Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

10.1889

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fie jegliche Sezießung auf DtitfoßTS gewagte Jßefen über ben ^orn ©ottee?
unb bie futurifdje Sebeutung Bon &ca|pXo>OTai Bermiffen lafjen. 5)en
©aß Bon ber Sergeltung in 2, 6 Weiß ber Serf. forool mit ber
fonftigen 2el)re Sauli ald mit berjenigen bed Safobud in ©inttang
(I, 365. 410).

Söci ben Darlegungen über ben Segriff bed ©oßned ©otteS (#. 129 ff.)
fdjeint fidj ber Serf. zu fet)r unter ben Einfluß moberner ®ebattfenbläffe
begeben zu haben; wir fürajten, Sautud mürbe feine 91nfdjauungen ba
nidjt roiebcrfinben. ßefcndroerth, obmol nicht enbgüttig befriebigenb ift
bie Sefjanblung ber fdjroeren SßSorte 3, 5 — 7. ©roße Sorgfalt roirb
auf ben Segriff beb" ©laubettd Bermenbet, bem ber Serf., bei rcefentlict)
„mßftifdjer" Raffung, mit 9iedjt große Sebeutung betlegt (zu 3, 31 f.;
I, 296—302). Der ©laube, fotl er fid) im Mcnfdjen Berroirfliajen, forbert
ein Dbjeft, unb jroar, ba er mßftifdjer 9Irt ift, eine Serfon: Qefum
©ßriftum. ©d ift bie confiance sans reserve, l'abandon du coenr ä Jesus
(p. 299 f.). 8n 3, 24-20 finbet ber Serf. nidjtd Bon einer satisfactio
vicaria audgefagt, inbem er an biefer Stelle StxatoooVi] 9-soü ganz roie
1, 17, alfo nidjt ald ©igenfdjaft ©Otterl Berfteßt, unb bei «htbXÄ tpioo'tc. in
einer eigentümlichen uub bed Dcadjbenfend roertßen SSetfe bie Sorfteüung
einer SJöfcgelbed ald bem Segriffe gar nicht roefentlid) ablehnt (S. 307 ff.j,
rooburdj audj bie Raffung ber Serföhnung in 5, 6—11 beeinflußt tuirb.
Die feinen 9Iudfüljrungen ju 6, 12 ff., mo fapia richtig mit parceque
roiebergegeben roirb, hoben ben 9tef. nicht überzeugen fonnen, baß bie
firchlidie Sluffteüung unb Serroertßung bed 9Iudbrucfed unb Segriffed
©rbfünbe roiber ben Sinn Sauli fei: ed bleibt ja unter allen Umftänben
ber roie auch immer ju beutenbe erbliche yjufammenhang ber ©ünbe roie
beb Jober aller Einzelnen mit ber ©ünbe Slbam's- ald roefentlidjed
Seroeidtnoment beftehen, uub barauf fommt ed ja an. Unb roie ganz
nnb gar hängt biefed mit Sauli fonftiger 9lnfajaunng zufammen, ald ber
immer unb überall gegen auflöfenben fittlidjen 9ttomidmud ©efatnmt-
Uebet, ©efammt-SäjuIb, ©efammt--®üter betont!

Die Seßauptung, befonberd zu 7, 7 ff., Saulud rcbc bort unb fonft
oft (z. S. 6, 14) nidjt Born mofaifdjen ©efeß, Dürfte über bad jfiel
hiuaudfcbießen, infofern für Saulud unb feine Seßre fein anbercd ©efeß
bem mofnifdjen Bergleichbar erfdjeinen fonnte: felbft bei allgemeiner Se»
ßanblung beziehen fid) alle Sludfagen über einen vduoc irgenbroie auf
bad mofaifdje ©efeß, fei ed jzuerft, fei ed zuleßt. SBoßltßuenb aber ift
bie Slbleßmmg polemifdjer 9lbfid)t bei foldjen 9luäfagen. flu 7, 15 ff.
roirb ipoulud bargefteHt ald fid) mit üebßaftigfeit zurücfBerfeßenb in bie
Qtit, ba er unter Dem ©efeße roar: roäre ed nicht nodj beffer, ßerBor»
Zußeben, baß bie Darftellung eine begriffliche, alfo geitlofc ift unb baher
eben mutatis mutandis Bon aller fjeit bed Menfdjen unb bed ©tjriftert
gilt? Daß enblidj in ber ©tabt ©alBin'd tüchtige Seiträge geliefert
»erben, um bie Sräbeftinationdleßre forool nach 8, 29 f. ald nach
San. 9—11 ald unpaulinifch zu erroeifen. roer unter ben beutfdjen liefern
wollte fid) beß nicht freuen?

©d liegt zulegt nahe, bie beiben neuteftamenttidhen Kommentatoren ber
franzöfifeßen ©cßroeiz, ®obet unb Dltramare, miteinanber unb zu ben
beutfdjen Mitarbeitern in Sezießung zu fetten, ffür ®obet roirb fich nidjt
leidjt ein zu Sergleidjenber finben, roie nahe aud) biefer ober jener 9?ame
liegen mag. ülber man fennt ja bie ißm eigentbümtidjc Serbinbung
Bon SBärme, ®eift unb ®enauigfeit. Sei Dltramare finben fid) biefc
©igenfdiaften auch, aber in umgefeljrter fUeitjenfülge. ©r erinnert an ben
Metier ber beutfdjen Kommentarliteratur, forool hinfidjtlid) bed SBertßcd
überhaupt ald hinfidjtlirh ber Umftänblidjfeit unb ©rünbliajfeit in Ser-
roerthung ber bidßerigen iliteratur.

Safel. ________ 05. fddjnebermann.

gifdjer, Kuno, Ueber bie menfchlidjc greißeit. Storectoratdrebe. .fjeibeh
berg 1888, SMnter (47 95. 8). 1. 20.
3=n geiftreidj feffelnber, Iogifd) fdjarf fdjeibenber, tiefen fittlidjen ©rnft
mit gelegentlich ßiimoriftifcher Kritif nerbinbenber Darftellung beßanbett
ber Serf. in plaftifdjer ©fizze bie Hauptprobleme, bie ber nielbcutige
unb Bieluntftrittene greißeitdbegriff in fid) birgt. Slufuüpfenb au ein Slort
Sari griebridj'd Bon Sabeu (an ftlopftocf): „Xie ffreißeit ift bad ebelfte
9ied)t bed Menfcßen unb Bon ben SrBiffenfrßaften ganz unzertrennlich''
geßt er auf bie uralte ©Streitfrage über: ift ber Menfrß frei ober unfrei;
ift bie ffreißeit und innerlich bureß unfer ©elbftpefüßl unb ©elbftbe*
roußtfein nerbürgt, ober ift fie nur eine leere ©inbilbung, ein tßöridjter
^rrtßum? SSie furze, fdjlagenbc, oft braftifeße unb ironifeße ffritif ein»
fettiger Sluffaffungen füßrt zu ben, burdjaud zu bidigenben Sluffteüungen
bed Serf., bie in bem ©aße gipfeln: ber Menfcß ift ald ffiaturroefen
nidjt fo frei, baß er tßun unb laffen fann, Wad er roiH; aber moralifdj
ift er borß fo weit frei, baß er bie Serantroortung für feine Hanb-
lungen tragt. ®ie fjrage ber „SBiHeudinbifferenz" bezeichnet ber Serf.
richtig ald eine im ®runbe Berfeßrt gefteüte, praftifdj müßige nnb un-
fruchtbare. @d fei falfdj, bie Unroiberfteßlicßfeit Bon Motioen gegen bie
93iHendfreißeit, unb bad ©rgreifen Bon Seftimmungdgrünben für bad
Sorßanbenfeiit einer grunblofen SBJiHfür auszubeuten; benn: jebed
roirffame MotiB hat bie Siahl nießt bot fid), jonbern hinter fid); bie
Seroeggrünbe finb nie roirffam ba, ohne Boraudgegangene SBaßl unb
©infießt in ben SJertß ber gerabe fraglichen fgntereffen. Ueberzeugenb

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beutet ber Serf. bie §auptgefiä)tdpunfte an, bie zu bem ®eftäiibniß
brängen: abfotute greißeit ift für und nie uub nirgenbd ba; unfer
Können unb SMrfen ift natürlich unb redjtlidj befdjränft; bewußt ober
unbewußt übt unfere ©infießt einen ©influß auf unfere jeweilige SJaßl
aud; SKiüfür ald Sermögen grunblod zu ßanbeln, ift SSafp. vtluf bie
fummarifdje, freiließ uuflare grage „beterminirt ober nidjt"? antwortet
ber Serf. fonaeß „beterminirt". ®orß nur in bem ©inne ift ber Menfrß
in fittlidjen Urtßeilen uub Jßaten beterminirt, baß ber eigene ©ßarafter,
b. i. bie fonftante Slrt unb üiidjtung ber ©efinnungen, bie Duelle unb
Soraudfeßung ber ©inzelentfrßeibungeii ift. Mein ©ßarafter aber ift
nidjt äußere Jlotßroenbigfeit unb fein Bon außen roirfeuber ;jwaug,
fonbern Siefultat eigenfter, freier, früßerer SBillendtßaten. Meine heutige
jßat ift 9?otß»enbigfcit, ba golge meined längft mir eignenöcn ©ßa-
rafterd. gür biefen roie für jene bin irß haftbar, nerantinortlidj, unb
Z»ar laut ber unentrinnbaren ©eroiffendftimmc. Sortrefflirß ift, wad
©. 38—41 über bad ®eroiffen ald ©rfenntniß- unb Seroeidgrunb für bie
Jßatfadje ber moratifdjen ffreißeit unb Serantroortlirßfeit beigebracht
Wirb. „SBäre ber natürliche ©ßarafter feine Jßat ber greißeit, unb
Wären unfere ©efinnungen (Jßaten) nidjt uotßroenbige folgen bed natür-
lichen ©ßarafterS, fo gäbe ed fein ©etoiffen." sÄuf bie grage: „ift ed
möglich, heu natürlichen ©ßarafter zu änbern unb zu beffern" gibt ber
Serf., anberd ald Kaut über menfcßlicße Slutarfie urtßeilenb, bie im
©hrifteutßum oerfünbete „Umroanblung" ber ©ßarafterwurzel, innerfte
Umänberung ber Bon Selbftfucßt getriebenen SBiHendridjtung (psxc!-
voiaj an. CJ. )t).

Cui rent Discnssions in Tlieology by the Professors of the Chicago
Thcological Seminary. Vol. V. Boston and Chicago, Congregational
Sunday-School and Publishing Society (XI, 404 p.).
Jiefed norbamerifanifdje ©egenftürf zu unferem beutfdjen „Jßeologi-
fdjen Qahredberidjt" Würbe aud ?lnlaß feiner früheren Qaßrgänge jeßon
ineßrniald in b. St. befprodjen (zuleßt Sb. IV, Saßrg. 18^7, ©. 148j.
3)er norliegeube Sanb erjdjeiut im Serßältniß zu feinem Sorgäuger um
faßt 80 ©eiten geroadjfen. Qjn Sezug auf Bielfeitig leßrreidjeu 3tlßalt,
präcife 2lbfaffung unb zuiecfmäßige ilnorbnuug fteßt er auf feine SSeife
hinter bemfelben zurüd. ®ie Sertßeilung ber Biteraturgebietc unter bie
fünf gadjprofefforen: für 91. J., 9c. J., Kirdjengefcßirßte, fpftematifeße
Jßeologie unb praftifdje Jßeologie ift bicfelbe roie früßer geblieben; aber
an Stelle bed Kirdjenßiftoriferd, 9Jrof. Huglj Scott, welcher bad Borige
mal ben Bafanten Soften bed ncuteftamentlidjen Jßeologen Berfaß, ift
jeßt roieber ein berufsmäßiger Scrtreter biefed gadjed, Srof. ©ilbert, ge-
treten. ®ie Herausgeber entfdjulbigcn fidj im Sorroort wegen ber faft
überroiegenben Serücffidjtigung ber tßeologifdjen iBublifationen ®eutfdj-
lanbd. SBir Jeutfdje ßaben fonadj feinen ©runb zu etwaiger SefdjtBerbe-
füßrung wegen nnd zutßeil roerbenber Sernadjläffigung. Slber mandjed
9leue, auf anberen Siegen nur fdjroer jjugänglidje, befonberd mandjed
gntereffante über ben Qnßalt norbamerifanijdjer unb englifdjer tßeo-
logifdjer yjeitfdjriften, lernen bod) audj wir aud biefer gebiegenen Ueber-
fießt fennen. Jedßalb fei biefelbe ber Seaajtung unferer ßeimatlicßen
tßeologifdjen Streife hiermit empfohlen. t-

Sctjrmann, ©eo. (^auptpaftor ju 6t. TOicßaeti« in Hamburg), ©inflißrung in
Die H ©ajrift Gilten nnb 9?euen Jeftantentd. Sorträge. ©üterd-
loß 1888, Serteldmann (V, 311 ©. gr 8). 4.50.
©d ift fiaunendroertß, roie Biel ©croinn audj ber Jßeolog, namentlich
ber in ber Menge ber mancherlei Slmtdarbeiten mitten brinfteßenbe
praftifdjc ©eißlidje, Bon einem fotrßen Sudje, roie bad oorliegcube ift,
baoonträgt. ©ine güHe Bon fJcotijen, bie einem entWeber nodj neu finb,
ober bie man früßer wenig beadjtet ßat, ober bie man fonft erft mit
Müße überallher zufammenfurßen muß, ßnben fidj in biefen in Homburg
Bor einem gebilbeten 3ußörerfreife gehaltenen Sorträgen unb in ben
beim Jrud hinzugefügten zahlreichen vlnmerfungen niedergelegt. Sor
allem aber bürfte bad, fdjon zufolge feiner ©ntfteßung, ein Such fein,
Zimt Sorlefen an ben laugen SBinterabenbeit roie gefeßaffen, fei cd nun
im engeren ober erweiterten gamilienfrctfc, fei cd in Sibelfränzdjeu u. bgl.
SBir fagen abfidjtlidj: zum Sorlefen. Jenn bad lebenbige Slort roirb
bem nidjt immer ganz leichten unb lidjten ©aßbau roefcntlidje Dienfte
leiften. 3nßaltliaj bürfte bad Sudj eine entfdjiebene £ücfe audfütlcn
unb ber großen Unfenntniß auf biefem ©ebiete abzuhelfen feßr geeignet
fein. 3e fieben bon ben 14 Sorträgen befdjäftigen fidj mit einem ber
beiben Jeftamente. Sefonberd roertßooa finb im altteftamentlidjen Jßeil
bie Bielfadj aufgenommenen 9ceu4leberfeßungen, namentlich poetifdjer
©teilen. Jen fritifdjeu fragen gegenüber roirb Bietleidjt mandjem bibel-
gläubigen Saien nidjt nur, fonbern audj mandjem ben 9luffteUungen ber
neueren SBiffenfdjaft abgeneigten Jßeologen ber fonft fo pofitiBe Serf.
ein wenig zu entgegenfommenb fidj zu äei8en fdjeinen; inbeffen, ba bied
immer gefdjießt, um zu beroeifen, baß mir Bon feinen fritifdjeu ©rgeb«
uiffen etroad zu fürdjten ßaben für ben in ber ©djrift gegebenen ©otted-
grunb unfered ©laubend, fo bürfte ed nur rooßltßuenb berühren unb
rooßltßätig rotrfen, wenn audj ber ©emeinbe ttirßt Borentßalteii bleibt,
welche fünfedjtungen gegenroärtig bad gefeßriebene Sfßort ©otted zu be
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