Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

10.1889

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fid) übereinftimmenb. Denn einmal beißt ed, baß Wobammeb nicbt SBe«
trug geübt babe, unb bad anbete mal: ,,©r änberte feine Bolitif", ober
(©.649) „ber Ißropbet bebiente fid) biefer Sebre, wie ed bie llmftänbe
unb fein Bortbcit mit fid) brad)ten". CEb. Mönig.

gtant, D gr. 91. (©djeimratl), o. Hirof. ber Xfjeol. in gelangen), lieber
bie tireblirbe fSebeutung ber Ibeologie 91. fJlitfebl'«. Konferenz*
»ertrag. fRebft zwei Beilagen, ©dangen 1888, Deitert (IV, 77 ©.
gr. 8). 1. 20.

SReben ber gtitfd)l')d)cn Schule fann man in ber ®egenwart borb nur
ned) in gewiffem SRaße »Dn einer ©rlanger reben; im übrigen geben bie
Dogmatifer ber ©egenwart meift itjre inbioibuetlen SBege, Wenn fid) aud)
eine gereiffe ©emeinfamfeit in OTcttjobc unb ©rgebniffen, »ermöge bereu
fie in zwei große ©ruppen lerfaflen, nid)t »ertennen läßt. Unter biefen
Umftänben erfebeint ed befonberd bebeutfam, roenn ein TOann bad 9öort
im .Kampf um bie neue ©d)ule nimmt, Welcher unbeftritten ald Bertreter
bed Slrcifed »on Ideologen gelten fann, ben man atiein nod) etwa unter
bent Ittel „Schule" jufammenjufaffen ein 9ied)t bat. ©8 ift ja freilid)
nicht jum erften mal, baff fieb graut tritifd) gegen bie 9litfd)rfcbe Ibeo«
logie wenbet; finb bod) bie zweiten Auflagen bed „Spftcmd ber ©ewiß»
beit" unb bed „Snftemd ber Sh>al)vbcit" »oll »on polemifcben Bewertungen
gegen fliitfd)! unb feine Sd)ule. Slber gerabe bie gorm beb fionfereng«
»ortragd bat ben Bortbeil mit fid) gebracht. baß bie Sluöfpradje zu*
fammenfaffenber, überfid)t!id)er jid) geftalten mußte, greilid) Ronferenj»
»orträge, wmigftenö fomeit fie beftimnit finb, bie 5Ritfd)l'fdie Ideologie
im Streife »on ©eiftiirben ja beleuchten, haben »on Vertretern ber letzteren I
»ielfach eine fo abfdjäfvige Beurtbeilung erfahren, bafj graut (ich »eranlaßt ;
fiefjt, zum ©ingaug auebrüdlirh bad gute SRecbt berartiger Befpredjungen |
SU roabren. Um etwaigen Bebcufen geredjt gu merben, bat er nur bie
Aufnahme ber Sü'orte: „lie firchlidje Bebeutnng" »on ber Sitfchrfcben
Ideologie »eranlaßt. lenn, unb hier »errätb fid) ja fdion and) ber
eigentümliche erlanger ©tanbpunft, Ibeorieen, welche ben „Iljatbeftanb"
unfered ©briftenlebend bebroljen, ju beurtbeilen unb abzulehnen, muß
bem ©driften unb bem ®eiftlid)en inebefonberc geftattet fein, aud) ohne
baß er biefe Ibeorieen erft »ötlig Wiffeiifdiaftlid) burd)forfd)t bat (3. 2).
gn ber Iljat »erbient biefer Saß »oße Beachtung. 93ei ber SReigung
eine? großen Ibeild unferer beutigen Ideologie, firctjlidje gonneln unb
biblifebe 9ludjagen gnoftifd) limzubetiteu unb ju entleeren, erfdjeint ißr
jeber Berjud), biefed feinedwegd immer ganz reblidje ©piel öor ben
91ugen eined größeren iflublifumö aufznbecfen, ald eine Berleßung ber
Söürbc ber SKiffenfchaft; fie glaubt gegen bad gorum, öor weld)ed man
fie citirt, als" ein unjuftänbigeö proteftiren zu bürfen. ülber bad ift eben
ihre petitio priueipii, baß, roeil il)r geroiffe Ibatfarben ober gormein
lebiglid) ben 91'ertb »on Srjmbolen haben, beren lentung ohne Beein-
trächtigung beb ©laubend ber tbeologifdjen Bearbeitung überlaffen Werben
fann, nun aud) fofort behauptet wirb, baß überhaupt für niemanb biefe
Ibatfarben ben fRang wirtlid)er ©laubendtbatfacben behaupten fünuen.
©ine reblidje Ideologie wirb ja freilid) and) unterfdjeiben zwifchen bem,
was" lebiglid) in miffenfdjaftlirbetn gntereffe zu behaupten ober zu »er«
Werfen ift, unb bem, was" ben ©tauben angebt, unb wirb bie Kompetenz
Zum Urtl)eil über biefe rein tbeoretifdien gragen nur gaebgenoffen zu«
ertennen. 9lber fie wirb fid) nid)t weigern, itjre ©d)lußergebniffe ber
Vjjrüfung Weiterer Streife an bem SDlaßftab bed zur ©rpaltung perfönlicben
unb allgemein d)riftlid)en Siebend uncntbebrlidjen SBabrbeitöbebarfd meffen
ZU laffen.

8tnf ©rnnb ber in ben oben angeführten SBorten zum vludbruct
fommeuben Boraudjeßung für Siöfnng feiner Aufgabe fnd)t nun graut
»or allem zu zf'9en, wie bie abfällige Beurtbeilung ber ®rnnberfabrung,
»on ber nad) bidberiger Stunabme bie SReformation iljren Sludgangdpuntt
genommen, ber ©rfal)rung »on ©ünbe unb ®nabe, Weber mit ber ge«
fd)id)tlid)en Sirflirbfeit ftimme, nod) ber Iljatfacbe bed ®laubendlebcnd
ber ®cgenwart gerecht werbe (©. 5—10). lie OuSfübtunfl" über bie
©ünbe leitet fobann zu einer furzen Söetradjtung bed fReligioiiöbegriffed
fRitfcbCd mit feiner »orwiegenben Betonung ber Beziehung zur ß*H
über. Bon t)ier aud erft wirb ber 9Raugel in bem 9iitfd)l'id)cn Begriff
ber ©ünbe redjt bcutlid) unb ber ®runb, warum ber ©ebaufe bed gött-
lichen fjorned unb einer ©übnung abgewiefen Wirb. 9luö}übrlidjer wirb
babei erörtert, wie wenig ber 9iitfcbnd)c Begriff bed fReidjed ®otted fia)
mit bem biblijd)cn bedt, wie tünftlid) ber ®eöanfe ber Sühne in ber
©djrift beifeite gefdjoben, wie wenig geeignet biefe ganze Sluffaffuug ift,
bad SRenfdjenberz in feiner vlnfecptung zu tröften (S. 11—18). Bon
hier aud wenbet fid) graut Z" bcr ^eßra »on ber §fildaneignung. laß,
fo febr man fRitfdjl zugeben wirby baß bie ©ünbenöergebung burd) bie
Sirdje »ermittelt ift, bicfelbe barum bod) inbioibuell angeeignet fein will,
unb baß ber SRangel näherer 9ludfagen über bie 9lrt bed ljuftanbcfommend
eined neuen Siebend im ©inzelnen mit bent SUtangel einer Sichre »on bem
erböbeten ©briftud unb bem »on ißm audgebenben ©Seifte zufammenbängt,
ift mehr nur angebeutet ald audgefübtt. ©twad audfübrlid)er ift bie
^Beziehung ber 9ied)tfertigung zur Heiligung gegen 9titfd)l in ©djut) ge»
uommen unb feine cigcntl)ümlid)e Sieljre »on ber «5olltomment)cit be«
leud)tet (S. 18—23).

SRacbbem fd|(icßlid) nod) auf ben Süiberfprud) ber ©briftologie 9iitfdjrd

mit ben biblifdjen Sludfagen unb bem religiöfen SBebürfniß bingewiefert
ift (©.23-26), wenbet fid) granf z» ben ©djlußbemerfungen, Welche
nad) furzer S8eleud)tung bed ylnfprudjd auf reinlidjc Sonberung »on
Ibeologie unb Sptfilofoptjie in feiner llnbaltbarfeit nnb bed z» weit
greifeuben ©iferd gegen bie ÜRpftif (bid ©. 29) fid) auf bie »oraud«
fiditlidje SBirfung biefer Ibeologie auf bad fird)licbe Sieben bezieben,
gntcreffant ift bie 9Infübrung einer SBemerfung §arnad'd, baß 9ittfct)t'S
„Unterricht in ber djriftlicben Siebre" fid) nicht ald Siebrbud) für bie
©pmnafien eigne, folange bie tljeologifdie gönnet fid) nicht DÖUig mit ber
©adie bede. ©ollte man wirflieb auf jener ©eite mit bem alten bogmen«
gefd)id)tlid)en VBrozeß bcr Umbeutungen unb halben 9lnfd)lüffe z» brechen
fid) entfcbließen, fo müßte granf mol nur um fo mehr bie ©infübrung
ber fpccififd) 91itfd)rfd)en Siebrfäüe in bie fird)Iid)e vjirajid für »erl)äugniß«
»oll halten. ®en SJeifaU, ben biefe Ibeologie gefunben, fann er fid) bod)
nidit nur aud ber fBebeutfamfeit ber tbeologifdjen Sieiftung, aud ber
9iübrigfeit begeifterter Schüler, fonbern aud) and einem IRangel an geiftl.
©rfabrung, welcher bie 28ibcrfprüd)e ber natürlidien ©rfenntniß gegen
bie djriftlicben !peilöwabrl)eitcn beutlidjer ind SSemnßtfein treten laffe,
erflären. lanad) tonnte benn »on unferen SBefenntniffen fo gut wie
nichts bleiben. 9Jon ber üluguftana blieben nur etliche Säfce neben Bietern
Unbrauchbaren unb grrigen. lud 9(poftolifum würbe fid) nur eignen, bie
d)riftlid)c Schule ald fatbotifchc im ©egenfaü zur gnoftifdjen z» djarafte«
rifiren. 8118 liturgifcbed tüefenntniß bliebe nur bad Sfaterunfer übrig,
aber aud) bad umgebeutet, namentlich feined ©barafterd ald SJittgebet
entfleibet. lad SBtiditinftiiut hätte feinen Sinn mehr; unfere adfetifd)e
Süteratur, bad Slirdjenlieb eingefd)loffen, müßte unbrauchbar merben.
SHugcjicbtd biefer sJRöglid)feiten, bie um fo näher liegen, ba bie hinter*
männer fd)on fid) ze'8eit/ weldje barauf halten, baß Sad)e unb gormet
fid) bedt, tröffet fid) granf mit ber ®emißheit, baß feine ber §eim«
fudjungen, weldje ®ott über feine ®emeinbe fommen läßt, »orübeegebt,
ohne fie z» förbern unb ihrer rBotlcnbnng näßer zu bringen (bid ©. 33).

Siiegt bie Söebeutung biefcd Siortragd weniger in neuen ©cfidjtS«
puntten, bie geltenb gemacht werben, al« in ber Ueberfidjtlicbfeit, mit
weldjer bie bebenflieben unb meift in wörtlicher Slnfübrung aud ben
9Utfd)t'fd)en ©d)riften wiebergegebenen ©rflärnngen Sriitfchl'S jufammen«
gefteUt unb in ihrem SlUberfprud) mit ©ü)riftauöfagen unb ber d)rift«
lieben ©rfabrung aufgezeigt werben, fo bat granf burd) zwei SBeilagen
nod) befonberd bafür geforgt, jener Sdjrift aud) für bie fpecififd) wiffen«
fd)aftlid)e Slontroöerfe eine befonbere Söebeutung zu fiebern.

Die erfte Söeilage befchäftigt fid) mit ber erfcnntnißtbeoretifd)cn grage.
©ie mad)t barauf aufmerffam, wie fdjmaufenb bie ©rflärnngen 9titfd)ld
über ben Söemeiö bed ©briftentt)umd finb, wie er erft in flnfnüpfung an
ben ffant'fd)cn 93egriff bed 9)eid)ed ®ottcd einen allgemeingültigen ®otted«
beweid z» führen unternimmt, um bann auf biefem giinbament bad
©briftentbum aufzubauen; wie er bann aber biefe ®runblage felbft wieber
retrafrirt, wenn nicht audbrüdlid), fo »od) tl)atfäd)lid) unb in einer frei«
lid) nicht übermäßig Maren ffflenbung bei got). 7, 17 ald lebtem töeweid«
grunb anlangt, gnbem er aber nun ben Sdjtitß »on ben SlBirfungen
auf bie Urfadfen »erbieten will, ftellt er fid) bem ®ange entgegen, ben
befannttid) granf einfdjlägt, um bie »Realität bed d)riftlid)en ®laubend»
gebalted zu erreichen. Die llnzuläjfigteit biefer 9fitfd)t'fcben ©inrebe zu
bemeifen, bemüht fid) granf mit gutem ©rfolg, unb bannt ift bad asylum
iguorantiae, in welchem bie 9{itfd)l'fd)e ©d)ule fid) gegen unliebfame
gragen zu febüben liebt, mefcntlid) erfebüttert.

gn einer zweiten Beilage (cht fid) granf bezügtid) ber Setjrc »on
®ott mit 9titfd)l audeinanber. Die tfSolcmif bed letzteren gegen bie 9ln«
wenbung bed SJegriffd bed 9lbfoluten auf ©Ott ließe fid) öietleid)t nod)
aud ber Sdjeit »or Slbftraftioueu erflären, wie fie fid) ja in ber ©e«
fd)id)te ber Ißbilofophie fo oielfad) an biefed SBort fnüpften; aber bem
unbefangenen Siefer mußte ed bod) immer uuoerftänblid) fein, wie 9fitfd)l
mit ber SSerwerfung biefed Söegriffd zugleich jebe löefttmmung bed SSefend
©olted, burd) weldje bad letjtere »on bem bed Screatürlidjen unterfd)ieben
werben fotlte, ablehnte, granf fud)t zu ZL''9e». bQß ber begriff bed 9lb«
fohlten, wie er iljn faßt, pofitioen guljaltd unb ©egenftanb a)riftlid)er
©rfabrung ift, wübrenb umgefebrt ber Begriff bcr Siiebe oßne bie Söafid
bed 91bfoluten in ber »on 9titfd)l gegebenen gaffung ©Ott in einer SBeife
mit ber SHSelt »erfettet, baß er entmeber feinen Selbftzwed mit 18er«
neinung perfönlicbcr greißeit burd)feben ober mit ülnfgabe feined eigenen
SEefend auf bie lurdjfefjung biefed Ijwecfcd »er,id)ten muß (3. 68).

©erabe auch um biefer leßteren 9ludfübrungen willen, bie ben ©otteö*
begriff betreffen, mag bie Meine Sdjrift, weldje fdion burd) ben vRamen
ißred SSerf. bie 8tufmerffamfeit ber ttjerlogijcb intereffirteu Strcije wad)
ZU rufen geeignet ift, an biefer Stelle nod) befonberd empfohlen fein.

3djmibt.

9Alel)rmann, Dr. Iljbr. («ci). 9ies.= u. S[5ro»in„taifd)uirat), ©rieibentum unb
(Sbriftentum. ©efammelte Vorträge, löredlau 1888, g. |)irt (216 ©.
gr. 8). 3.50.

Der litel biefer Borträge „©rieebentum unb ©briflentiim" ift nidjt
babin Zu »erfteben, baß eine metbobifebe 9ludeiiianberfeßung bed Berbält«
niffed zwifdfen beibeu beabfid)tigt würbe; er will fagen, baß bie hier be«
fprod)enen ©egenftänbe fid) alle meßr ober weniger auf bad erwähnte
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