otted geltenb, bad ald religiöfed ©nt üon bem Qbcal bed
fittlid) ©uten zu unterfajeiben ift. Sltd religiöfed ®ut ift bad SReid) ©otted
jenfeitig, wenn aud) fdjon im SBieffeitd in feinen 9Infängen erreiajbar.
®ad SBefen bed fReidjed ©otted fällt in eine SEßeitnahme an bem
göttlichen PoIIfommenen Sehen, beffen Qngrebiend bann freiließ audj bie
fittlicße SBoÜenbung ift, bad aber boaj nur ©egenftanb ber §offnung fein
fann. SEamit ift allen jenen fjmeibeutigfeiten ein ©nbc gemacht, weldje
in ber fonftigen SRitfajl'fdjen Xßeologie und fo mandjed SBcbenfen bereiten,
ald ob bad ©rieben ber jjreißeit Pon ber SBelt, wie ed in ber ©ebulb,
bem SBorfeßungdglauben 2C. fid) PoHzießt, bad ßödjfte religiöfe ©ut fei, ald
ob bie unfiajtbare ©emeinfajaft aud bem fütotio ber reinen Siebe bie
einzige SBermirflicßung bed fReidjed ©otted fei. gür ffaftan ift ber SBe»
griff bed Ueberweltliajen bon realer SBebeutung, nicht nur SBezeicßnung
bed ©rßabenfeind über bie weltlichen SLRotiPc. ®amit ift benn gegeben,
baß für ffaftan bie üluferftehung ©ßrifti bie Wefentlidjfte SBebeutung ge»
winnt, baß trog feined SJRißtrauend gegen bie ßetbnifdje SfRßftif, er Bort
einer mhftifdjen Söerbinbung mit bem erhöhten ©ßriftud Weiß unb biefen
Bon bem gefdjidjtlidjen zwar nidjt zu trennen, aber zu unterfajeiben leßrt.
©d ift flar, baß bamit bie „©ottßeit ©ßrifti" bei ffaftan immerhin eine
ganz anbere ©runblage gewinnt ald in ber eigentlich SRitfdjrfdjen SEßco»
logie, wo fie immer meßr ald ganz unberechtigte Formel erfannt wirb.
SBenbet fieß ffaftan audj gegen bie Sfjjbee ber SLRenfcßwerbung, fo ßält er
bod) minbeftend ben ©ag feft, baß ed mit ber Sßerfon ©fjriftt eine ganj
anbere SBewanbtniß ßat ald mit allen anberen, unb maajt mit ganz an*
berer ffonfequenz, ald fonft in ber fRitfcßPfcßen ©ajule gefajießt, ben ®e«
banten geltenb, baß ©ßriftud nicht folool ©ubjeft ald Dbjeft ber SRe»
ligion fei.

3m fjufammenßang bamit rebet ffaftan auaj ganz cntfajieben Bon ber

beutlict) genug auf bie vluffaffung ber SRitfrßPicrjen ©ajule unb ebenfo, um | ©inwirfung bed ©eifted ©otted unb ©ßrifti auf und. Um bem Sfolir

"°* cmc" einzelnen 93unft ßeraudzugreifen, tßeilt er bie SBerwerfung bed
©ebanfeng ber ©ebetderßörung mit SRitfd)!.

aurtn faum minber zaßlreiaj finb aud) bie 9lbweicßungen. 3n for.
",cUer f Ziehung ift oor afiem anzuerfennen, baß er ber Bweibeutigfeit,
roeiaie bem vBcqrtff bed „SfBcrtßurthcild" anßaftet, entfcßloffen ein ©nbe

fajemel, auf bem wir, wo ed fiaj um ben SBcgriff ber Offenbarung ßanbelt,
bei fRitfcßl ©ßriftud flehen fegen, neben bem entWeber überhaupt feine
Offenbarung angenommen wirb ober a6er bie atigemeine in fßlato'd ®or-
giad fo gut ald in ben ffkopgeten wirffame, wirb ©ßriftud infoweit ßer«
abgenommen, baß er ald ber TOtttelpunft einer eigentßümlidjen fReiße Bon

mad)t 5End SBerthurtße'il ift nidjt etwa nur bie fubjeftioe SHuffaffung göttlidjen ©inwirfungen unb fffüßrungen erfdjeint. ®iefcr fgunft gerabe
einer ©aaje, beren objeftiBcd 38efen baßingefteKt bleibt, fonbern ift eine erfdjeint und Bon ßoßer prinzipieüer Sffiicßtigfeit. ©oüte idj bad SÖJefeu
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