Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

10.1889

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Hr4 7. tfeipjtBi to» 15. JFebruor 1889,

tlplogtfdp Cittraturbtatt

JlnrErltünagBbuIjr pr. ncfp. PeIiIieiIi: 30 Pf. _

(ExpEbHion:
Xtüntrje|IrariE Hr. 13.

gine »cjctjiditc bei iiciiteftamcntlidjcii Smionä. I.
Struck, Herrn, h., Die Sprüche der Väter.
Ytllkens, Dr. C. A., Geechichte dce »panischen

Protcstantismu».
lOOUMftu«. l'«f. D. 03., 3>ic d)ri(tltdjc logmcit-

fjf(djid)te.

Vatke's Wilh , Heligionsphiloeophie. Weuefte tftcoTofli(cl)e fiiteratut.

Krönt, D. Tit. S. 9t., Ucber bie flre&Iidjc SSebeu- i Bettjdjrlftcn.

tun« ber SEtjcotoaie 91. mm- „ ,ri Jjerltf.ebene«.
Söctjrmamt, Dr. Ifibr., OJriedicntum U. Gruiten- (Stmtbenmg.

tum.

€inc (öc|'ri)ttl)tc öcs ncutcltamciiUidJrn feamnis.
t

Qu bcn auögelprodjenften Xefibericn bcr tljeoloQticrjen Sitcratnr ge-
hört eine ©eftt)id)te be« neuteftamenttidjen Ranon«. 9lber je pertrauter
jemand mit bcr einer foldjen gefteüten Aufgabe geworben, um fo mehr
Dingte et iid) ißrer Sdjwierigfeit bewußt werben. Xaßer ift benn audj
feit Vollinar Erebner'« „®efdjid)te be« neuteftamentlidjen Ronen«" her-
aui |egeben (1800) nur als Veftanbtljeil ber Einleitung in« W. X. biefe
©ejdjidjic bchanbelt worbeu. Wim liegt ber erfte Xßetl einer nmfaffen.

ber (montaniftiia)en) Vropljeten bereit Beßre in ber Kirche Berbreiten
wollte, mußte ben SBortlaut ißrer Verfünbigung mitbringen." „Sine
Offenbarung oljne Veurfunbung in b- Schriften . . war für alle ein
unoorftedbare« Xiitg." Seinerfeit« aber mujjte ber ®egenfafj sunt Wlon«
tani«mu« ba« Vewußtjein ber 9lbgefd)(offenl)eit be« Kanons! fteigern.

lieber bie Entfießung ber altlateinifd)en Ueberfeßung fid) burd) bie
fpütcren 9lu«fagen ber Väter belehren ju laffen, letjnt galjn ab; benn
eine gefdjichtlicbe Uebertieferung babon gab e« nidjt. Er jeigt aber aud),
entgegen ber burdjgängigeitVehauptnng oberVorauöfefcuiig be«©egentßeit«,

bcn „Geschichte des neutestame'ntliehen Kanons" (1. Bd.: Das i baß nod) Xertudtan eine foldje lleberfefeuttg überhaupt nidjt fannte; in
Neue" Testament vor Origenes. 1. Hälfte) von Theodor Zahn oor | müiiblidjer SSetfion würbe oielmefjr bamal« bie Schrift Borgetragen, Wie

(Erlangen 1888, Xeidjert [V, 452 S. gr. 8] 12 Wif.). Hu« feiner be-
rufeneren geber al« au« ber gaßn'« tonnte fie fommen. Qu feinen
„gorjdjuugeii 0ur ©efcgidjtc be« neuteftamentlidien Ranon« unb ber alt»
lird)l. Sitrratur" hatte er einer foldjen jdjon tüd)tig Borgearbeitet. E«
ift aber erfreulich, baff er bie Wcifjenfolge ber „gorfdjungen" Borläufig
nnterBrodjen hat, um bie ®efchid)te be« Ranon« felbft in eingriff ju
nehmen. vlderbtng« muß aud) 3at)n mit bem ®cftänbniß beginnen, ben
Warnen einer ®cfa)ia)re be« neuteftamentlichen Kanon« für fein SBerf
nidjt in IHnfprua) nehmen ju fönnen, fall« „nur ba« ®efd)ia)te ju nennen
wäre, ma« als glaubwürbig überlieferte« Ereigniß erjählt unb al« ur-
funblich bezeugte Entwidelung befdjrieben werben fann". 9Ibcr wa« er
bietet, jeigt gerabe iljn jur Söfung ber Slufgabe, bie er fid) geftetlt, be-
fähigt, unb ift mir baßer bie ülufforberung jur Vefpredjnng biefer ©djrift
eine greube gewejen.

911« feine Ülufgabe aber beftimmt Qal)n bie Veantwortung ber „grage,
Wie bie Vüdjer, au« welchen ba« 91. X. befteßt, fid) ju einem eint)eit»
lid)en ©anjen Bon gleichartiger Vebcutung ^ufammengefunben hoben".
„Wieb/t ein Kapitel ber Xogmengefdjidjtc gebenfe id) ju fdjreiben", heißt
e« ©. 83, „fonbern ein Stücf ber ®efd)id)te be« fira)Iid)en lieben« unb
in«befonbcre be« d)riftlid)en Kultu«". ®enn „nidjt ein ®ogma Pon ber
Snfpiratiou ber apoftoliid)en 5d)riftftetler hat ba« W. %. ber Kirche ge-
fchaffen unb ben eiu0elnen 93üd)ern ben Eintritt in bie Sammlung er-
fd)loffen ober oerfperrt, fonbern umgefef)rt, bie thatfäd)Iiche Wnwenbung
unb bie burd) ba« §erfommen begrünbete ®eltung ber ©djriften im

e« ja aud) nie eine feltifdje unb punifche Ueberfefeung gab. Qu Wufang
be« 3. gah/rbunbert« war aud) nod) im Ülbenblanb ba« ®ricd)ifd)e bie
eigentliche Sprache ber Kirdje. — Sie grage, ob ftobej ober Wolle, ift Bon
93elang für bie ®efd)id)te be« Kanon«; benn „bie Robififation ift bie
Pütlige, bie finntid) fid) barfteflenbe Kanouifation". ipierin im ®egenfab
SU 93irt („®a§ antife SSudjwefen." Berlin 1882) weift f-fahn bie gorm
ber Wolle für bie h- ©d)riften ber ä Heften Kirche nach. 2>ie Wften ber
biofletianifd)en Verfolgung jeigen ba« allmähliche Ueberbanbnebmen ber
Kobejform, aber erft nad) bem ©ieg be« Ebriftentljum« wirb biefe all-
gemeine Wegel. -Oager fann in ber älteren ifeit aud) Bon einer beftimm-
ten Weihenfotge ber auf mehrere Wollen oertheilten biblifchen S3üd)er nid)t
bie Webe fein. ®te Einheit be« Kanon« ift um 200 nod) eine ibeetle.

®amal« aber befaß bie Kirdje eine au« SBüdjern 91. unb 9t. %. ge-
bilbete „Schrift", gn berfelben ftehen bie Söerfe bcr 9lpoftelfdjü(er bura)-
au« auf gleicher Uinie al« untrügliche llrfunben göttlidjer Ciffenbamng
mit ®efeh unb Vropßeten be« 91. 21. 25em Wiberfpridjt nidjt bie nur
relatioe Wbgefdjloffenfjeü be« 91. %., über beffen Vüdjer feine fefte göhlung
beftanb, bie aud) nidjt in aUeu Rirdjen bie gleichen Waren, gür ab-
gefdjloffen galt bie EnffteßungSjeit foldjer ©djriften; e« gab eine fanonifdje
Seit, aber nod) feineu abgefdjloffenen Kanon. 9lber au^ für bie 9In»
erfennung be« ftenochbud)« al« Veftanbtheil be« 91. %. tonnte ein Xer-
tullian eintreten. Xie SufammenfteUung mit bem 91. %. im fultifdjen
®ebraud) begrünbete bor ädern bie 9lnfd)auung Bon ben eBangelifchen
unb apoftolifdjeu ©djriften al« heiligen Cffeubarung«urfunben. Xiefe

Sehen unb in«befonbere im ®otte«bienft bcr Kirdje hat fie mit bem ; gotte«bienftlid)e Verlcfung mar ba« Kennjeichcn fanonifdjer Sdjriften im
Wimbu« bcr ^eitigfeit umgeben unb hat bie Vorftedungen boii einem j llnterfdjieb Bon ben „apofrhptjen" b. h. ben pon ber öffentlichen Sefung
übematürlidjeu llrfprung unb Pon einer ade fonftige Siteratur weit j au«gefd)loffenen, bie babei j. 93. nad) Drigene« immerhin ed)t unb in-
hinter fidj laffeuben 933ürbe erseugt". „UnBergleidjlid) wichtiger aU bie ! fpirirt fein fönnen. TOit Bodfter Entfchiebenheit befäntpft 8afjn bie Unter-
unjufammenhängenben ©ebanfen ber XheotagE« über Da§ ®- Qlg fd)eibung Pon fanonifd)en unb fird)Iid)en 2efefa)riften für biefe Seit. 933o
®otte« 9i5ort unb Cffenbaruiig«urfunbe ift jebenfad« ba« W. X. felbft, | ber Ean. Wiurat. in 93esug auf ben girren eine foldje Unterfdjeibung ju
beffen Sterben unb 933ad)fen al« einer Sammlung." E« barf baßer ber I Bertreten fdjeint, wirb er oielmeljr eine Sefung be« feurten in Weben-
Kanon, b. Ij. bcr Krei« gotte«bienftlidjer Vorlefebüdjer nidjt berwedjfelt | gotte«bienften befürworten. 933ot aber Würbe ätoifd)en regelmäßig unb
werben mit gewiffen Vorftedungen ber Xheologen pon benfelben (3. 430). '■ au«nahm«meife gelefenen ©d)riften unterfdjieben.

Vor adem galt e« eine fiebere 93afi« jum 91u«gang«punft ber Unter- j Dbenan im neuteftametitlid)en Kanon ftanb ba« „Bierfaltige Eban-
fudjung ju gewinnen. Eine foldje falj fid) Qaijn in jener Epodje ber | gelium", al« einheitliche« fdjon burd) bie Veseicßnung „nach Watthäu«" je.
alten Kirche gemiefen, weldje burdj reidje Itterartfcfje Xcnfmälcr für un« | djarafterifirt. Xie« Enangelium bitbete bie adein maßgebenbc Ur-
in hrderem Sicht fteljt al« jebe anbere ber Borfonftantinifcfjen Veriobe, bie funbe Born £>erm, modjte man aua) anbermeitige glaubmürbige Kunbe
Seit etwa Pon 170—220. Xer folgenben Veriobe, weldße Drigene« ein- i beßhen. „933eil biefe Bier Eoangelieu unb nur biefe Bon ben 9lpofteln
leitet, fod ber Dritte 93anb gewibmet fein. Xie jweite $älfte be« Bor- unb 9lpoftelfdjütern, bie fie gefdjrieben haben, ber Kirdje al« ®runblage
liegenben Vanbe« wirb Bon 170 rüdwärt« fdjreitenb einen Einblicf in j ber Erfenntniß Pon Efjrifti SBerf unb Seßre übergeben morben finb,
bie frühere ®efa)idjte be« Kanon« unb bie grunblegenbe Entwidelung ju [ barum muß ade« .. an biefen Vüchmt gemeffen fein" (S. 169 f.). Einem
erlangen fudjen. Xer jmeite 93anb aber mid in fünfsehn Veilagen bie | grenäu« finb biefe Pier Eöangelien in ihrer feftfteßenben ffaßl fo Jeßr
ansführtidjere Vegrünbung be« im erften 93anb Xargeftedteu liefern. j ba« gunbament ber Kircße, baß er aua) int ©d)öpfung«werf ®otte« bie

gn bem oorliegenben Xßeil be« 933erfe« geßt ber Unterfucßung nod)
Borau« bie, unb swar befonber« leljrreid)e, Erörterung einiger jumeift
Wenig beachteter Vorfragen: naa) bem Einfluß ber montaniftifdjen 93e-
»egung auf bie geftftedung unb bie 933erthid)äbung be« neuteftament-
lidjeit Kanon«, naa) ber altlateinifcheit Vibelüberfeßung unb nad) ber
äußeren ®eftatt ber Vibel um 200. Xie Wiontaniften gefedten bem Bon
ihnen bereit« Borgefunbenen neuteftamentlidjen Kanon nod) ein britte«
Xeftament, ba« be« VaraKeten, au« beffen 933eiffagungen unb ben ©enb-
fdjreiben feiner 9lpofte( beftehenb, Ijinsu, gerabe bie« ein 93emei« für bie
fcboii feftgegrünbete 9Jcad)t be« fircßlichen Kanon«. „933er nad) bem Xobe

Uebereinftimmttng bamit erblidt. „933a« ber £>err im EBangelium fagt,
war bie oberfte Seßrauftorität ber Kirdje; aber aua) ba« 9J3ort ber Eoan-
geliften, weldje bie 9lu«fprüd)e ©ßrifti gefammelt, in gefd)ia)tlid)en Waßmen
gefaßt unb mit 9J3infen ber Xeutung au«geftattet hatten, war ß. Sdjrift"
(S. 192). gm Dfterftreit, b. ß. bem Streit um ben tjeitpunft ber ba«
gaften fcßließenben öfterlicßett 9lbenbmaßl«feier, wirb burdjgängig auf
®runb ber Unmöglidjfeit eine« 9J3iberfprud)« unter ben Eöangelien argu-
mentirt. Wlit nur fdjeinbarem Wedjt ßat man für Siemen« 911. foldj
einen abgefdjloffenen Eoangelienfanon beftritten. Dbfchon Siemen« gemäß
perfönlidjer Weigung unb bem Sßarafter feiner Kirdje fidj nidjt feiten
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